Vitale Blume, die Indien symbolisiert neben einem welkenden Europa, Illustration: edeos
Der blasse Kontinent, Illustration: edeos

Der blasse Kontinent

Indien mischt die Karten in der globalisierten Wirtschaft neu. Aber die europäische Kultur hat in dem Spiel keine tragende Rolle, die gemeinsamen historischen Wurzeln verblassen. Die Medien lassen ein tiefer gehendes Interesse an Europa nicht erkennen. Zudem wird der interkulturelle Dialog durch Sprachbarrieren erschwert.

Das indische Aufeinandertreffen mit Europa war in der Geschichte der Menschheit insofern einzigartig, als eine unvergleichlich reiche Zivilisation einer langen Phase europäischer Herrschaft ausgesetzt war. Europäische Ideen und Werte beeinflussten tief die englisch erzogene Elite und waren seit dem 19. Jahrhundert für verschiedene Bewegungen indischer Führer verantwortlich. 

Zwei breite Stränge wurden in der zweiten Jahrhunderthälfte sichtbar: Der eine wollte dem Westen nacheifern, in dem Versuch, die westlichen Werte und Institutionen in und an die indische Umgebung aufzunehmen und anzupassen; der zweite bekräftigte die Bedeutung der grundlegenden indischen Werte, kritisierte die Arroganz der westlichen Herrscher und stellte mit großer Leidenschaft die westlichen Analysen und Annahmen über Indiens Geschichte sowie seine kulturelle und religiöse Identität infrage.

Die Wahrnehmung europäischer Kultur im unabhängigen Indien

Seit der Unabhängigkeit sind in den indischen Massenmedien anglo-amerikanische Bilderwelten vorherrschend. Auch die Wahrnehmung des kulturellen Europas seitens der indischen Elite wurde grundlegend durch anglo-amerikanische Medien beeinflusst. Das Ergebnis ist eine eher fragmentarische Sicht auf Europa und seine Kultur, die traditionelle Stereotypen und Klischees tendenziell verstärkt. So gilt Frankreich weiterhin vor allem als Land des guten Essens, des Weins und der Mode – ein Bild, das die französische Kulturpolitik noch zu unterstützen versucht. Die Schweiz wurde von der Bollywood-Filmindustrie als das definitive Paradies für Romantiker verewigt und ist auch heute noch die erste Wahl für die Flitterwochen Jungvermählter. Dennoch, für die große Mehrzahl der Inder ist Europa ein fremdes und seltsames Land geblieben, ein exotisches Tourismus-Ziel, zu dem nur eine privilegierte Schicht Zugang hat.

Die europäischen Nationen haben aktiv den Unterricht ihrer Sprachen in Indien vorangetrieben (wobei neben Englisch Französisch und Deutsch die beiden gefragtesten sind). Kulturinstitute wie Alliance Française, Goethe-Institut (Max Mueller Bhavan), British Council etc. haben viel zur Vermittlung der vielen Facetten europäischer Kultur in Indien beigetragen.

Für die große Mehrzahl der Inder ist Europa ein fremdes und seltsames Land geblieben, ein exotisches Tourismus-Ziel, zu dem nur eine privilegierte Schicht Zugang hat.

In den 90er Jahren fürchteten viele Kulturpuristen, dass in Nachfolge der Globalisierung, des ungezügelten Konsumterrors, der Ausbreitung der Satellitenkanäle mit ihren amerikanischen Seifenopern und ihrer Breitseite von westlichen Werten, Gewohnheiten und Kleiderordnungen die traditionellen Werte schwerwiegend in Gefahr geraten und die indische Identität verloren gehen würden. Andere dagegen argumentierten, dass eine so alte Zivilisation wie Indien stark genug sein müsse, solche Einmischungen erfolgreich abzuwehren. 

