Die Illustration zeigt zwei Einkaufswägen, in dem einen ist mehr drin als in dem anderen

Balkan: Europas erste Pforte zur Türkei

In den 90er Jahren floh er vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland. Als gereifter Schriftsteller kehrte Beqë Cufaj vor zehn Jahren in seine alte Heimat zurück – und entdeckte eine light-Version des Neokolonialismus.

Kosovo, das Land meiner Abstammung, bleibt auch heutzutage, anderthalb Jahrzehnte nach der Befreiung, eines der merkwürdigsten Laboratorien der Großmächte, in dem sie alle ihre absonderlichsten Projektionen zu realisieren suchen. Die Amerikaner hatten nach dem Krieg die größte Militärbasis seit dem Zweiten Weltkrieg errichtet. Die UNO hatte die größte Mission seit ihrer Gründung, seit ihrer Existenz aufgebaut, und die EU hat heute dort ihre größte internationale Mission, seitdem sie besteht. Keine dieser Institutionen hat die Ziele ihrer Arbeit erfüllt. Denn Kosovo bleibt weiterhin ein Land, das seine volle Hoheit nicht auf sein gesamtes Gebiet ausbreiten kann. Weil Kosovo weiterhin kein UN-Mitglied ist.

Weil die Bürger von Kosovo, obwohl dort die größte Mission in der Geschichte der EU vorhanden ist, die Einzigen auf dem Kontinent sind, die nicht das Recht haben, sich frei in den EU-Staaten zu bewegen. Diese Aufgabe hätte die EU schon seit acht Jahren durch ihre Präsenz erfüllen sollen, aber jeden Tag ist immer deutlicher zu sehen, dass sie nicht nur versagt hat, sondern wir, die Steuerzahler nicht einmal die leiseste Ahnung haben, was diese Menschen in jenem Land tun.

Die eine Hälfte gehört dem einen Land, die andere Hälfte dem anderen. Doppeltes Gewicht, das belastet, soweit das eine auf das andere übertritt.

Eine light-Version des Neokolonialismus. Ein Irrsinn, der früher den Franzosen in Algerien, den Briten in Indien oder auch den Deutschen in Afrika nachgesagt werden konnte – in Kosovo hat eine Form eines Zusammenschlusses von großen Nationen Platz gefunden und äußert sich auf seine bizarrste Art und Weise. Eine „Internationale Gemeinschaft“, die nicht dort ist, um Probleme zu lösen, sondern die selbst zum Teil des Problems geworden ist. Indem sie in den ungelösten Konflikten mit Serbien zu vermitteln versucht – vom nördlichen Teil des Kosovo bis hin zu den Verschwundenen oder „Missing Persons“, wie sie im Jargon dort heißen.

Immenser Einfluss der internationalen Gemeinschaft

Um uns nicht misszuverstehen: Der Einfluss der internationalen Gemeinschaft, und damit auch der von uns Steuerzahlern, war groß, um nicht zu sagen lebenswichtig. Hierbei dürfen wir die stechende Realität nicht vergessen, dass etwa 70 Prozent unser Hilfsleistungen in das Ursprungsland zurückgeflossen sind und zurückfließen. In die Taschen der internationalen Helfer. Das gilt nicht nur für Nachkriegsstaaten wie Kosovo oder Bosnien und Herzegowina, sondern auch für Haiti und anderen von Naturkatastrophen betroffenen Regionen. Erinnern wir uns hier ein wenig an Europa und konkreter an Nachkriegsdeutschland. Tatsache ist, dass es die Deutschen waren, die den Krieg verloren haben, aber ebenso Tatsache ist, dass die deutschen Frauen und Männer diejenigen waren, die dieses Land wieder aufgebaut haben und zu dem gemacht haben, was es heute ist.

Ohne aufzuhören, an meine beiden Länder, meine beiden Wesen innerhalb eines Körpers zu denken, komme ich nicht umhin, mich entsetzt zu fühlen. Wenn ich dieses Land sehe – Priština, die Hauptstadt Kosovos: zubetoniert, korrupt, kriminalisiert und ohne die geringste Hoffnung, aus dieser fast depressiven Lage schnell herauszukommen. Mit einem Wintergrau, das nur zu Filmszenen eines Polen namens Krzysztof Kieślowski passen könnten.

