Mann balanciert auf einem Seil, wobei er eine Waage als Stange benutzt, Illustration: picture alliance / Ikon Images/Gary Waters | Gary Waters
Geistige Esel der Beladenen, Illustration: picture alliance / Ikon Images/Gary Waters | Gary Waters

Geistige Esel der Beladenen

Für viele Esten blieb Europa auch zur Zeit des Eisernen Vorhangs geistige Heimat. Seit fünf Jahren gehört Estland nun zur Europäischen Union. Und dort leben Menschen, die einer vergangenen Zeit angehören, die ihrer Mentalität nach Bürger der stalinistischen Sowjetunion sind. Wo ist die geistige Heimat der jungen Generation?

„Als sei ich nie dort gewesen ...”, mit diesen Worten erinnerte sich der während der Terrorjahre zum Schweigen verurteilte und später im Gefangenenlager von Wladiwostok gestorbene Ossip Mandelstam an die Reisen nach Italien, die er während seiner Studienzeit in Heidelberg und an der Sorbonne unternommen hatte. Mandelstam war ein russischer Poet, der gemeinsam mit Anna Achmatowa zum Kreis der zu Beginn des 20. Jahrhunderts berühmten Akmeisten gehörte.

Auf die Frage, was Akmeismus sei, antwortete er: „Sehnsucht nach der Weltkultur” und verlautbarte, sich weder von den Lebenden noch von den Toten lossagen zu wollen, obwohl genau das die sowjetische Diktatur von Intellektuellen wie von Durchschnittsbürgern verlangte.

Im Zentrum Europas ist es nur schwer zu verstehen, wie sehr jene Völker, die fernab dieser konzentrierten Kulturlandschaft, aber doch in ihrem Einflussbereich lebten, diese allgemeinmenschliche, gemeinsame geistige Heimat brauchen.

Die Staatsgrenze war geschlossen worden, doch die in Italien, dem „ Land der Sehnsucht”, verbrachten Wochen (im heutigen Verständnis kann man sie wohl als Touristenreise bezeichnen) hinterließen bei dem Poeten auch in seinen späteren Erinnerungen einen eher unbefriedigenden Eindruck. Als Schriftsteller zählte für ihn nicht die physische Erfahrung, die Schönheit der toskanischen Berge. Für ihn war allein die Bedeutung der europäischen Weltkultur in seinem Leben wichtig, einer Kultur, die er zutiefst als eigene empfand, sowohl historisch als auch literarisch.

Im Zentrum Europas, in den alten Kulturländern wie Deutschland, wo man auf Mauerreste römischer Kolonien stößt, die in ursprünglich germanischen Gebieten errichtet wurden, wo sich über den „Anfang” der Geschichte niemand den Kopf zerbricht, hier ist es wohl nur schwer zu verstehen, wie sehr jene Völker, die fernab dieser konzentrierten Kulturlandschaft, aber doch in ihrem Einflussbereich lebten und sich entwickelten, diese allgemeinmenschliche, gemeinsame geistige Heimat brauchen.

Nicht für Diktaturen geeignet

Ich habe mit dem großen russischen Poeten begonnen, weil in ihm die besondere Eigenschaft und Bedeutung dessen, was es heißt, Europäer zu sein, besonders deutlich und tragisch zum Ausdruck kommt: Dante, Ariost, Petrarca, Catull, Ovid, Goethe, Bürger, Kleist, Hölderlin, Baudelaire, Rimbaud, Villon etc. retteten Mandelstam zusammen mit Puschkin, Brjussow, Derschawin und so vielen anderen Sternen der russischen Literatur aus der geistigen Isolation der Terrorjahre – doch sie bestimmten auch das weitere Schicksal des Dichters.

Mit anderen Worten: ein zutiefst europäisch denkender Mensch kann sich in keine Diktatur fügen.

Aus ihm kann man selbst unter Androhung schlimmster Strafen keinen Orwellschen Farmer machen, jedenfalls nicht so leicht wie aus jenen, die nicht von dieser Kultur durchdrungen sind. Denn das, was der Europäer Mandelstam in seinen Gedichten zum Ausdruck brachte, bedeutete unter den gegebenen Umständen nichts Geringeres als vollständigen Widerstand, die Kriegserklärung eines Menschen gegen eine absolute Macht, wobei für ihn nicht die geringste Hoffnung bestand.

Es gab eine Zeit, in der das Tragen eines europäischen Hutes anstelle einer Leninmütze nicht nur für den Träger, sondern auch für seine Angehörigen tragisch endete.

