Zuschauer vor einer Theaterbühne mit geöffnetem roten Vorhang und Masken für Kommödie und Tragödie, Illustration: edeos
Eine Bühne für europäisches Theater, Illustration: edeos

Eine Bühne für europäisches Theater

Europa ist die Heimat des Theaters. Festivals bieten eine ideale Plattform des Kulturaustauschs: Künstler wecken das Interesse an ihrem Werk, dem Publikum steht ein außergewöhnliches kulturelles Angebot zur Verfügung. Nicht zuletzt fungieren Festivals als Motor für die regionale Wirtschaft.

Obwohl man dem Wort Festival zuweilen einen alten Ursprung zuweist (indem man an Bayreuth oder Orange erinnert), ist der Begriff relativ jung. Er geht einher mit Zivilisation und Freizeitaktivitäten, den Ausflügen im Sommer und der Expansion der Medien. Im Falle etwa von Avignon, dem ältesten und bekanntesten der europäischen Theaterfestivals, hätte sich sein Gründer, der Schauspieler und Regisseur Jean Vilar, im Jahre 1947 niemals den Erfolg und vor allem die Ausbreitung des Festivalphänomens vorstellen können. Seinem Geist nach war das Festival nur eines von verschiedenen Mitteln, um das junge Publikum zusammenzubringen und ihm die ästhetischen und moralischen Werte nahezubringen, die es befördern wollte. Aber es stellte sich heraus, dass unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in verschiedenen Ländern und zum gleichen Zeitpunkt Festivals entstanden. 

Das lyrische Festival in Aix-en-Provence ist nur ein Jahr nach Avignon entstanden, Edinburgh und Recklinghausen sind genauso alt. Darum kann man von einem gleichermaßen sozialen und historischen Phänomen sprechen, das dem Zeitgeist entsprach und das in innigem Zusammenhang mit unserer Freizeit- und Mediengesellschaft stand und steht.

Seitdem haben sich die Theaterfestivals so sehr vermehrt, dass sie kaum mehr zählbar sind. Jüngste Statistiken beziffern ihre Zahl in Westeuropa auf mehr als 3.000 und klassifizieren sie nach den unterschiedlichsten Kategorien: Größe, Datum, Sparte etc. Immer wird dabei so getan, als ob es sich um ein gefundenes Fressen für den Tourismus und die lokale Wirtschaft handelte.

Ungarn zum Beispiel hat sich bewusst tausend Kulturaktivitäten zum Ziel gesetzt, die von den lokalen Autoritäten freudig als „Festival“ getauft werden. Löst sich das Festival so im Tourismus auf? Gibt es nicht viel zu viele Festivals? Ist das Publikum des Konzepts nicht schon müde geworden? Zunehmend scheint man gesättigt von dem, was inzwischen mehr eine Formel als eine Geisteshaltung ist. Denn Europa stellt eine unglaubliche Anzahl von Äußerungen aller Arten zur Schau!

Kreativität und Innovation

Faktisch sollte man den Begriff Festival für die kulturellen Ereignisse reservieren, die an Kreativität und internationaler Innovation orientiert sind. Denn die wahre Rolle eines Festivals ist es, die Künstler Projekte und Aktionen in Angriff nehmen zu lassen, die sie im Rahmen der herkömmlichen Institutionen nicht aufführen könnten. Man kann freilich das magische Etikett nicht nur den immer spärlicheren wirklich schöpferischen Festivals verleihen. Man muss auch anerkennen, dass Festivals weiterhin eine große Rolle in der Verbreitung der Werke selbst spielen.

Ganz Osteuropa wendet seit langem die Festival-Formel an, aber die Gelegenheiten, Werke von einem zum anderen Land in Umlauf zu bringen, sind vor allem Richtung Osten nicht groß.

