Marija Pejčinović Burić war zunächst Staatssekretärin, später Ministerin im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten und Europäische Integration in Zagreb. Von 2019 bis 2024 war sie Generalsekretärin des Europarats.

EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso eröffnete die erste Konferenz „Europa eine Seele geben“ 2004 mit den Worten: „Die EU hat ein Stadium in ihrer Geschichte erreicht, in dem ihre kulturelle Dimension nicht mehr geleugnet werden kann.“ In der Tat sind wir mit der EU -Erweiterung nach Mittel- und Osteuropa Zeugen eines gewachsenen Europa mit mehr Zuständigkeiten, Ausdrucksmöglichkeiten und kulturellen Traditionen geworden.
Bedenkt man aber, dass der Kulturbegriff mit dem Identitätsbegriff untrennbar verbunden ist, kommt man bei Fragen zur europäischen Identität nicht um den kulturellen Hintergrund herum. Sowohl Kultur als auch Identität werden von Wissenschaftlern, Gelehrten und Philosophen eingehend analysiert. Eine allgemeingültige Definition gibt es dennoch nicht und es ist fraglich, ob es sie überhaupt geben kann. Kultur und Identität sind nicht nur Gegenstand abstrakter Gedankengebäude, sie sind im Alltag der Menschen fest verwurzelt. Wie könnte man in diesem Sinne den „europäischen Weg“ definieren?
Kultur spielt eine tragende Rolle bei der Weiterentwicklung von Wissen, bei Verständigung und Vermittlung von Werten und einem Zugehörigkeitsgefühl, für die Demokratie und Anerkennung von Menschenrechten. Nicht zufällig taucht sie auch in der Präambel der EU -Verfassung auf, in der die Mitgliedstaaten dazu aufrufen, die Solidarität zwischen ihren Völkern zu vertiefen und gleichzeitig ihre Geschichte, Kultur und Traditionen zu respektieren und zu wahren. Diesem Appell folgt eine Einleitung, die klarstellt, dass eine europäische Bürgerschaft die nationale Staatsangehörigkeit nicht ersetzen, sondern ergänzen soll, sowie der Vorsatz, die Identität und Unabhängigkeit Europas zu stärken, um Frieden, Sicherheit und Fortschritt in Europa und der Welt garantieren zu können. Die Präambel und die gemeinsamen Klauseln des Vertrags unterstreichen damit die Wichtigkeit der Verknüpfung und Unabhängigkeit von Kultur, Identität und der Union als Garant für den Frieden.
Bilder- und Zeichensymbole sind der Kitt, der Europa zusammenhält und einen kollektiven Erinnerungsschatz schafft.
Die Idee einer europäischen Bürgerschaft beweist das Vorhandensein gemeinsamer Grundwerte, die gleichzeitig die Eckpunkte des gesamten Integrationsprozesses darstellen, ebenso wie die friedenssichernde Funktion der EU . Auch wenn die meisten Europäer das Trauma des Zweiten Weltkriegs nur aus Erzählungen kennen, ist er ein Teil der kollektiven Erinnerung. Die Bedeutung des Friedens ist für Kroatien nach dem Krieg auf dem Balkan ein unschätzbar wertvolles Gut. Aber auch für viele andere Länder in der Welt, deren Alltag von Kriegen und Tragödien bestimmt wird, ist Europa eine Oase des Friedens.
Was Identitätsfragen anbelangt, ist klar, dass die Union in der Praxis ebenso wie in ihren Statuten gleichviel Wert auf die jeweiligen Identitäten der Mitgliedstaaten und eine europäische Identität legt. In diesem Sinne lautet der erste Artikel des Verfassungsvertrags: „Die Union sollte die Gleichheit der Mitgliedstaaten vor der Verfassung ebenso respektieren wie deren nationale Identitäten, die sich in ihren grundlegenden politischen und verfassungsgebenden Strukturen wiederfinden.“ Hieraus resultiert auch die Bedeutung von Symbolen.
Bilder- und Zeichensymbole sind der Kitt, der Europa zusammenhält und einen kollektiven Erinnerungsschatz schafft. Beispielhaft ist das Motto der EU „Einheit in der Vielfalt“. Das erste Mal wurde dieser Leitspruch offiziell im Verfassungsvertrag erwähnt, der nicht nur einen Blick in die Vergangenheit, sondern auch in die Zukunft richtet. Interessanterweise reflektiert das formelle Motto eine alte Tradition vieler europäischer Rechtssysteme: die Aufnahme in ein rechtliches Dokument einer Institution, die sich in der Praxis schon etabliert hat. Ebenso war die Einheit in der Vielfalt schon im Umlauf, bevor sie in die Verfassung mit aufgenommen wurde. Dennoch ist der Blick in die Zukunft von der Notwendigkeit geprägt, unsere Perspektiven angesichts der gescheiterten Verfassungsreferenden in Frankreich und den Niederlanden sowie der EU -Erweiterung zu überdenken.