Ich lasse die Resignation beiseite und um zu zeigen, was es bedeutet, in Priština zu leben, schildere ich folgende Szene: Ärgere ich mich in Stuttgart-Degerloch – weil ich für Zuhause einkaufen muss –, wenn eine alte Dame, die bestimmt ein Leben lang auf der Löwenstraße lebt und all die vorher genannten Grausamkeiten erlebt hat, mit der Verkäuferin einer Bäckerei oder jener von Lidl kurz reden möchte, so müsste in Priština eine ebenso alte Dame das Weinen ihres Enkels erdulden, weil sie in ihren Taschen nur 5 Euros hat, obwohl der zu zahlende Betrag sich auf 5 Euro und 70 Cent beläuft. 70 Cent kostet ein Orangensaft, den sie für die nötigere Milch opfern muss. Das braucht sie für die ganze Familie.

Soll ich mich glücklich fühlen, weil ich mit den 70 Cents, die ich in dem Augenblick für den Orangensaft spende, das Weinen des Kindes gestoppt habe? Keinesfalls. Im Gegenteil. Dieses Kind wird weiterhin weinen und sein Wachstum mit diesen Schwierigkeiten sollte tatsächlich eine große Warnung dafür sein, in welchem Zustand dieses Land sich befindet. Sollen wir, als Bürger der Hemisphäre der – sagen wir es mal so – Reichen, glücklich sein, dass wir auf alle möglichen unterschiedlichen Formen unterentwickelter Gebiete nicht nur des Balkans, der Europas erste Pforte zur Türkei ist, sollen wir also glücklich sein, dass wir Ländern, die in der Entwicklung begriffen sind oder sich in schwierigen Lagen befinden, Almosen geben?

Eingefrorener Konflikt

Bleiben wir bei Kosovo. Es ist das einzige Land in Europa, wo – genauer gesagt im nördlichen Teil – ein eingefrorener Konflikt zwischen Belgrad und Priština vorhanden ist, wo die Großen aus Europa und den USA, mit der deutschen Regierung an der Spitze sich intensiv darum bemühen, eine friedliche Lösung dieses Gebietskonfliktes zu vermitteln. Ist nur der ethnische Hass zwischen den Serben und den Albanern das, was sowohl Serbien als auch Kosovo in einer Pattsituation in etwa 15 Prozent des Territoriums hinterlässt? Natürlich nicht. Dieser Teil von Kosovo hat etwas, was kein Staat in Europa hat. Das haben nur China sowie teilweise Russland und Afrika.

All diese großen Staaten, die in dem ethnischen Konflikt „vermitteln“, sprechen von Frieden, aber tragen etwas anderes in ihren Gedanken. Bodenschätze und insbesondere das Erz, das sie „Seltene Erde“ nennen. Um es präziser zu sagen: Die Seltene Erde und andere Bodenschätze des ärmsten Landes Europas werden einem der größeren Staaten Europas das Monopol für 200 bis 300 Jahren geben, weil das für die Produktion von modernen Technologien wie Chips und EDV auf unserem Kontinent gebraucht wird. Als ein Mensch und Autor mit der Neigung zur Übertreibung, mit balkanischen Genen für Verschwörungstheorien, aber gleichzeitig auch mit dem kühlen, realistischen und deutschen Ansatz, nehme ich den Mut zusammen, um zu sagen: Als die größten Erfolge aus dem Einsatz der internationalen Gemeinschaft, das heißt UNO, OSZE, EU würde ich in meinem Land einige Sachen aufzählen: die leibliche Sicherheit. Mit anderen Worten: Kosovo ist ein sicheres Land. Danach kommt die Gastronomie. Das Essen in diesem Land kann man mit den Stuttgarter Festle (häufig stattfindende Straßenfeste mit kulinarischen Köstlichkeiten) vergleichen. Und ganz zum Schluss kommen das Internet und die Telefonie.

Wenn die Politik, die Regierung, aber auch die Opposition korrupt sind, worüber überall berichtet wird, so ist auch die akademische, mediale, künstlerische und sonstige Elite ebenso korrupt.