In den ersten Jahren der Republik Estland, während unser Nachbarstaat Sowjetrussland im Zuge der ersten „Großen Säuberungen” den zig Millionen von Opfern auch seine größten Schriftsteller hinzufügte, waren unsere Autoren beseelt von nationaler Begeisterung. Allgemein bekannt ist die Parole „Seien wir Esten, aber werden wir auch Europäer”. Diese Parole erklang nur zwei Jahrzehnte und wurde von dem Komplott zweier Diktaturen, dem Molotow-Ribbentrop-Pakt, beendet.

Ein zutiefst europäisch denkender Mensch kann sich in keine Diktatur fügen.

Ich wurde bereits in der Sowjetrepublik Estland geboren und wuchs in einem Land auf, das den anrollenden Panzerkolonnen seine Freiheit opfern musste, das getrennt vom Ausland, vor allem aber von Europa, mit Sowjetrussland verschmolzen war. Obwohl jenes Europa auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs für uns für immer in unerreichbarer Ferne zu liegen schien, klang der geistige Nachhall dieser Parole fort. Zumindest bei mir zu Hause.

Die außergewöhnlich große, die amtliche Ideologie negierende Bedeutung der Weltliteratur beruhte darauf, dass uns dank der vorhandenen Bücher und der estnischen Übersetzer die europäische Mentalität weithin vertraut war.

Ein für uns überaus wichtiger Aspekt dabei ist, dass die Zeit Stalins (eine Zeit, die nicht nur für den physischen, sondern auch für den geistigen Tod steht) in Estland vergleichsweise kurz andauerte, während in Russland, wo die Leiden und der geistige Schaden weitaus größer waren, die allgemein bekannten historischen Fakten erneut auf Staatsebene umgeschrieben oder verschwiegen werden.

In gewissem Sinne kam es in Sowjet-Estland zu einer eigenartigen, aber deutlich zu spürenden Zeitverschiebung. Genauer gesagt: in dieser totalitären Zeit, die auf Planwirtschaft beruhte und den Lagerkommunismus einführte, lebten doch viele Menschen, die aufgrund ihrer moralischen Grundsätze, ihrer Sitten, aber vor allem aufgrund ihrer geistigen Haltung in die estnische Republik, mit anderen Worten: nach Europa, gehörten.

Sowjetnostalgie

Jetzt, nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit, zeigt sich diese Verschiebung in entgegengesetzter Richtung. In der seit fünf Jahren zur Europäischen Union gehörenden Republik Estland leben wiederum Menschen, die einer vergangenen Zeit angehören, die ihrer Erziehung und ihrer Mentalität nach Bürger der stalinistischen Sowjetunion sind. Es sind nicht viele, aber ihre aggressive Existenz lässt die Vergangenheit nicht ruhen.

Man macht es sich zu leicht, wenn man glaubt, das sei ein nationales Problem. Letztendlich haben wir doch alle dasselbe Purgatorium durchlitten, in dem uns die europäischen Grundlagen ausgetrieben werden sollten, und mehr oder weniger hat die 50-jährige Sowjetzeit uns allen ihren Stempel aufgedrückt. Der Führerkultus und die Aufgabe der westlichen Demokratie führten dazu, dass neben dem Großen Führer auch all jene an die Macht kamen, die im System eine Position hatten.

Jeder klammerte sich an seinen Posten, und über ihre Macht freuten sich Forscher, Hauswart und Institutsdirektor gleichermaßen. Wer nicht in diesem System gelebt hat, weiß nicht, was Machtgier ist. Die Nostalgie, die einige ältere Menschen verspüren, wenn sie an diese Zeit zurückdenken, erhellt einen nur allzu menschlichen Tatbestand – die Jugend scheint, jedenfalls einigen Menschen, die beste Zeit des Lebens gewesen zu sein, und angesichts der globalen Wirtschaftskrise hört man stimmen, die das Auseinanderbrechen der Sowjetunion sogar für ein tragisches Ereignis halten.

In der seit fünf Jahren zur Europäischen Union gehörenden Republik Estland leben Menschen, die ihrer Erziehung und ihrer Mentalität nach Bürger der stalinistischen Sowjetunion sind.

Unsere frühere Parole „Seien wir Esten, aber werden wir auch Europäer!” ist daher wohl gerade jetzt von größerer Bedeutung als jemals zuvor. Eingedenk der „Bronzenacht” vor zwei Jahren (als die Proteste gegen die Umsetzung eines Mahnmals zur Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und gegen die Umbettung der Gebeine von Soldaten auf den Kriegsfriedhof zu Plünderzügen in der Innenstadt Tallinns führten), würde ich die Parole jetzt neu formulieren: „Seien wir Esten, werden wir Estländer, aber seien wir alle zusammen auch Europäer!”

