„Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum, eine ermüdende Pflicht, ein Exil.“ Das Zitat von Friedrich Nietzsche trifft den Nagel auf den Kopf: Es ist die Kultur, die das Leben schön macht. Ein gutes Buch, ein bewegendes Lied, ein eindrucksvolles Kunstwerk oder ein architektonisches Meisterwerk, ein wohlschmeckendes Glas Wein – das sind die Dinge, die unser Leben reicher machen.
Kultur und Bildung sind die Säulen offener Gesellschaften. Mit dem ihr eigenen Wert kann Kultur bei der Entwicklung von Werten und Zielen mitwirken. Beispielsweise kann Kultur die wirtschaftliche und soziale Entwicklung einer Nation begünstigen, die Demokratisierung fördern und zwischenmenschliche Konflikte lösen oder verhindern. Im Februar 2011 konnte ich wieder einmal miterleben, wie Kultur zur Beilegung von Differenzen beitragen kann. Ich besuchte „Kriterion Sarajevo“, eine Stiftung junger und ehrgeiziger Studierender, die mir berichteten, dass sie gerade dabei waren, im Herzen von Sarajevo ein politisch unabhängiges Kulturzentrum als Treffpunkt und Diskussionsort für Filminteressierte zu gründen.
Seit ewigen Zeiten nutzen Staaten kulturelle Inhalte ihres Landes, um internationale Ziele und Interessen zu realisieren.
Mehr als ein Jahrzehnt nach dem Balkankrieg sind ethnische und religiöse Spaltungen in der bosnischen Gesellschaft leider nach wie vor sehr stark spürbar, aber die Studierenden von „Kriterion Sarajevo“ sind überzeugt, dass man nicht länger die trennende Vergangenheit, sondern eine gemeinsame Zukunft hervorheben sollte.
„Kriterion Sarajevo“ ist ein Beispiel für zwischenmenschliche Diplomatie. Das Projekt wurde mit Unterstützung niederländischer Studierender ins Leben gerufen, die im „Kriterion Amsterdam“ arbeiten. Dieses Filmhaus mit Café ist bereits seit mehr als einem halben Jahrhundert ein kultureller Treffpunkt. „Kriterion Amsterdam“ startete in den Trümmern nach dem Zweiten Weltkrieg, als die junge Generation Amsterdams die Stadt kulturell wieder aufrichten wollte, während ansonsten das Hauptaugenmerk auf der wirtschaftlichen Erholung lag. Die Entstehungsgeschichte des „Kriterion Amsterdam“ diente als Inspiration für das „Kriterion Sarajevo“ und hat zu einem beständigen Kontakt zwischen Bosniern und Niederländern geführt.
Seit ewigen Zeiten nutzen Staaten kulturelle Inhalte ihres Landes, um internationale Ziele und Interessen zu realisieren. Hierzu lassen sich eine Reihe wohlbekannter Beispiele aus verschiedenen Ländern der Welt anführen, beispielsweise die Alliance Française, die Goethe-Institute und die Kulturdiplomatie- und Informationsprogramme des Außenministeriums der Vereinigten Staaten. Die Schwellenmächte China und Indien bauen ihr Engagement im Bereich kulturelle Diplomatie kontinuierlich aus. Auch wenn die Europäische Union mit die größte kulturelle Vielfalt und Attraktivität der Welt aufweist, so hat sie doch keine hinreichende EU-Kulturstrategie für ihre außenpolitischen Aktivitäten entwickelt.
Mein Bericht für das Europäische Parlament zu den „kulturellen Dimensionen der außenpolitischen Aktivitäten der EU“1 strebt in diesem Bereich einen Wandel an. Ohne die Vielfalt des Kulturerbes und der kulturellen Inhalte vermischen oder verändern zu wollen, sollten fragmentierte Strategien neu überdacht werden, damit die EU effizienter arbeiten kann. In dem Bericht fordert das Europäische Parlament die Europäische Kommission und den Europäischen Auswärtigen Dienst (EAD) auf, ein politisches Rahmenwerk für die EU als globaler Player zu erstellen. Für die außenpolitischen Aktivitäten der EU ist eine kohärente und koordinierte EU-Strategie zur Rolle der Kultur erforderlich.
Kultur und Bildung sind die Säulen offener Gesellschaften.
Identität, Werte und Freiheiten sind eng mit Kultur verwoben. Werte werden durch kulturelle Ausdrucksformen vermittelt, und die Werte einer Gesellschaft, in der die freie Meinungsäußerung gefördert wird und einer anderen Gesellschaft, in der sie behindert wird, zeigen sich jeweils implizit in den kulturellen Produkten dieser Gesellschaften. Aus diesem Grund ist der Austausch für Künstler so fruchtbar. Eine veränderte Umgebung führt zu anderen Gemälden, anderen Theateraufführungen und einer anderen Literatur.
Iranische Studierende in Europa nehmen am „europäischen Leben“ teil und werden automatisch die demokratischen Werte und Grundfreiheiten als Wesenszug der EU kennen lernen. Ein solcher zwischenmenschlicher Kontakt ersetzt heute mehr und mehr die traditionelle Rolle der Diplomatie zwischen verschiedenen Regierungen. Die kulturelle Diplomatie kann oft den Weg bereiten und Brücken bauen, wenn die politischen Beziehungen angespannt sind. Künstler, Studierende, Journalisten und Unternehmer sind möglicherweise die besten Botschafter für ein Land. Die Regierungen sollten ihnen nicht im Weg stehen, sondern die Zivilgesellschaft, den kulturellen Sektor und zwischenmenschliche Kontakte fördern.