Nach den letzten Angaben des Entwicklungsprogramms der UN (UNDP) verfügen etwa 78 Prozent der Bevölkerung über einen Internetanschluss. Sogar in den tiefsten Dörfern des Landes haben die Menschen W-LAN und Kabelfernsehen. Der Fußball ist vertreten, aber dank der fehlenden Mitgliedschaft in der UNO darf die Nationalmannschaft von Kosovo, geschweige denn die Vereine, nicht einmal mit den Stuttgarter Kickers, geschweige denn mit dem VfB spielen, dem prominenteren Stuttgarter Fußballklub. Die Kultur in den städtischen Teilen ist durchaus entwickelt, vor allem Bereiche wie Underground-Szene, Musik, bildende Künste und Kurzfilme, wobei die letztgenannten als Form des Protests gegen die schwierige Lage in allen Lebensbereichen dienten. Literatur ist auch vorhanden. Aber zur kosovarischen und albanischen Literatur im Allgemeinen – also aus Albanien – äußere ich mich nie, wobei zu sagen ist, dass es mit der Kunst und der Literatur ähnlich wie mit jenen in Österreich und Deutschland steht: wir haben eine einheitliche Sprache, nur die Ausmaße sind kleiner.

Ich mische mich da nicht ein, weil ich den Spruch des großen Meisters Franz Kafka übernommen habe: „Kleine Kulturen, streitsüchtige Kulturen!“ Mit einem Wort: als Autor habe ich stets versucht, öffentliche Präsentationen und Lesungen in dem Land, in dessen Sprache ich schreibe, auszuweichen. Ich fühle mich einfach nicht wohl und habe Angst, es anders zu nennen, dass ich mich schämen könnte, weil die Menschen, die Kollegen andere Sorgen und Probleme haben, mit denen sie sich in ihrem Alltag auseinandersetzen.

Anders gesagt, wenn die Politik, die Regierung, aber auch die Opposition korrupt sind, worüber überall berichtet wird, so ist auch die akademische, mediale, künstlerische und sonstige Elite ebenso korrupt. Jeder ist zu Diensten des anderen und man begreift nicht, wer mit wem oder wer gegen wen ist. Die Hoffnungen auf große intellektuelle Bewegungen, auf Persönlichkeiten mit Profil, die ihre Stimme erheben könnten, um die verkehrten Entwicklungen aufzuhalten, sind gleich Null. Der Fisch ist demnach nicht nur am Kopf faul – also die Regierung –, sondern sein ganzer Körper. Und die Situation ist dermaßen schlecht, dass, während ich hier diese Zeilen schreibe, sich jemand fragen könnte: Was macht nun dieser Mensch dort?

Oder umgekehrt: Warum versucht dieser Mensch nicht mehr zu helfen, damit die Lage verändert wird? Ich meine, dass beide Fragen berechtigt sein müssten, wenn ich sie mir stelle. Aber gleichzeitig sage ich, dass es durchaus logisch ist, dass man dafür viel mehr Zeit, Mühe, Schweiß, Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit und mit sich selbst braucht, damit notwendige Änderungen stattfinden.

Nicht nur Kosovo ist korrupt, sondern die gesamte Region, die einst knapp 22 Millionen Einwohner hatte, von denen nur neun Millionen – in Slowenien und Kroatien – es geschafft haben, der EU beizutreten. Die anderen Staaten, Bosnien, Serbien, Montenegro, Kosovo, Mazedonien sowie Albanien, müssen vor allem damit beginnen, dieses große Übel aufzuhalten und anschließend auch zu bekämpfen, womit ihnen der Weg offenstehen würde, Teil unserer Familie, der europäischen Familie, zu sein. Vielleicht ist die Position, aus der ich spreche, sehr bequem. Auf den ersten Blick. Aber im Kern beinhaltet diese Bequemlichkeit einen großen Schmerz über die schwierige Lage all dieser Staaten und insbesondere des Kosovo.

Unsere Verantwortung als Deutsche und Europäer ist groß, weil wir diesem Staat, im Jahr 1999 als Region und seit 2008 als Staat, geholfen haben, damit er befreit, unterstützt und zum Staat erklärt wird. All diejenigen, die verstehen, was es bedeutet, Angehöriger von zwei Nationen – mit oder ohne doppelte Staatsbürgerschaft – zu sein, können auch die Bürde der Verantwortung für die weitere Unterstützung bei der Demokratisierung und beim Aufbau des Rechtsstaates für dieses Baby spüren, dass sich immer noch im Brutkasten befindet. Oder Labor. Jeder nehme es, wie er es will!

Liebe auf den ersten Blick

Ich kann es mir denken, dass ich als Folge meiner langen Reise oder – mit Murakami gesprochen – meines Laufs, nicht umhinkomme – mit Carver gesprochen – bei meiner Liebe halt zu machen. Es gibt keinen Zweifel, dass meine Liebe Stuttgart ist. Jeder Teil von dieser Stadt und alles Gute oder alles Schlimme von ihr. Was mir an Stuttgart gefällt, sind die Menschen. Von jeder Nationalität oder Abstammung. Ich weiß, dass es nicht leicht ist, die Menschen zu lieben, die man nicht kennt. Hierzu habe ich auch eine originelle Geschichte.