Für mich, die werdende Schriftstellerin, waren Jugend und Ausbildung in diesem kleinen Flecken Land am Ufer des Finnischen Meerbusens gerade deshalb durchdrungen von einer existenziellen Spannung und Komplexität, als unsichtbar und sichtbar der von Soldaten bewachte Stacheldrahtzaun immer vor Augen war.

Schriftsteller lernten unter der Zensur „zwischen den Zeilen” zu schreiben, und die Leser kauften mit einer davor nicht bekannten Leidenschaft Bücher (so konnte sich die Erstauflage eines Gedichtbandes auf viertausend, eines Romans auf ganze zwanzigtausend Stück belaufen), um den allgemeinverständlich zwischen den Zeilen verborgenen Geheimcode zu knacken, der von den Zensoren übersehen worden war. Selbst in Gedichten für Kinder entschlüsselte das kollektive estnische Bewusstsein verbotene Nachrichten, die von den Dichtern, wie sie später bekannt gaben, freilich niemals intendiert worden waren.

Von einer Fassade getäuscht

Und inmitten all dieser staatlichen Verbote und Bedrängungen gab es Zeiten, in denen mich das Bild, das sich mir auftat, wenn ich mit der Verhärmtheit eines Gefangenen nach Europa blickte, erschütterte. Ich gestehe, ich hätte mir gewünscht, die europäische geistige Elite wäre hellsichtiger und klüger gewesen; hätte mir gewünscht, dass ein Teil der bedeutendsten europäischen Intellektuellen sich bei der Wahl ihrer Weltanschauung nicht derart von den verbalen Vortäuschungen dieses tönernen Kolosses hätte blenden lassen.

Ich verstand zutiefst den hier offenbar werdenden, andauernden Kampf begabter Menschen um eine bessere Weltordnung, verstand, dass Proteste damals und in Zukunft nötig sind, dass menschliche Freiheit und gesellschaftliche Verantwortung immer Mangelware sind. Doch Künstler und Schriftsteller, die offen als Kommunisten auftraten, zeigten in meinen Augen vor allem, dass sie den gegen die Träger europäischer Werte gerichteten Holocaust, dass sie das Schicksal von Mandelstam, Achmatowa und vielen anderen unbekannteren Schriftstellern nicht nur begrüßten, sondern durch den Besitz eines roten Parteibuchs geistig unterstützten.

Eigentlich war das, was wir erlebten, gegen Ende weniger grausam als vor allem von himmelschreiender Dummheit. Und da schon lange niemand mehr an die Ideologie der Terrorjahre und die ganze Dialektik des Kommunismus glaubte, war es uns ein Rätsel, wie es möglich sein konnte, dass eine Gruppe von Mächtigen, die sich angesichts des akuten und chronischen Mangels an Grundprodukten schamhaft in Extrageschäften, Extrakrankenhäusern, Extravillen etc. verbarrikadierte, die von Zeit zu Zeit eine Farce von Wahlen veranstaltete und sich beinahe halb Europa unterworfen hatte, warum diese Gruppe von Menschen auch auf den freien Rest Europas einen solch lang anhaltenden geistigen Einfluss ausüben konnte.

Ich hätte mir gewünscht, dass europäische intellektuelle sich bei der Wahl ihrer Weltanschauung nicht derart von den verbalen Vortäuschungen dieses tönernen Kolosses hätten blenden lassen.

Ich will nicht behaupten, dass man den Kommunismus als theoretische und soziale Lehre vom Aufbau eines Gemeinwesens vor Gericht schleifen sollte oder könnte. Aber ein Regime, das im Namen der kommunistischen Partei derartige Gewalttaten beging, kann mit europäischem Maßstab gemessen meiner Meinung nach nicht anders als verbrecherisch bezeichnet werden.

Trauer der Neuankömmlinge

Um aber auf die Frage nach den heutigen Verflechtungen europäischer Geisteskulturen zurückzukommen, so scheint mir, dass diese verhindert werden, da das alte, geistreiche und großherzige Zentrum Europas von der Trauer der Neuankömmlinge ermüdet ist. Mir scheint, dass sich Europa zum Teil ganz einfach fürchtet und das Übermaß grausamer Schicksalsschläge, das ihm in den Übersetzungen aus den kleinen Sprachen Europas so plötzlich entgegenschlagen könnte, teils nicht erträgt, teils nicht zu hören wünscht.

Aber vielleicht ist genau das die Frage – was können wir, „die geistigen Esel der Beladenen”, wir Schriftsteller kleiner europäischer Sprachgemeinschaften, dem übersättigten europäischen Literaturmarkt anstelle der befürchteten Klagelieder bieten? Die Frage ist umso wichtiger als die Verleger sehr wohl wissen, was sich verkauft, und ohne möglichen Profit keine wirtschaftlichen Risiken eingehen.

