Eine Familie mit Koffern steht auf einem Schlüssel, der in einem Türschloss steckt

Die Rückkehr der Landsleute

Nach dem Zerfall der Sowjetunion begann in Deutschland und Griechenland die Repatriierung der Minderheiten ins Land ihrer Vorfahren – doch die erhoffte Heimat brachte Herausforderungen. Zwischen Erwartungen, Integrationsdruck und wirtschaftlichen Hürden stellt sich die Frage: Was bedeutet Zugehörigkeit wirklich?

Eine oft übersehene Migrantengruppe wird oft verschiedentlich betitelt, sowohl von externen Beobachtern als auch von den Migranten selbst. „Rückkehrer“, „Repatriierte“, ko-ethnische Migranten – die Rede ist von gleichstämmigen Zuwanderern, welche im englischen Sprachgebrauch oft treffend auch als „ancestral migrants“ bezeichnet werden.

Gemeint sind Menschen, die nach Jahren, Jahrzehnten, teilweise Jahrhunderten in das Land zurückkehren, welches ihre Vorfahren ursprünglich aus wirtschaftlichen Motiven verließen, um anderswo ein besseres Leben aufzubauen, oder aus dem sie aufgrund politischer oder religiöser Verfolgung flohen. Teilweise liegen große Zeiträume zwischen Aus- und Rückwanderung, was interessante Fragen zur Bedeutung und dem Erhalt kulturellen Erbes und zu Assimilierung aufwirft.

So geschehen mit gleichstämmigen Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion, welche nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Zerfall des Imperiums zu Tausenden in ihre „historischen Heimatländer“ auswanderten. Dazu zählen die pontischen Griechen, die sogenannten „Russlanddeutschen“ sowie ethnische Finnen, Ukrainer, Polen und Russen, als auch Menschen jüdischer Abstammung (obwohl die „Gleichstämmigkeit“ hier anders definiert werden muss). Was macht es lohnenswert, sich gerade mit diesen Migranten zu beschäftigen, wenn es doch auf der Welt noch viele andere gleichartige Wanderungen gibt, etwa die der japanischen Rückwanderer aus Brasilien und Peru (nikkei) nach Japan?

Widerspruch zur Globalisierung

Migranten aus dem postsowjetischen Raum sind besonders interessant, da sich ihre Wanderungen und demzufolge auch ihre Integration im „ehemaligen Heimatland“ zeitgleich und unter teilweise sehr ähnlichen Rahmenbedingungen vollziehen. Die Migration Gleichstämmiger ist eine Art der Migration, welche – und das ist vielleicht einer ihrer interessantesten Facetten – der Idee und Realität einer fortschreitenden Globalisierung zumindest im ersten Zugriff konträr läuft.

Die Griechen und Deutschen zählten zu den 192 ethnischen Gruppen, welche die letzte sowjetische Volkszählung 1989 ergab. Ihre Wege nach Russland sind ähnlich und schnell erklärt: Sie kamen primär als Siedler, unter anderem durch Anwerbung Katharina der Großen, aus den Gebieten des heutigen Deutschlands und aus Kleinasien, und ließen sich hauptsächlich im 18. und 19. Jahrhundert in Südrussland, im Kaukasus, am Schwarzen Meer, in der heutigen Ukraine und entlang der Wolga nieder.

Die Migration Gleichstämmiger ist eine Art der Migration, welche […] der Idee und Realität einer fortschreitenden Globalisierung zumindest im ersten Zugriff konträr läuft.

Für die pontischen und kaukasischen Griechen spielte ebenfalls die gemeinsame Religion eine Rolle und einige Tausende flohen im Kontext der russisch-türkischen Kriege nach Russland. Sowohl Deutsche als auch Griechen wurden unter Stalin Opfer der Zwangsvertreibungen nach Mittelasien und Sibirien – eine traumatische Episode ihrer Geschichte, welche viele noch heute bewegt und ein Narrativ der „ewigen Entwurzelung“ in Gang setzte. Obwohl sich die Lage beider Volksgruppen in der Sowjetunion der Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahre in sozioökonomischer Hinsicht wesentlich besserte, nahmen Tausende von ihnen nach 1989 die Möglichkeit wahr, permanent nach Deutschland und Griechenland umzusiedeln.

Wer sind diese Fremden?

Dies wurde erleichtert durch eine deckungsgleiche Zuwanderungspolitik beider Länder, zu diesem Zeitpunkt noch unter den letzten zehn Prozent aller Länder der Welt, welche Staatszugehörigkeit nach dem Abstammungsprinzip (ius sanguinis) definierten. Auf ihrem ethnisch-kulturellen Nationalverständnis basierend und eingebettet in eine Rhetorik der Kriegsschädenbereinigung, boten Griechenland und Deutschland bestimmten Diasporagruppen, darunter denen aus der ehemaligen Sowjetunion, die Staatsbürgerschaft und gewisse Integrationshilfen an.