Sofort nach dem Krieg, während einer langen und beschwerlichen Reise mit einem deutschen Kollegen, mit dem ich etwa zwei Monate lang an einem Dossier für die Wochenzeitung „Die Zeit“ gearbeitet hatte, sagte er mir, als er mir zuhörte, wie ich über die Albaner sprach: „Ich verstehe dich recht gut, dass du deine zwei Millionen Albaner lieben kannst, aber sage mir: Wäre es nicht etwas mühsam, dass ich meine 80 Millionen Deutsche liebe?“ Heute, zehn Jahre nach der mühevollen Arbeit an diesem Dossier, sage ich, dass es mir schwerfällt, die 80 Millionen Deutschen und meine zwei Millionen Albaner zu lieben. Deshalb besser Stuttgart. Das bringt mich zu der Idee, um nicht zu sagen, Feststellung, dass der Mensch denjenigen lieben sollte, den er nahe hat. Respekt, Freundlichkeit, Kultur, welche zwischen Bürgern in einem Viertel, Dorf oder einer Stadt vorhanden sind, spiegeln tatsächlich auch die Kultur und den Stand einer ganzen Gesellschaft wider.

Trotz des ganzen Tagesstresses und der Widersprüche, dass die gelebte Zeit äußerst schnell ist, müssen wir als Deutsche durchaus stolz sein, dass wir heute so sind, wie wir sind. Dass die Welt eine außergewöhnliche Achtung vor Deutschland und den Deutschen hat. Allein die Tatsache, dass das deutsche Modell eines der meistbegehrten auf der Erdkugel ist, ungeachtet der Vorurteile und des Neids mit all den möglichen und unmöglichen Missverständnissen, ungeachtet der parteiinternen Unterschiede, sage ich, dass die deutsche Arbeitstugend, die Auseinandersetzung mit der grausamen Vergangenheit und die Bereitschaft zur Hilfe in anderen Ländern und Kontinenten dazu geführt haben, dass wir das sind, was wir sind.

Wenn ich aus dieser Position spreche, kann natürlich jemand mit dem Kopf schütteln und diese Feststellung unter die Lupe nehmen. Aber dennoch setzen alle Parameter diesen Staat und insbesondere unsere Region unter die am meisten entwickelten, sicheren, gebildeten, integrierten (ausländerpolitisch bezogen) usw. Ich sage das auch wegen einer Tatsache: In knapp 20 Jahren, die ich in der Bundesrepublik gelebt habe, habe ich dieses große und wunderbare Land von Mecklenburg-Vorpommern bis hin nach Berchtesgaden und Königsee gesehen (bedauerlicherweise kenne ich die Insel Sylt nicht). Und diese dermaßen gute Lage gibt mir nicht das Recht, an die Weisheit der jüdischen Mütter zu denken, dass „wenn es dir am besten geht, fang an zu weinen, weil jetzt die schlimmen Zeiten beginnen“.

Respekt, Freundlichkeit, Kultur, welche zwischen Bürgern in einem Viertel, Dorf oder Stadt vorhanden sind, spiegeln tatsächlich auch die Kultur und den Stand einer ganzen Gesellschaft wider.

Es gibt noch viel zu tun und es gibt viele Gefahren, die uns nicht nur hier in Stuttgart erwarten, angefangen beim Klimawandel als Folge der schnellen Industrieentwicklung, über die Gefahren vom Terrorismus bis hin zu den möglichen Finanzstürzen, die natürlich alles wie ein Kartenhaus zusammenbrechen lassen könnten. Diese Angst herrscht bei jedem von uns und als Bürger dieses Landes ist es nicht nur unsere Aufgabe, sondern wir müssen daran arbeiten, auf jede Partei und Regierung Druck auszuüben, damit wir uns um die Umwelt kümmern, an der Terrorismusvorbeugung arbeiten, indem wir den Staaten helfen, die schwere Wendeprozesse durchmachen, und indem wir berücksichtigen, dass die Großverdiener etwas mehr für den Staat geben und damit die sozial schwächeren Schichten unterstützen.