Bekanntermaßen haben überall in Europa immer mehr Veranstaltungen Probleme mit ihrer Vermarktung, vor allem im öffentlichen Theater und ganz besonders in den Ländern, in denen die vielen kleinen Gruppen vorherrschen, die von Projekt zu Projekt arbeiten. Anders als in Deutschland oder den mitteleuropäischen Ländern, die über ein Repertoiretheater verfügen, in denen die fest angestellten Schauspieler die Sicherheit haben, eine ganze Saison zu spielen. In Frankreich wiederum besteht ein ökonomisches Ungleichgewicht zwischen Produktion und Verbreitung. Ein stark gewachsenes Angebot, also eine Überproduktion, hat eine Verstopfung der Kommunikations- und Verbreitungskanäle sowie eine gewisse Müdigkeit beim Publikum hervorgerufen.

Festivals führen solchen Veranstaltungen Sauerstoff zu, und einige wurden nur zu diesem Zweck geschaffen. Sie erhöhen die Anzahl der Besucher oder, um mit Brecht zu sprechen, erweitern den „Ring der Kenner“.

Identität der Festivals

In anderen europäischen Ländern kann man sich dennoch nicht gerade über eine Marktsättigung beklagen. Ganz Osteuropa wendet seit langem die Festival-Formel an, aber die Gelegenheiten, Werke von einem zum anderen Land in Umlauf zu bringen, sind vor allem Richtung Osten nicht groß.

Auch in diesem Teil Europas aber wohnt man, von den baltischen Ländern bis Bulgarien, von Rumänien bis Polen, einer Vervielfältigung der Festivals bei. Hat die Form des Festivals also noch einen Sinn? Was ein Festival auszeichnete, war sein Ausnahmecharakter. „Festival rime avec carnaval et estival.“ (Festival reimt sich auf Karneval und sommerlich.) Was den Erfolg und die Langlebigkeit (60 Jahre!) eines Festivals wie Avignon ausmachte: ein drei oder vier Wochen langes Treffen im Sommer in einer historischen Stadt, in der sich alle Theaterliebhaber ständig über den Weg laufen.

Das ist das Bild, das die Öffentlichkeit von einem Festival hat und es ist der Grund, weshalb die großen europäischen Metropolen, wegen ihrer Ausdehnung wie der Fülle der über das ganze Jahr angebotenen Aktivitäten, sich schwertun, die Identität ihres Festivals zu definieren. Es gibt keine europäische Großstadt, die nicht ihr eigenes Festival hätte. Einige, von Brüssel bis Zagreb, belegen absichtlich fast den ganzen Kalender und verteilen das Festival auf jeden Monat des Jahres.

Ein gutes Festival ruft eine größere und breitere Beachtung durch die Medien als jede Werbekampagne hervor.

Man hat die Festivals – als Orte der sorglosen Feste – oft den „dauerhaften Institutionen“, den Hauptlieferanten der kulturellen Erziehung sowie der Werktreue und Strenge von Kulturaktivitäten gegenübergestellt. Diese Unterscheidung ist glücklicherweise nicht mehr eindeutig, weil zum einen die Festivals die Initiierung und Erziehung des Publikums übernommen haben und schließlich den festen Orten eine große Sichtbarkeit zuweisen, und weil zum anderen die künstlerischen Produktions- und Vertriebszentren zunehmend Festivalelemente in ihre Jahresprogramme aufnehmen, um die Flamme des Publikums neu zu entfachen. 

Nichtsdestoweniger aber erscheinen die Festivals in den Augen eines Teils der kulturellen Öffentlichkeit als leichtere und frivolere Veranstaltungen, die sich zu stark um ihr Medienbild sorgen und letztendlich zu zahlreich sind, um dauerhaft ernsthafte Arbeit zu verrichten.

Festivals und Politik

Wem und was nützen die Festivals heutzutage? Lokalpolitikern zufolge gibt es viele gute Gründe, in einer Stadt ein Festival zu organisieren.