Im Jahr 2015 zählt Deutschland über 2,3 Millionen „Spätaussiedler“ aus der ehemaligen Sowjetunion, während die Datenlage in Griechenland aufgrund mangelnder Erhebungen ungenauer ist. Jedoch können wir relativ sicher von circa 200.000 Rückwanderern ausgehen. Obwohl diese Zahlen auf den ersten Blick eine hohe absolute Differenz aufweisen, erweist sich die Auswirkung dieser Wanderungen auf die Aufnahmegesellschaften jedoch als fast gleich – sowohl numerisch (Zahl der Zuwanderer auf Gesamtbevölkerung) als auch aus sozioökonomischer und kultureller Sicht.

Aus meinen Beobachtungen lässt sich schlussfolgern, dass die Wahrnehmung des Kulturerbes der Migranten und damit der Nähe zum kulturellen Kanon der Aufnahmegesellschaft direkt an das Integrationspotenzial, beziehungsweise an die Wahrnehmung des Integrationspotenzials der Rückwanderer, gebunden ist. Einige Wissenschaftler argumentieren, dass sich die Integration gleichstämmiger Zuwanderer, trotz des gemeinsamen kulturellen Hintergrunds, in ihren Wesenszügen von der Integration andersstämmiger Migranten wenig unterscheidet.

In Griechenland ist diese Argumentation abgeschwächter als in Deutschland. Meine Studien belegen: Die Herausforderungen, denen diese Migrantengruppe gegenübersteht, sowohl bei der Wohnungs- und Arbeitssuche, als auch bei der kulturellen Annäherung, sind auf den ersten Blick ähnlich. Eine Rolle dabei spielen auch mangelnde Sprachkenntnisse bei der Einreise. Dennoch greift diese Erklärung zu kurz. Sie unterschätzt die besonderen Einflussfaktoren, die nur bei der Integration gleichstämmiger Zuwanderer gegeben sind und den Rahmen bilden, in dem sich gerade die kulturelle Integration dieser Migranten vollzieht.

Ich stelle in den Raum, dass die Rückwanderung Gleichstämmiger mehr als jede andere Art der Migration an Erwartungen und den oft durch sie erzeugten Druck gebunden ist. Dies ist in anderen Migrationsszenarien weniger stark ausgeprägt und auch weniger relevant. Die politische Rhetorik der Heimkehr der verloren geglaubten „Brüder“ tat einiges dazu, einen gewissen Erwartungsdruck hinsichtlich ihres gemeinsamen Kulturerbes aufzubauen.

Die Rückwanderung Gleichstämmiger [ist] mehr als jede andere Art der Migration an Erwartungen und den oft durch sie erzeugten Druck gebunden.

Staatliche Integrationshilfen, oder zumindest der „Preis Staatsbürgerschaft“, welche für andere Zuwanderer nicht möglich waren, untermauerte dies noch. In Griechenland wurde ein Wettkampf der Gleichartigkeit sogar offiziell gefördert, indem der Staat unterschiedliche Privilegien an unterschiedliche Diasporagruppen vergab. Die Sowjetgriechen kamen dabei am besten davon, da ihnen die griechische Staatsbürgerschaft mehr oder weniger zugesichert wurde.

Auseinandergehende Erwartungen

Einheimische, sowohl in Griechenland als auch in Deutschland, bewerten die Kultur von Zuwanderern jedoch nicht auf der Grundlage behördlich verifizierter Abstammungspapiere. In diesem Fall erwarteten sie, bewusst oder unbewusst, aufgrund deren Aussage, Griechen und Deutsche zu sein, ähnlich „griechische“ oder „deutsche“ Verhaltensweisen, Mentalitäten, kulturelle Praktiken. Dazu gehörte natürlich auch die Fähigkeit, auf Deutsch und Griechisch kommunizieren zu können. Letztlich wurde dies das Maß, an dem die Integrationsfähigkeit der Neuankömmlinge gemessen wurde.

Seitens der Migranten, die als zukünftige Staatsbürger einreisten und sich dessen bewusst waren – hat dies doch in vielen Fällen ihre Ausreiseentscheidung wesentlich beeinflusst – gab es Erwartungen anderer Art. Viele der befragten Teilnehmer erwarteten, emotional nach Hause zu kommen, und so auch empfangen zu werden. Andere wollten endlich ihren Minderheitenstatus abstreifen.