Obgleich es klare Anzeichen und sogar Fakten gibt, die untermauern, dass die Erweiterung 2004 ein politischer und wirtschaftlicher Erfolg war, sehen wir uns mit einer Müdigkeit, wenn nicht einer direkten Ablehnung der weiteren Integration konfrontiert. Vielleicht liegt es daran, dass die EU sich von vorneherein stark auf die ökonomische, institutionelle und administrative Integration konzentrierte und dabei kulturelle und ethische Werte vernachlässigte. Vielleicht sollte die Union sich auf ihre gemeinsamen Werte und ihr Kulturerbe besinnen, um das Vertrauen der Bürger in die Zukunft eines vereinten Europa zu stärken.
Zudem profitiert auch die Wirtschaft von der Kultur. Einer Studie der Kommission zufolge trug der Kultursektor 2,6 Prozent zum europäischen Bruttoinlandsprodukt bei und beschäftigte 2004 nahezu sechs Millionen Menschen. Hier sind indirekte und nicht messbare Beiträge aus kulturellen Aktivitäten noch nicht mit einbegriffen. Die Zahlen entsprechen besonders im Bereich Wachstum und Arbeit den Zielen der Lissabon-Agenda.
Alles in allem scheint es, dass die Einbindung von Kultur zur Überwindung der emotionalen Lücke zwischen den Europäern und dem europäischen Integrationsprozess – auch das Ziel der Initiative „Europa eine Seele geben“ – nur eine Win-win-Situation ergeben kann.
Was tut Kroatien als Beitrittskandidat in einem fortgeschrittenen Stadium der Beitrittsverhandlungen in dieser Hinsicht? Die Partnerschaft zwischen der Europäischen Union und Kroatien hat sich nach dem Beginn der Beitrittsverhandlungen im Oktober 2005 intensiviert. Der Beitrittsstatus an sich und der Verhandlungsstatus tragen zu einer besseren Kommunikation bei, die sich der Verständigung mit EU-Mitgliedern angleicht.
Die Einbindung von Kultur zur Überwindung der emotionalen Lücke zwischen den Europäern und dem europäischen Integrationsprozess kann nur eine Win-win-Situation ergeben.
Die öffentliche Rückendeckung ist das Herzstück der Beitrittsverhandlungen und Ausgangspunkt für die Ausarbeitung eines strategischen Plans und jedes weitere Vorgehen. Deshalb hat die kroatische Regierung Ende 2005 und das kroatische Parlament Anfang 2006 die Kommunikationsstrategie mit dem Ziel, die kroatische Öffentlichkeit über die EU und die Vorbereitungen auf eine Mitgliedschaft zu informieren, formuliert. Dazu gehört die Bereitstellung leicht verständlicher und zugänglicher Informationen für die Bürger und der Kontakt zur Öffentlichkeit über Medienberichterstattung, regelmäßige öffentliche Debatten, Infotelefone und ausgewählte Projekte wie die Feierlichkeiten zum Europatag. Besondere Aufmerksamkeit verdienen junge und spezielle Zielgruppen in der kroatischen Gesellschaft und in bürgerlichen Einrichtungen. Außerdem wird die dezentralisierte Kommunikation über Aktivitäten auf regionaler und lokaler Ebene gefördert.
Ein bekanntes Projekt ist das Nationale Forum zum EU-Beitritt, dessen regelmäßige Treffen das Themenspektrum des Integrationsprozesses in Kroatien abdecken und eine kontinuierliche öffentliche Debatte garantieren. Das Forum bietet Politikern und Medien in verschiedenen Regionen die Möglichkeit zum Austausch über Themen wie Verbraucherschutz, Mobilität der jungen Generation, kleine und mittlere Unternehmen oder Schutz des Urheberrechts.
Dennoch ist uns bewusst, dass Kroatien nicht nur wirtschaftliche und politische Fragen des Beitritts kommunizieren muss; eine tragende Rolle spielen kulturelle und ethische Werte einer erweiterten Union. Kultur kann ein Mittel sein, um Stereotypen zu bekämpfen und heikle Themen wie den Verlust eines Teils der nationalen Souveränität abzufedern. Daher ist kulturelle Zusammenarbeit in allen Formen essenziell.