Ein Kartenhaus

Ich beginne, die Gefahr zu spüren, die Rolle des Predigers zu übernehmen, deshalb muss ich hier halt machen und erwähnen, dass es eine Ehre für mich ist, dass diese Stadt, in der ich mit Unterbrechung seit 20 Jahren lebe, mich bislang niemals enttäuscht hat. Auch als ich schwierige Lebensphasen durchlebte, die mit dem Krieg in den 1990er-Jahren zusammenhingen, oder auch die große und lange schöpferische Stille, die Abwesenheiten wie die letzte von über einem Monat, mein Stuttgart hat mir nie den Rücken gekehrt.

Ohne selbst zu wissen, warum und wie, meine letzte Station von jeder Bewegung oder auch Projektion, wohin ich mich retten kann oder wo Ruhe finden kann: körperlich, seelisch, psychisch – Sachen oder Zweifel, die vielleicht vollkommen gewöhnlich für einen Schöpfer und vor allem für einen Angehörigen dieses außerordentlichen Planeten sind, haben mich hierhin, in dieses Stuttgart, zurückgebracht. Das muss auch der Grund dafür sein, dass in meinem winzigen Opus keine Orte häufiger genannt werden als Kosovo und Stuttgart. Und in meinem letzten Buch wird der Stuttgarter Stadtteil Degerloch als einziger Ort mit einer genauen Bezeichnung erwähnt. Wenn mich jemand fragt, weshalb ich das tue: Ich habe keine Ahnung. Was ich weiß, ist, dass ich nicht über Sachen schreiben kann, die ich nicht kenne oder sehe, spüre oder berühre. Ich würde sogar so weit gehen, dass mir nicht einmal Kosovo selbst die Auszeichnung oder den Respekt gezollt hat, wie mein Ort es jetzt tut. Und das überzeugt mich, dass ich weiterhin an diesem Ort leben muss. Mag sein, dass es wie die Liebe auf den ersten Blick ist. Und davon, wie wir alle wissen, gibt es kein Zurück mehr. Sei es gewonnen oder verloren.

War meine lange Reise von einem Monat eine Versuchung, aus Stuttgart zu fliehen, um etwas zu finden, was ich verloren habe? Ich weiß es nicht. Gleichzeitig muss ich eingestehen, dass mir, während ich körperlich in Stuttgart bin, vor meinem geistigen Auge mein Geburtsort erscheint. Einige Dörfer in der Hochebene von Dukagjini, die ich nach 19 Jahren durchquerte und wo auch dieses neue Jahr begann. Mit einer einzigen Frage, die ich mir stellte und die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte: Ich wollte mich selbst mit dem Spruch konfrontieren, ob die Heimat eines Menschen dort ist, wo man sich wohlfühlt?

Ich sage, dass diese Frage, insbesondere in der Zeit, in der wir leben, falsch gestellt ist. Weil die Heimat eines Menschen dort ist, wo er ewig ruhen möchte und wo er sich wohlfühlt. Die schnelllebige Zeit und die transatlantischen Bewegungen, geschweige denn jene innerhalb unseres Kontinents, sind schneller als von Stuttgart nach Hamburg mit dem Auto oder mit der Bahn. Das bedeutet keinesfalls, dass ich eine Entscheidung getroffen habe. Letztendlich hat die eine Hälfte die andere noch nicht ergänzt. Das braucht noch etwas Zeit, noch einige Jahre. Bis Deutschland und Stuttgart mein Geburtsland und meinen Geburtsort auch mathematisch besiegen.

Was ich sagen möchte, ist, dass während des Besuches in meinen Dörfern, aus denen meine Eltern stammen, ich nach Jahren und Jahren das Grab meines Vaters besucht habe. Ich fragte mich, ob ich ein besseres Schicksal als mein Großvater haben werde, dessen Vornamen ich sowieso trage und dessen Grab uns auch heute nicht bekannt ist.