  1. Erstens, um der Demokratisierung der Kultur eine neue Chance zu geben. Das Festival scheint den Bürgern und Zuschauern einen einfacheren Zugang zu ermöglichen als die kulturellen Institutionen, an denen man jeden Tag vorbeigeht, aber in die man nicht eintritt (aus verschiedenen Gründen: Mangel an Informationen, hohe Eintrittspreise, kulturelle Hemmnisse und die Angst, „zu dieser Welt nicht dazuzugehören“). Bei einem Festival riskiert man mehr und mit mehr Freude. Vor allem auf einem Freiluftfestival: Man nutzt das Wochenende und die Ferien aus, man knüpft Freundschaften und trifft sich in der Gruppe. Die Veranstaltungen erscheinen zugänglicher und man kann einfacher Kontakt mit den Interpreten oder Schauspielern knüpfen.
    Jeder lokale Abgeordnete, der sich darum sorgt, dass sich möglichst viele Bürger und Wähler an kulturellen Aktivitäten laben, freut sich also über jede gelungene Festivalreihe und schickt sich an, die Kosten eines mehrtägigen Events mit dem Jahresbudget einer Kulturinstitution zu vergleichen, indem er es durch die Anzahl der von der kulturellen Muse geküssten Nutzer teilt. Das ist der Grund des Erfolgs des Straßentheaters und des Zirkus, ohne die es bis heute kein Festival gäbe. Der einfache Zugang zur Veranstaltung erscheint den Lokalpolitikern so als eine Bedingung, wenn nicht gar eine Garantie der Demokratisierung der Kultur.
  2. Zweitens vermittelt ein Festival den Eindruck oder die Illusion, die lokale Identität zu stärken. Das Festival ist wie ein Balsam, der soziale Spannungen lindert, die Gelegenheit zu neuen nachbarschaftlichen Bindungen bietet und neue soziale Mischungen erlaubt, haben sie auch nur einen Augenblick Bestand. Es kann auch den Identitätswünschen eines Stadtviertels oder eines Berufsmilieus Ausdruck verleihen. Man weiß zudem, dass einige Abgeordnete es gerne sehen, wenn sich die Künstler stärker gesellschaftlich engagieren, was zwangsläufig mit der Reduzierung der Ungleichheiten in Kultur und Bildung zu tun hat.
  3. Zum Dritten ist das jüngste, aber zweifellos wirksamste Argument, dass ein Festival dem Wirtschaftsleben gute Gelegenheiten bietet. Seit fünfzehn Jahren überzeugen mehr oder weniger vage Untersuchungen die Abgeordneten, aber auch die Händler und die lokale Wirtschaft davon, dass ein Festival vor allem ein gutes Geschäft ist. Das betrifft weniger die vom Niedergang bedrohten Sektoren als die Dienstleistungsbranche: von den Hotels bis zu den Parkplätzen, von den Cafés bis zur Reinigung, von den Souvenirgeschäften bis zu den Reisebüros. 
    Man sagt als Faustregel, dass bei den Festivals pro investiertem Euro drei, wenn nicht gar zehn zurückfließen – wenn man alles zusammenzählt: die Übernachtungsausgaben, die Veranstaltungsausgaben, die Reisekosten, die Gehälter, die Mieten von Wohnung und Material. Die Kommunen sind sich der Tatsache bewusst, dass ein Festival oft als Beschäftigungsbörse dient, wenn auch nur für eine Saison. Obwohl die Arbeitsmöglichkeiten prekär und wenig qualifiziert sind (Arbeiter, Techniker, Kellner, Fahrer, Türsteher), stellen sie eine Gelegenheit dar, die man zum Wohl der Jungen ergreifen muss, seien sie Studenten oder Einsteiger in das Berufsleben.
  4. Viertens ermöglicht das Festival der Gemeinschaft, die es beherbergt, einhergehend mit der wirtschaftlichen Wohltat, ein Bild von sich zu produzieren, das es sonst niemals hätte. Das Festival ist so oft ein zentrales Element einer Tourismuspolitik, die über die Festivaldauer selbst hinausgeht. Eine Stadt kann so ein Prestige aufbauen, das sie sonst – wenn überhaupt – nur mit großen Ausgaben für Werbung und Öffentlichkeitsarbeit erreichen würde. Ein gutes Festival ruft eine größere und breitere Beachtung durch die Medien als jede Werbekampagne hervor.
    Das ist der Grund, weswegen es unter den Festivalorten einen harten Kampf darum gibt, nicht nur die für das Publikum, sondern auch für die Medien geeignetsten Festivaldaten zu bekommen.
  5. Der fünfte Existenzgrund für die Festivals ist der wichtigste, wird aber nicht immer an der richtigen Stelle vorgetragen: Ein Festival hat eine künstlerische und kulturelle Bedeutung ersten Ranges. Künstlerisch in dem Sinne, dass das Festival, wenn es den Auftrag und die Mittel einer schöpferischen Aktivität hat, den Künstlern Arbeiten und Spielereien außerhalb ihrer Gewohnheiten und üblichen Orte erlaubt, was diesen wiederum eine Erneuerung und die Flucht aus der Routine ermöglicht. 
    Bei einem Festival kann eine Aufführung eine halbe Stunde oder die ganze Nacht andauern; sie kann auf koreanisch oder auf türkisch sein; und sie kann einen außergewöhnlichen Ort beleben, mit dem das Publikum bei einer normalen Aufführung niemals in Berührung käme. Ein Festival muss ein Ort des Wagnisses sein. Es ist ein beiderseitiges kulturelles Interesse, weil die Festivals auch aus Sicht der Zuschauer Gelegenheit zur Entdeckung, zum Lernen und zur Diskussion mit Gleichen darstellen. Auf Festivals finden formelle oder informelle Diskussionen statt, kursieren Worte, Gerüchte und Reputationen.
    Da die meisten Festivals international offene Ereignisse der Begegnung sind, die verschiedene Ästhetiken zeigen, verschiedene Disziplinen mischen, stellen sie privilegierte Momente dar – für die Künstler, um ihr Publikum wieder zu finden, für die Kritik, um selbst kritisiert zu werden. Es kommt den Zuschauern zu, ihr Glück auf nicht immer ausgetretenen Wegen zu finden, und es kommt den Veranstaltungen zu, jeden Abend aufs Neue ihr Publikum zu finden.