Für wieder andere überwogen die verschiedenen Möglichkeiten, für sich und ihre Nachfahren in Westeuropa ein besseres Leben aufzubauen. Manchmal war aber auch das genaue Gegenteil, nämlich die völlige Abwesenheit jeglicher Erwartungen, hinderlich: Viele Befragte erzählten von einer oft gedanklich unvorbereiteten Abreise und einem Aufprall in einer Realität, die keiner vorhergesehen hatte. Was alle Migranten ähnlich schilderten, ist die Vorstellung, Deutschland und Griechenland hätten sich in den Jahrzehnten, teilweise Jahrhunderten, der Abwesenheit nicht verändert – eine Vorstellung, die vielen später lächerlich vorkam.

Viele der befragten Teilnehmer erwarteten, emotional nach Hause zu kommen, und so auch empfangen zu werden. Andere wollten endlich ihren Minderheitenstatus abstreifen.

Diese meisten der befragten Zuwanderer erwarteten, dass Einheimische das von ihnen selbst als intrinsisch wahrgenommene Volkstum erkennen würden. Teilweise aufgrund von tatsächlicher oder empfundener Ablehnung, teilweise aus Überzeugung, beschrieben viele Teilnehmer an der Studie, dass sie sich für die „wahren“ Deutschen und Griechen hielten, oder, wie eine Teilnehmerin bemerkte, für „deutscher als deutsch“. Einige pontische Griechen, nicht nur aus der ehemaligen Sowjetunion, leiten dies bis heute daraus her, dass das pontische Griechisch (eine Gattung des Griechischen), selbstwelches sie sprechen, dem Altgriechisch der Antike mehr ähnelt als das Neugriechisch der Einheimischen.

Länder- und gruppenübergreifend ist eine Tendenz feststellbar, sich an feststehenden Bildern zu orientieren. Hierin liegt eine zweite Variable, welche ko-ethnische Integrationsszenarien als besonders markiert: das Phänomen, dass Integration stärker als anderswo an statische Bilder zu angeblich fixierten Identitäten gebunden ist, sowie auch an stereotype, essentialisierte Annahmen über sie. Diese stehen der Realität wandelbarer, sich verändernder und oft multipler Identitäten gegenüber. Aus meiner Sicht sind dies Gründe dafür, warum die kulturelle Integration dieser Zuwanderer in Griechenland und Deutschland, besonders in der ersten Generation, nicht problemlos war und bis heute andauert.

Letztere hatten dazu geführt, dass die „Russlanddeutschen“ und „Sowjetgriechen“ sich während ihres Lebens in Russland und der UdSSR mehr oder weniger stark assimiliert hatten – auch aufgrund ihres Minderheitenstatus. Dies war jedoch eine Anpassung, welche erst retrospektiv in Deutschland und Griechenland richtig zu Tage trat. Aufgrund der entweder von Einheimischen erfahrenen oder so interpretierten Ablehnung trat bei vielen Rückwanderern dieser Anteil ihrer Kultur stärker hervor. Das Ergebnis: Die enggestrickten Gemeinschaften, die Russlanddeutsche und Griechen aus der ehemaligen Sowjetunion in den Folgejahren aufbauten, orientierten sich vielerorts an einer gefühlten gemeinsamen Herkunft und Kultur und an hohem gegenseitigem Vertrauen, welches nicht selten mit dem Satz „Wir kommen aus demselben Land, wir sind eben Menschen aus der Sowjetunion.“ zusammengefasst wurde.

Dies gilt besonders für Rückwanderer, welche in den Sechziger- und Siebziger Jahren in der Sowjetunion geboren wurden – ältere Rückwanderer, welche den zweiten Weltkrieg und die Vertreibungen direkt miterlebt haben, demonstrieren oft multiplere Identifikationsmuster und stehen der Sowjetunion als erlebter Realität und damit als Referenzrahmen oft kritischer gegenüber. Insgesamt förderte meine Studie mannigfaltige Beispiele griechischer und deutscher Rückkehrer zu Tage, welche bis heute Kontakt halten und sich durch diese gemeinsame Erfahrung verbunden fühlen.

Weit weniger „kulturell fremd“

Die Wahrnehmung eines anderen Kulturerbes unter formal gleichstämmigen Zuwanderern hat sich in den letzten Jahren aufgrund sich verändernder Migrationsströme jedoch wieder gewandelt und gibt daher ihrem Integrationsrahmen eine neue Wendung.