In jüngster Zeit begannen die meisten gebildeten Inder, auch in Europa soziale und politische Schwierigkeiten im Umgang mit der Vielfalt seiner Kulturen wahrzunehmen. Sie erkannten, dass Multikulturalismus in Europa schlecht funktioniert, und dass europäische Gesellschaften nicht in der Lage sind, ethnische Minoritäten, besonders Muslime, sinnvoll zu integrieren. Für viele Inder gilt die Aufnahme der Türkei in die EU als wahrer Lackmus-Test für die säkularen und pluralistischen Überzeugungen Europas.

Es besteht in der indischen englischsprachigen Presse ein eklatanter Mangel an Beiträgen zu den politischen, sozioökonomischen und kulturellen Herausforderungen für das gegenwärtige Europa. Die meisten Artikel über Europa sind eher informativ und deskriptiv als kritisch; sie tendieren dazu, an Ereignisse zu erinnern, statt sie zu analysieren.

Angesichts der mehr als sechs Millionen regelmäßig nach Europa oder Übersee reisenden Inder aber berichten viele Zeitungen und Magazine, sowohl auf Englisch als auch in einheimischen Sprachen, regelmäßig über die verschiedenen Aspekte der europäischen Kultur und Küche sowie touristisch attraktive Orte.

Kulturpolitik schafft Identität

Jahrzehntelang tendierte die europäische Kulturpolitik dazu, Indien zu ignorieren, zumal einige Mitgliedstaaten traditionell ihre eigenen ehemaligen Kolonien bevorzugen. Mit dem Ende der Ost-West-Kluft wurden die finanziellen Leistungen der meisten europäischen Länder wie auch der Europäischen Union für Mittel- und Ost-Europa massiv erhöht, um den Unterricht europäischer Sprachen sowie Kulturarbeit, Mobilitätsprogramme, Zivildialog und die Bildung der politischen Eliten voranzubringen. Das führte anderswo zu Kürzungen, insbesondere bei den asiatischen Nationen.

Die Grundlage der Kulturpolitik der Europäischen Union besteht darin, die Idee von Europa und einer europäischen Identität sowie dem Bemühen zum Aufbau derselben innerhalb der gesamten EU zu fördern. Die Ablehnung des europäischen Verfassungsentwurfes durch Frankreich und die Niederlande im Jahr 2005 wird wahrgenommen als die Entstehung miteinander konkurrierender Visionen von Europa, seiner Grenzen und Werte. Für die meisten Inder gibt es nicht so etwas wie eine europäische Kultur, sondern vielmehr zahlreiche Kulturen und Identitäten. 

Das ist einerseits das Ergebnis der Ambivalenz des Diskurses über die europäische kulturelle Identität innerhalb der EU selbst, der lange darauf erpicht war, eine europäische Identität und gemeinsame Werte zu fördern. Andererseits ist es Ausdruck der großen Heterogenität des europäischen Staatsvolks.

Die Grundlage der Kulturpolitik der Europäischen Union besteht darin, die Idee von Europa und einer europäischen Identität sowie dem Bemühen zum Aufbau derselben innerhalb der gesamten EU zu fördern.

Die Europäische Union leidet in Indien vor allem an ausgeprägter Profillosigkeit. Die Schräglage wird umso mehr durch die Bedeutung offensichtlich, die indische Medien Washington einräumen. 

Da Englisch die Lingua franca des globalen und interkulturellen Dialogs ist, bietet das Internet der „angeschlossenen Mittelklasse“ in Indien beinahe unendliche Möglichkeiten. Diese stellt (kaum bekannte und meist durch Kabelbetreiber angebotene) europäische Kanäle wie Deutsche Welle-TV vor große Probleme: Ihre standardisierten und undifferenzierten Produkte können es mit den populären englischsprachigen Kanälen wie CNN and BBC nicht aufnehmen. 