Die Kommunen sind sich der Tatsache bewusst, dass ein Festival oft als Beschäftigungsbörse dient, wenn auch nur für eine Saison.

Es gibt also eine Reihe von Gründen, immer neue Festivals zu schaffen. Die bestehenden könnte man nach ihren vorherrschenden Charakteristika klassifizieren:

  • Minderheiten-Festivals für Frauen, Homosexuelle, Senioren etc.
  • Identitäts-Festivals um eine lokale Gruppe oder regionale (ethnische) Kultur
  • touristische Festivals
  • originelle Festivals: Sie wollen sich um jeden Preis von anderen unterscheiden, eine Nische besetzen oder eine einzige künstlerische Richtung vertreten wie Debütfilme, Märchen oder Fotojournalismus ... Ein Festival könnte, um von sich reden zu machen, auch in einem Kahn, Heißluftballon oder im Wald stattfinden.

Dennoch müssen die Festivals den Ehrgeiz bewahren, ein zusammenhängendes Programm anzubieten, und das sollte sie eher zu Generalisten als zu Spezialisten machen. Man muss sich klar machen, dass es offensichtlich im Theater nicht mehr eine einzige vorherrschende Denkschule gibt (wie beispielsweise bei den früheren Meistern Grotowski, Barba, Vilar, Mnouchkine, Brook oder Heiner Müller), wie in der Musik, im Tanz oder in den Bildenden Künsten; keine ideologische Richtschnur mehr, die einem Festival eine einheitliche Doktrin geben könnte. 

Die Begegnungsfestivals zeigen viele künstlerische Richtungen und vermischen sie – im besten Fall – oder lassen sie – im schlechtesten – auseinanderlaufen. Deswegen muss ein Festival im Innern immer den Anspruch haben, die Zuschauer zu begleiten, sofern es sie nicht zu unermüdlichem „Zappen“ zwingen will. Es geht nicht darum, Glaubensbrüder zu versammeln, aber jedem zu helfen, sich bewusst mit den mannigfaltigen Tendenzen der zeitgenössischen Kunst auseinanderzusetzen.

Von der Elite zur Masse?