In Griechenland führt die zunehmende Zuwanderung von Migranten aus Asien (besonders Pakistan und Bangladesch), aus dem subsaharischen Afrika und seit der Krise auch aus dem Nahen Osten zu diffusen Ängsten in der Bevölkerung, ähnlich den Ängsten vor Überfremdung, die Menschen in Deutschland in Hinblick auf Zuwanderer oder Ansässige mit muslimischem Hintergrund ausdrücken. Nun erscheinen die oft als „Russen“ betrachteten Griechen und Deutschen weit weniger kulturell fremd. Sie gehören inzwischen auch durch ihre längere Anwesenheit viel selbstverständlicher zum alltäglichen Bild. Eine weitere länderübergreifende Hürde ist paradoxerweise in ihrer (Aus-)Bildung zu finden.

Die enggestrickten Gemeinschaften, die Russlanddeutsche und Griechen aus der ehemaligen Sowjetunion in den Folgejahren aufbauten, orientierten sich vielerorts an einer gefühlten gemeinsamen Herkunft und Kultur und an hohem gegenseitigem Vertrauen.

Arbeitsmarktexperten postulieren, dass sich ein höherer Bildungsgrad oft positiv auf die Integration von Migranten auswirke. Ein deutscher Beamter äußerte in einem kürzlich geführten Interview die These, dass man davon ausginge, hochqualifizierte Migranten hätten generell wesentlich weniger bis gar keine Integrationsprobleme.

Dem entgegen steht die gegenteilige Erfahrung vieler Rückwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion. Eine der ersten umfassenden Studien zu den griechischen Rückwanderern zeigte, dass fast ein Drittel (27 Prozent, die zahlenmäßig zweitstärkste Gruppe) über höhere Bildungsabschlüsse verfügte. 27 Prozent hatten Abschlüsse in Mechanik, Maschinenbau und Schiffbau.

Darüber hinaus gab es auch viele Elektriker, Klempner, Mechaniker und Autoschlosser. Die einzige offizielle staatliche Erhebung aus dem Jahr 2000 listet ein Drittel der ehemaligen Berufe griechischer Rückwanderer als „andere Berufe“, ein möglicher Hinweis darauf, dass für ein Großteil der Berufe kein griechisches Äquivalent gefunden werden konnte. Hierin liegt bereits ein Hinweis auf Schwierigkeiten, welchen Migranten bei ihrer Arbeitssuche gegenüberstanden. Zum einen hatte die sowjetische Planwirtschaft mit ihrer Betonung bestimmter industrieller Sektoren und der Tendenz, bestimmte Berufslücken durch hoch spezialisierte Universitätsabschlüsse zu füllen, Qualifikationen und Berufswege hervorgebracht, welche auf den Arbeitsmärkten Deutschlands und Griechenlands kaum Verwendung fanden. Zudem sind die Arbeitsmärkte beider Länder duale Arbeitsmärkte, welche sich stark an im Land erworbenen Qualifikationen orientieren. Mangelnde Sprachkenntnisse waren oft ein weiteres Hindernis, zumindest zu Beginn.

Migranten schätzen ebenfalls ein, dass man ihren Abschlüssen seitens der Behörden oft skeptisch und mit Vorurteilen gegenüberstand. Dem entgegnen Arbeitgeber oft, dass man sich nicht sicher sein konnte, ob ein in der Sowjetunion abgeschlossenes Studium den in Deutschland vermittelten Inhalten entsprach. Gleichstämmige Zuwanderer mit höheren Bildungsabschlüssen (z.B. Hochschullehrer, Ärzte) sahen sich oft vor die Wahl gestellt, entweder Zusatzqualifikationen zu erwerben, um im ehemaligen Beruf arbeiten zu können, welche mit hohem Zeit- und Kostenaufwand verbunden waren, umzulernen (was ebenfalls oft kostspielig und zeitintensiv war und nicht immer wirkliche berufliche Perspektiven eröffnete) oder einen beruflichen Abstieg in Kauf zu nehmen.

Für viele wurde die letzte Option zur Realität. An diesem Bruch in ihrem beruflichen Werdegang und dem als äußerst schmerzlich und oft entwürdigend empfundenen Status- und Identitätsverlust leiden bis heute besonders hochqualifizierte Zuwanderer. Dazu kam ein auf den ersten Blick paradoxes, jedoch in der Sowjetunion stark ausgeprägtes und gepflegtes Klassenbewusstsein (was höher Gebildete zur Intelligenzija zählen ließ). Meine Studien belegen, dass die erzwungene langjährige Unterbeschäftigung oder gar Arbeitslosigkeit oft mit Depressionen einherging und zu chronischen Krankheiten führte. Eine Migrantin in Thessaloniki, von Beruf Augenärztin, beschreibt dies treffend mit den folgenden resignierten Worten:

„Mein Bruder ist nun fest am Lehrstuhl angestellt, er ist Leiter seines Fachbereichs […] in Moskau. Er ist an seinem Platz angekommen. Ich habe diese gesamte Zeit damit verbracht, in Griechenland zu beweisen, dass ich Ärztin bin und eine Ausbildung zu wiederholen, die ich schon hatte. Das Ergebnis ist, das sein Nachname gerade in die Enzyklopädie Russlands eingetragen wurde, und ich gerade erst beginne.“

Umgedrehter Effekt von Bildung

Es hat sich erwiesen, dass Männer und Frauen gleich stark unter diesen Problemen leiden. Natürlich ist diese Erscheinung, die ich hier vereinfacht den „umgedrehten Effekt von Bildung“ nenne, kein Phänomen, welches exklusiv auf die Rückwanderung von Gleichstämmigen aus der ehemaligen Sowjetunion zu beziehen ist, obwohl es hier gehäuft auftritt. Es scheint ein Phänomen zu sein, welches unter anderem besonders bei Wanderungen auftritt, welche zwischen Ländern stattfinden, die sich im sozioökonomischen und/oder politisch-ideologischen Profil stark unterscheiden.

Es zeigt sich, wie stark Integration doch von der Wahrnehmung von Kultur abhängt, wie viel stärker als von Kultur, Bräuchen und Mentalität an sich. Auch die Rolle von Bildung im Integrationsprozess ist neu zu bewerten. Die hier geschilderten Probleme machen deutlich, wie stark sich mangelnde Gelegenheiten, erworbene Bildungsabschlüsse zu verwerten, auf Integrationsverläufe und eine Wertschätzung der eigenen Person auswirken. Wahrscheinlich können die geschilderten länderübergreifend erlebten Schwierigkeiten hochqualifizierter Arbeitsmigranten nur mit festen Jobangeboten im Zielland vermieden werden.

Auch die zweite Generation der in Deutschland und Griechenland geborenen Kinder deutscher und griechischer Rückwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion erlebt Integration nicht zwangsläufig als problemlos. Obwohl sie die Sprache des Ziellandes oft perfekt beherrschen und die Hürden der Anerkennung von Qualifikationen nicht nehmen müssen, bleibt ihre kulturelle Integration nicht selten davon abhängig, inwieweit ihre Eltern sie in jungen Jahren im Sinne der Kultur des Ziellandes oder des Herkunftslandes erziehen.

Jedoch globalisiert sich auch diese Wanderung, welche als stark an ethnisch-kulturellen Referenzpunkten festgemachte Migration der ethnischen „Entmischung“ begann, zunehmend. Aufgrund einer Vielzahl von Beweggründen, darunter mangelnde berufliche Anerkennung, zieht eine nicht unbedeutende Zahl dieser Menschen aus Deutschland und Griechenland zurück nach Russland.

Unter den Griechen der ehemaligen Sowjetunion ist eine rege Hin-und-her-Wanderung zwischen Griechenland und ihren ehemaligen Siedlungsgebieten und kommerziellen Zentren im Kaukasus und Südrussland zu beobachten. Die Gründe hierfür sind primär wirtschaftlicher Natur. Eine solch transnationale Suche nach Arbeit, selbst nach zeitweiliger Beschäftigung, hat sich besonders seit der wirtschaftlichen und sozialen Krise in Griechenland verstärkt.

Unter den Namen „Programm Landsleute“ versuchte der russische Präsident Putin sogar vor einigen Jahren, ehemalige Auswanderer – darunter Griechen und Deutsche – zurückzuholen. Dies ist in jedem Fall ein Hinweis darauf, dass die formale Rückkehr in das Land vor langer Zeit ausgewanderter Vorfahren nicht zwingend die finale Episode in einer generationsübergreifenden, oft als Familiengeschichte verstandenen, Migrationsgeschichte darstellt. Es liegt ebenso nahe, dass sie den Kreis der Diasporaexistenz nicht schließt.

Über die Autorin
Christin Hess
Research Fellow für Politik und Internationale Beziehungen

Christin Hess ist Research Fellow für Politik und Internationale Beziehungen an der Aston University in Birmingham, wo sie sich auf die vergleichende britisch-deutsche Migrationsforschung spezialisiert hat. Ursprünglich aus Deutschland stammend, hat sie im Vereinigten Königreich, in Russland und Griechenland gelebt und gearbeitet, in den Bereichen Forschung, Kulturdiplomatie, Übersetzen, Dolmetschen und PR.

Kulturreport Fortschritt Europa

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