Der Zweite Weltkrieg und seine Nachwirkungen sind in Europa kein Thema mehr. Für die Osteuropäer, die Balten, endete er aber erst wirklich mit dem Fall der Berliner Mauer, und mir scheint, dass wir es erneut mit einer Zeitverschiebung zu tun haben, die sich um Jahreszahlen nicht kümmert.

Aus Gründen, die wir nicht beeinflussen können, ist uns der Totalitarismus der Vorkriegszeit immer noch schmerzlich nah, er bricht in den „Bronzenächten” mit neuen Schreckensvisionen hervor, und uns scheint, dass, wenn man ihn nicht auf europäischer Ebene versteht, es uns schwerfallen wird, eine gemeinsame allgemeinmenschliche Sprache zu finden.

Jaan Kross, der international bekannteste Schriftsteller Estlands, sagte: „Meinem eigenen Selbstverständnis nach bin ich weit davon entfernt, historische Erinnerungsplätze zu zementieren. Aber einen grundsätzlichen Unterschied zwischen dem D-Day in Frankreich und unseren Deportationen möchte ich doch hervorheben: Die Franzosen (und mit ihnen ein großer Teil der Europäer) durften diesen Tag sechzig Jahre lang begehen. Und vielleicht reicht es ihnen jetzt. Das sollen sie selbst entscheiden. aber wir durften des Jahrestages der Deportation lange Zeit nicht öffentlich gedenken. Wir standen nach den großen Deportationen von 1941 und 1949 ein halbes Jahrhundert lang unter Sowjetherrschaft, die uns die Erinnerung an diese Tage mit all den ihr zur Verfügung stehenden Verfolgungsorganen verbot ... Jetzt, wo es kein Staatsverbrechen mehr ist, jemandem in Gedanken und taten Blumen an das unbekannte Grab zu legen, jetzt, wo das endlich möglich geworden ist, möchte ich selbst entscheiden, wie lange ich meiner Verstorbenen oder der toten des Volkes gedenke. Ob fünfzig, sechzig oder hundert Jahre reichen. Oder ob auch tausend Jahre dafür zu wenig sind.”

Wie Kross versuche auch ich, keine „historischen Erinnerungsplätze zu zementieren”, auch und obwohl ich mich an alles erinnere. Mein 2008 auf Deutsch erschienener Roman „Falle, unendlich” handelt zum Beispiel von Dingen, die heutzutage geschehen, aber das, was ich mit dem Werk sagen will, steht in Verbindung mit Kross, der acht Jahre im Gefangenenlager verbrachte, und mit Mandelstam – für beide war die Freiheit nicht vom Menschen zu trennen.

Und so gibt es keinen anderen und wohl keinen besseren Weg zur Erschaffung einer gesamteuropäischen Identität als den von Literatur inspirierten Dialog.

Als ich diesen Aufsatz beendete, fragte ich meine Tochter, die zu der Zeit in Singapur Genetik studierte und in einem internationalen Studentendorf lebte, ob sie sich in der Welt als Europäerin fühle. Ich bekam sofort eine bejahende Antwort. Europa ist die Heimat der jungen gebildeten Esten. Aber dennoch fügte sie ihrer Bejahung ein wenig später hinzu, dass sie als Estin in Gesprächen mit Gleichaltrigen über Geschichte und Politik doch immer wieder merke, wie wenig man von uns weiß und wissen will, und wie weit wir aufgrund dessen doch immer noch von einer europäischen Identität entfernt sind.

Aber die Weltauffassung eines Künstlers ist ein Instrument und ein Werkzeug wie der Hammer in der Hand eines Steinmetzes. Und so gibt es keinen anderen und wohl keinen besseren Weg zur Erschaffung einer gesamteuropäischen Identität als den von Literatur inspirierten Dialog. Oder in den Worten Milan Kunderas: „Die Existenz literarischer Werke hat nur insofern Sinn, als sie bislang unbekannte Aspekte der menschlichen Existenz enthüllen.”

Wie intensiv dieser Dialog ist, hängt aber vor allem vom inhaltlichen und emotionalen Interesse an jenen Völkern und Ländern ab, die zwischenzeitlich von der europäischen Landkarte ausradiert worden waren.

Aus dem Estnischen von Ulrike Plath

Über die Autorin
Eeva Park
Schriftstellerin

Eeva Park ist eine estnische Schriftstellerin. Sie begann ihre literarische Karriere 1983 als Lyrikerin, schreibt aber auch Romane, Theaterstücke und Kurzgeschichten. 

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