Ein gutes Beispiel für die traditionelle Teilhabe Kroatiens am gemeinsamen europäischen Erbe und seiner Einbindung in den aktuellen kulturellen Austausch ist das Projekt „Roland’s European Paths“, das vom zivilgesellschaftlichen Europahaus Dubrovnik geleitet wird. Aus dem Projekt sind eine Monografie und eine multimediale Präsentation hervorgegangen, die die Traditionen vieler europäischer Städte und Dubrovnik aufgreifen. Außerdem stellte man aus diesem Anlass an prominenten Orten Statuen des ritterlichen karolingischen Hüters von Recht und Gerechtigkeit auf.
Autoren aus verschiedenen europäischen Ländern leisteten ihren Beitrag zu dem Buch, das in fünf Sprachen veröffentlicht wurde (kroatisch, deutsch, italienisch, französisch und englisch). Hier schließt sich der Kreis der Symbolik. Die Roland-Statuen, die man an den verschiedensten und abgelegensten Orten wie Bremen, Dubrovnik und Riga aufstellte, legen Zeugnis von der gemeinsamen Vergangenheit sowie gegenwärtigen europäischen Werten ab. Der kroatische Roland in Dubrovnik steht noch als Einziger außerhalb der Union, ist aber auf dem besten Weg zu seinen ritterlichen Namensvettern in der EU .
Erwähnenswert ist auch das kulturelle Projekt „Europe 2020“, ein paneuropäischer Wettbewerb für die Gestaltung von Plakaten, das die europäischen Visionen von Künstlern verbildlichen soll, und das vom Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten und Europäische Integration sowie dem kroatischen Designer-Verband organisiert wird. Der erste Wettbewerb fand 2002 statt, und der Erfolg ermutigte uns, 2005 einen weiteren unter dem Titel „Europe 2020 – Today for Tomorrow“ auszuschreiben.
Beide Male wurden mehr als 200 Arbeiten von Designern aus mehr als 20 europäischen Ländern eingereicht, die ein großes Spektrum an Visionen für die europäische Zukunft eröffneten. Diese Vielfalt an Ideen und Ausdrucksweisen beinhaltet verschiedene kulturelle Bezüge und nationale Traditionen, die sich in jeweils eigenen Formen der „Vielfalt in der Einheit“ widerspiegeln. Die Ergebnisse von „Europe 2020“ wurden in nicht weniger als 17 europäischen Städten von Kopenhagen bis Sofia vorgestellt. Die Ausstellungen geben Denkanstöße, die uns alle und unsere gemeinsame europäische Zukunft betreffen. Sie bestärken auch unseren Glauben, dass wir Europa und seine Identität mittels Kunst und über sprachliche und nationale Grenzen hinweg erfolgreich diskutieren können.
Diese beiden Projekte sind ein kroatischer Beitrag zur Vermittlung der Seele Europas, für die Kroaten ebenso wie für andere Europäer. Sie zeigen unsere Überzeugung, dass die Zukunft Europas nicht nur im Wohlstand liegt, sondern dass es ebenso um den Erhalt und die Weiterentwicklung gemeinsamer Werte inmitten der Vielfalt geht. Kultur ist zweifellos einer dieser Werte, ebenso wie der Frieden als Voraussetzung für eine blühende Kultur.
An dieser Stelle will ich einen Gedanken von Johan Huizinga aufgreifen, einem niederländischen Historiker, der treffend das späte Mittelalter beschrieb, die „Heimat“ unseres doppelt symbolischen – des künstlerischen und bewahrenden – Roland: „Wir wissen es nur zu gut: Wenn wir unsere Kultur bewahren wollen, müssen wir immer weiter an ihr arbeiten.“
Marija Pejčinović Burić war zunächst Staatssekretärin, später Ministerin im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten und Europäische Integration in Zagreb. Von 2019 bis 2024 war sie Generalsekretärin des Europarats.
Der Kultur kommt im europäischen Einigungsprozess eine strategische Rolle zu. Wie steht es um die Kulturbeziehungen innerhalb Europas? Wie kann Kulturpolitik zu einer europäischen Identität beitragen? Im Kulturreport Fortschritt Europa suchen internationale Autor:innen Antworten auf diese Fragen. Seit 2021 erscheint der Kulturreport ausschließlich online.