Trotz der inhärenten Hemmnisse zur Entwicklung einer schwungvolleren europäischen Kulturpolitik (und des Zögerns einiger Mitgliedstaaten, dazu etwas beizutragen) nehmen die Versuche zu, die jahrzehntelange strategische Missachtung Indiens durch neue innovative Programme zu überwinden. Der gemeinsame Aktionsplan, der als Teil der strategischen Partnerschaft zwischen EU und Indien (2005) beschlossen wurde, baut auf der gemeinsamen „Kulturellen Erklärung“ von Indien und der EU von 2004 auf. Die Etablierung eines Indischen Fensters im Erasmus-Mundus-Programm hat unter indischen Studenten beträchtliches Interesse hervorgerufen. Nichtsdestoweniger besteht ein dringender Bedarf an zusätzlichen bi- und multilateralen Anstrengungen.

Kulturelle Entfremdung?

Als größte Demokratien der Welt haben Indien und Europa eine Menge kultureller Gemeinsamkeiten: Beide sind mehrsprachige, multikulturelle, pluralistische, säkulare und komplexe Gesellschaften. Sie sind natürliche Partner, die gemeinsame Werte und Überzeugungen teilen, einschließlich der Verpflichtung zu Demokratie, Pluralismus, Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit. 

Für die meisten Inder gibt es nicht so etwas wie eine europäische Kultur, sondern vielmehr zahlreiche Kulturen und Identitäten.

Angesichts des 2008 von der Europäischen Kommission deklarierten „Jahrs des interkulturellen Dialoges“ steht die Europäische Union geradezu in der Pflicht, proaktiv den Dialog mit künftigen Großmächten wie Indien voranzubringen. Viele der historischen Bindungen, die Indien traditionellerweise mit Großbritannien und damit auch mit Europa verbanden, sind hinfällig geworden. Die moderne Mittelklasse ist kaum noch an europäischer Geschichte, Kunst und Gesellschaft interessiert. 

Demgegenüber besteht ein großes Bedürfnis nach der Entwicklung eines stabilen Rahmens für Bildungsaustausch, der die indische Elite zu Studienaufenthalten in Europa ermutigt. Ein Hauptziel sollte es sein, die Zahl der indischen Studenten in Europa zu erhöhen, was bisher durch die Sprachbarrieren sowie dadurch verhindert wurde, dass Europa keine solchen postgradualen Studienstipendien oder Beschäftigungsperspektiven wie die Vereinigten Staaten bietet. Das verlangt eine Änderung der Visa-Auflagen und der Arbeitsmöglichkeiten, zumindest teilweise und während der Studienaufenthalte, zumal Indiens neue Generation meist nach den Vereinigten Staaten statt nach Europa schaut.

Indien wurde einst errichtet auf Grundlage der Devise „Einheit in Vielfalt”, die zugleich das proklamierte Ziel der Europäischen Union ist. Ein intensiverer interkultureller Dialog würde Europa und Indien gleichsam ermöglichen, von den Erfahrungen des jeweils anderen zu lernen. Ein Dialog über den Islam mit Indien – das die zweitgrößte muslimische Bevölkerung auf der Welt hat, mit der es seit Jahrhunderten friedlich koexistiert – könnte etwa neue Einsichten für die Integration von Muslimen in Europa eröffnen.

Zugleich gibt es vieles, das Indien von Europa im Hinblick auf die Tugenden der Interdependenz und regionalen Integration lernen kann.

Aus dem Englischen von Stephan Hollensteiner

Über den Autor
Rajendra K. Jain
Professor an der Jawaharlal Nehru University in New Delhi

Rajendra K. Jain ist Professor and ehemaliger Direktor des Zentrums für Europa-Studien an der Jawaharlal Nehru University in New Delhi und Inhaber des ICCR-Lehrstuhls für zeitgenössisches Indien an der KU Leuven. 

Kulturreport Fortschritt Europa

Der Kultur kommt im europäischen Einigungsprozess eine strategische Rolle zu. Wie steht es um die Kulturbeziehungen innerhalb Europas? Wie kann Kulturpolitik zu einer europäischen Identität beitragen? Im Kulturreport Fortschritt Europa suchen internationale Autor:innen Antworten auf diese Fragen. Seit 2021 erscheint der Kulturreport ausschließlich online.