Das Festival ist sicherlich ein mit den Künstlern geteiltes gemeinsames Abenteuer, aber es ist nicht nur für Profis da. Im eigentlichen Sinne hat es seine Berechtigung nur in einer Treuebeziehung zum Publikum. Publikum im Plural, um genauer zu sein, denn man weiß seit langem, dass das Publikum in Wirklichkeit ein Zusammenkommen von Einzelnen ist, die allesamt ihre unterschiedliche Geschichte und Bildungswege haben.

Das ist die eigentliche Schwierigkeit eines „schöpferischen Festivals“: sich an in ihrer Beziehung zur Kunst heterogene Zuschauerkreise zu wenden. Deswegen verlangt man von den Festivals eine widersprüchliche Mission: das lokale Kulturleben zu beachten und sich zugleich dem internationalen zu öffnen; die ältesten Kritikerhasen zu überraschen und zugleich den Jungen nicht die Türen zu verschließen; das Publikum zu binden und es zugleich zu erneuern; ein kohärentes und strenges Programm zu entwickeln und zugleich das Festliche und Gesellige, also die Vergnügung, zu fördern.

Das größte Hindernis für den Zugang zur Kultur ist aber weniger finanziell, sondern vor allem selbst kulturell.

Einige bedauern diese Expansion der Massenkultur so sehr, dass die Bindung an die künstlerischen Werte nur noch für eine Minderheit von Belang zu sein scheint. Minderheit oder Elite? Diese Frage ist auf politischer Ebene relevant, denn man verwechselt schnell minoritär mit elitär. Aber das Festivalpublikum besteht nicht in dem Sinne aus einer Elite, wie man das Wort zur Zeit der Klassenkämpfe verwendete. Es sind nicht notwendigerweise die reichsten und bestgestellten Gruppen, die das Publikum der Festivals ausmachen. Natürlich bleibt das Geld immer ein Problem. Es kann objektiv die Praxis und den Konsum von Kultur verhindern. Das größte Hindernis für den Zugang zur Kultur ist aber weniger finanziell, sondern vor allem selbst kulturell.

Mehr als das Wohlstandsniveau sind es die Bezüge zur Kunst und ihren Werten (wie Sensibilität, Emotionen, Phantasie sowie Wissen oder reiner Verstand), die über das Interesse an den kulturellen Dingen entscheiden. De facto sind für den Kunstgenuss eine Ausbildung, ein konstantes Interesse und eine Akzeptanz ihrer Rituale notwendig, unabhängig von Sparte und Typologie der Kunst selber. Die aktuelle Popmusik oder das sogenannte alternative Theater sind ebenso konstitutiv für bestimmte getrennte Fangemeinden wie die Oper oder der klassische Tanz. Umso besser übrigens, denn Kunst passt nicht unbedingt mit Einstimmigkeit und Konsens zusammen. Alles in allem erscheint die Explosion von Formen und unterschiedlichen Zuschauerkreisen nicht länger als ein Faktor der sozialen Kohäsion, sondern als Zeichen der kulturellen Diversität, die man heute gerne voranbringt.

Festivals und regionale Identität

Städte und Regionen (seien es französische Départements, italienische Provinzen oder deutsche Länder) sind von der Festival-Formel hingerissen. Die lokalen Gewählten stehen in vorderster Linie: Sie sind die ersten Promotoren und zweifellos ersten Nutznießer dieser Festivals. Die Formel erscheint ihnen so verführerisch, dass sie darüber teilweise die übrige Kulturarbeit des Jahres vergessen. Manchmal verwechseln sie Festival mit Fete und tendieren dazu, das Ereignishafte zu bevorzugen, das sie selbst in den Mittelpunkt der Medien stellt und ihnen die Anerkennung der Zuschauer und Wähler sichert, angefangen mit dem lokalen Handel. Denn ein Festival hat mehr Auswirkungen auf das lokale Kulturleben, als man glauben mag:

  • Es hat eine starke Mobilisierungsfunktion, weil es eine medial gut verwertbare Veranstaltungsform ist. Für die Medien ist es ein gefundenes Fressen: Es kaut die Arbeit von Presse und Fernsehen vor, häuft Slogans und Logos an und stellt eine kritische Masse dar, die einfacher zu identifizieren ist als eine isolierte Veranstaltung oder ein sorgfältig über eine Spielzeit verteiltes Jahresprogramm.
  • Ein Festival unterstützt das lokale Kulturleben und die lokalen Künstler. Man hat oft über die Rivalität geredet, die bei einigen Festivals zwischen den von außen „importierten“ Künstlern und dem lokalen Angebot besteht. Gewiss, auf der einen Seite integrieren einige Festivals bestimmte lokale Künstler. Wo das nicht der Fall ist, sieht man oft spontan entstehende Parallelveranstaltungen, die das sogenannte offizielle Festival „besetzen“ oder ergänzen. Auch andere Künstler kommen zum Festival, um sich bekannt zu machen und die Ansammlung von Zuschauern, Journalisten und Profis auszunutzen. Avignon ist ein gutes Beispiel dafür: Es waren die Schauspieltruppen der Stadt, die „off“-Aktivitäten erfanden und vor allem während der Festivalzeit darboten. In Edinburgh überragt das „Fringe“ wegen seiner unglaublichen Fülle von Veranstaltungen sogar das ursprüngliche Festival.
  • Ein Festival ist auch ein Anreiz für die lokale Szene, sich mit den angereisten Künstlern zu vergleichen und zu messen, aber auch mit ihnen zusammenzuarbeiten. Hier werden die Künstler angeregt sich weiterzuentwickeln und die Festivals arbeiten mit den lokalen Strukturen in verschiedener Intensität zusammen (von der Miete der Locations bis zur Koproduktion).
  • Ein Festival erlaubt schließlich dem – lokalen oder auswärtigen – Publikum, Stadt und Hinterland wieder zu entdecken und sich gemeinsame Räume auf eine andere Weise als im Alltag anzueignen. Ein Kinofestival kann helfen, eine lokale Spielstätte voranzubringen. Ein Theaterfestival, die Sanierung von historischen Bauten zu beschleunigen. Und das Publikum kann so ungewöhnliche Orte, unbekannte Gebäude und vergessene Wege neu entdecken.

Es ist daher nicht nötig, die Politiker von der Nützlichkeit der Festivals zu überzeugen. Ihnen sollte aber geholfen werden, ihr Projekt zu präzisieren, ihren Kurs im Hinblick auf künstlerischen Anspruch und Ausbildung des Publikums zu bewahren. Eine Stadt kann nicht einfach irgendetwas lancieren und ein Festival kann sich nicht einfach irgendwo etablieren. 

Deswegen ist es notwendig, dass die Region die Kulturschaffenden und Vermittler anspricht. Denn die Erfahrung lehrt, dass ein künstlerischer Leiter oft entbehrlich ist, sobald ein Festival es versteht, künstlerische Ansprüche und kulturelle Aktion gleichermaßen zu verbinden. Der künstlerische Leiter ist angehalten, auf der einen Seite das Verhältnis zum Künstler zu pflegen, und auf der anderen Seite das Publikum zu informieren und zusammenzubringen. Das Gegengewicht zur Kompetenz des künstlerischen Leiters muss seine Unabhängigkeit sein. Er sollte Gewissheit hinsichtlich seiner Vertragsdauer haben und kann sich nicht als lokaler Angestellter verhalten, darf aber auch nicht als solcher betrachtet werden.

In Europa, der Heimat des Theaters, und in einer kulturellen Konsumgesellschaft, in der die Medien eine derartige Bedeutung erlangt haben, steht den Festivals also eine rosige Zukunft bevor.

Aus dem Französischen von Stephan Hollensteiner

Über den Autor
Bernard Faivre d’Arcier
Ehemaliger Abteilungsleiter im französischen Kulturministerium

Bernard Faivre d’Arcier war zunächst für das französische Kulturministerium für Theater, Kino und Audio-Visuelles tätig. Er war mit zwei Unterbrechungen 16 Jahre lang Leiter des Festivals von Avignon und kultureller Berater des Premierministers. Er hat den französischen Zweig des deutsch-französischen Kultursenders ARTE initiiert und ist Berater zahlreicher Städte und Regionen.

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