Eine lange, schwierige Suche

Die Tatsache, dass ich mich in dieser Abhandlung, die eigentlich über uns sein sollte, mehr auf mich fokussiert habe, muss von dieser langen und mühevollen Suche beeinflusst sein. Aber ich denke demnach, dass jeder von uns, wenn er diese Worte liest, sich denken kann, wie wichtig es ist, wenn man weiß, wo seine Wurzeln sind, woher man stammt und was man von Beruf sein möchte jetzt und in Zukunft. Dass wir uns im Grunde kaum voneinander unterscheiden. Mit der Familiengeschichte, oder jener der Kriege und des Friedens. Dass jeder von uns jeweils zwei oder mehr Ichs hat. Dass es jedem von uns guttun würde, wenn er sich rasch entscheidet, was er werden möchte, solange es nicht zu spät ist. Dass jeder von uns nur ein Leben hat, das es zu leben gilt, und aus diesem Grund nicht der Fehler gemacht werden sollte, dieses Leben auf die falsche Art und Weise zu leben. Dass die Verantwortung und die Fürsorge für die Familie, für die Angehörigen, für das Umfeld und für den Ort, wo man leben will, nicht nur Lebenskultur bedeutet, sondern auch Erbe.

Ich stimme dem irgendwo gelesenen Spruch zu, dass für eine Familie das Dasein eines Künstlers in deren Schoß eigentlich einem Fluch gleichkommt. Die Unsicherheit im Alltag, die Labilität im Beruf, die Angst vor dem Scheitern, die unerfüllten Verantwortungen, all das, was einem rationalen Menschen als ein großer und fürchterlicher Alptraum erscheinen würde, wenn er einem Schöpfer gegenüberstünde, der als seine zentrale Priorität das Leben mit und von der Kunst setzt. Denn der Unterschied zwischen Erfolg und Scheitern ist nicht groß. Der Erfolg ist der Sturm, hinter dem eine Wüste bleibt, die alles mit sich nimmt. Das Scheitern ist die Grundstellung, sich in den Abgrund zu stürzen. Diese und solche Zweifel haben natürlich nicht nur Schöpfer. Die hat beinahe jeder, der atmet und über Leben und Tod nachdenkt. Und das Leben geht dennoch weiter. Wenn wir mit den Worten unseres großen Lehrers, William Faulkner, sprechen, „Der Mensch ist die Menschheit und die Menschheit will und wird unbedingt jedes Unvorhergesehene, jede Gefahr, jede Katastrophe jeglichen Ausmaßes überleben“.

Letztendlich hat die eine Hälfte die andere noch nicht ergänzt. Das braucht noch etwas Zeit, noch einige Jahre. Bis Deutschland und Stuttgart mein Geburtsland und meinen Geburtsort auch mathematisch besiegen.

Während ich in diesem Land, in diesem Wohnhaus sitze und vor mir diese betonierte Stadt habe, sind meine Gedanken und meine Seele in jeder Ecke von Stuttgart, besonders bei meiner lieben Frau und meiner Tochter. Und während ich diese Zeilen lese, kann niemand aus meinen Gedanken die Bilder verscheuchen, wie aus diesem Teil unserer Stadt die Gesichter der Bürger meines anderen Landes, von Kosovo, Priština und den umliegenden Dörfern erscheinen werden. Vor allem erscheinen mir die Gräber der Menschen, die bei dem letzten Krieg vor 15 Jahren in Kosovo gefallen sind. Große Familien, emblematische Familien von Kosovo, die ihre Kinder, Frauen, Söhne, Männer und Greise geopfert haben und deren Gräber neben ihren Häusern liegen.

Wie nie zuvor in der jungen Geschichte des Balkans leben in Kosovo die begrabenen Toten neben den Lebenden. Ein beispielloser Akt in der jüngsten Geschichte der Menschheit. Wird dieser Akt dem Frieden und einer sicheren Zukunft dienen? Das weiß ich nicht und das können wir nicht wissen. Ich weiß nur, dass, wenn wir sprechen und das Leben leben, wir einander lieben müssen, auch wenn wir laufen und auch wenn wir rasten. Weil wir eins als Menschen, als Menschheit sind – und wir sind wir!

Dieser Beitrag wurde im Kulturreport EUNIC-Jahrbuch 2014/2015 Europa: Festung oder Sehnsuchtsort? erstmals veröffentlicht und im März 2025 aktualisiert.

Über den Autor
Foto von Berat Hasani
Beqë Cufaj
Autor, Journalist, Botschafter a. D.

Beqë Cufaj ist kosovo-albanischer Schriftsteller und Journalist. An der Universität Pristina studierte er albanische Sprach- und Literaturwissenschaft und war viele Jahre für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) und die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) als Autor tätig. Daneben hat er Romane und Essay-Bücher veröffentlicht. Cufaj war 2018 bis 2021 Botschafter der Republik Kosovo in Deutschland und ist seit 2023 Gastdozent an der Macromedia University of Applied Sciences in Berlin.

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