Der Zugang zu Kultur kann unerwartet Türen öffnen. Andras Simonyi – der ehemalige ungarische Botschafter in den Vereinigten Staaten – meinte: „Kulturell betrachtet, war der Rock’n’Roll ein entscheidendes Element der Entspannung der kommunistischen Gesellschaften und für ihre Annäherung an eine Welt in Freiheit.“
Ein gemeinsamer EU-weiter Ansatz bei der Kultur in den außenpolitischen Aktivitäten kann gut neben der kulturellen Diplomatie der jeweiligen Mitgliedsstaaten bestehen.
In Zeiten des globalen Wettbewerbs um Talente, Touristen und um ein Publikum ist eine gemeinsame Strategie keinesfalls Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Viele Drittländer wenden sich im Rahmen ihrer Außenbeziehungen explizit an die Europäische Union und nicht nur an die verschiedenen Mitgliedsstaaten. Ein gemeinsamer Ansatz ist jedoch auch wünschenswert, weil eine gemeinsame Abstimmung der kulturellen Diplomatie und der entsprechenden Programme und Strategien eine effektivere und effizientere Nutzung eingeschränkter Ressourcen bedeuten würde, was bei den derzeitigen Einschnitten in den öffentlichen Budgets sehr willkommen wäre. Die EU-Mitgliedsstaaten und ihre nationalen Kulturvertretungen müssen zunächst besser zusammenarbeiten. Zweitens muss die EU den Bewohnern der gesamten Welt den Zugang zum kulturellen Reichtum Europas ermöglichen.
Der Bericht des Europäischen Parlaments enthält einen Appell an den Europäischen Auswärtigen Dienst (EAD), der mit der Ratifizierung des Lissabonner Vertrages ins Leben gerufen wurde, die Aktivitäten zu koordinieren. Der EAD sollte zu kulturellen Aktivitäten Stellung beziehen, damit in jeder ausländischen EU-Vertretung ein Schwerpunkt auf die Koordination von Kulturbeziehungen und die Interaktion der EU mit Drittländern gesetzt wird. Statt das Rad neu zu erfinden, würde die EU sich an Beispielen von Best Practice verschiedener Mitgliedsstaaten orientieren. Es wird erwartet, dass die Europäische Vereinigung nationaler Kulturinstitute (EUNIC) dem EAD bei dieser Koordinationsaufgabe zur Seite stehen wird. Der derzeitige Aufbau und die weitere Entwicklung des EAD ist eine hervorragende Gelegenheit, die bereits existente kulturelle Außenpolitik der EU zu straffen und zu koordinieren. Die derzeitige Aufsplitterung der EU-Abteilungen für Handel, Entwicklung, Kultur und Bildung sowie der Abteilung für Außenbeziehungen sollten durch eine koordinierte Eingliederung der Kultur in die außenpolitischen Aktivitäten der EU ersetzt werden.
Die EU muss alle Mobilitätsbarrieren aufheben – ganz gleich, ob sie bürokratischer oder finanzieller Natur sind. Die Einführung von Kulturvisa für Staatsangehörige von Drittstaaten würde beispielsweise die Zusammenarbeit und den Austausch von Kulturschaffenden erleichtern. Darüber hinaus hätte eine stärkere Einbeziehung von Drittstaaten in die Mobilitäts-, Jugend-, Bildungs- und Trainingsprogramme der EU eine stimulierende Wirkung auf die kulturelle Diplomatie. Initiativen wie Erasmus Mundus (fördert die Mobilität von Studierenden und Wissenschaftlern), Media Mundus (stärkt die kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Europas Filmindustrie und Filmschaffenden in Drittländern) und viele andere kleinere Initiativen wie Euromed Audiovisual III (leistet einen Beitrag zum interkulturellen Dialog durch Unterstützung der kinematografischen und audiovisuellen Leistungsfähigkeit in den mediterranen Partnerländern) müssen ausgeweitet und vertieft werden, und eine verbesserte Kommunikation über diese Initiativen ist anzustreben.
Die EU muss alle Mobilitätsbarrieren aufheben – ganz gleich, ob sie bürokratischer oder finanzieller Natur sind.
Mit der Öffnung des Zugangs zu Europas kulturellen Inhalten fordert der Bericht die Einbeziehung digitaler Diplomatie in die kulturelle Diplomatie der EU. In der Zwischenzeit sollte die Reform der Gesetze zum Schutz des geistigen Eigentums und die Einführung des digitalen Binnenmarktes innerhalb der EU ausgearbeitet werden. Derzeit werden im Vergleich zur EU in den USA viermal so viele Musikstücke heruntergeladen, weil der Lizenzmarkt in der EU so zersplittert ist. Dadurch ist es ausgesprochen teuer, Inhalte legal online zur Verfügung zu stellen. Außerdem sollte sich die EU bereits existierender Angebote wie der Europeana – einer digitalen Onlinebibliothek mit Millionen von digitalisierten Einträgen europäischer Museen, Bibliotheken, Archiven und Multimediasammlungen – bedienen und sie ausweiten, um die europäische Kultur bei Menschen auf der ganzen Welt bekannter zu machen.
Während der Revolution gegen das Mubarak-Regime in Ägypten in der ersten Jahreshälfte wurden schwarze Flaggen mit einer weißen Faust durch Kairos Straßen getragen. In den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts war diese Flagge das Symbol von Otpor, der friedlichen serbischen Widerstandsbewegung, die das Miloševic-Regime aus dem Amt trieb. Die meisten Ägypter haben ihr Land noch nie verlassen, aber die Aktivisten haben die Kunstgriffe des gewaltfreien Kampfes für Demokratie von den Serben über das Internet gelernt.
Die Kehrseite ist, dass Technologie auch von Regierungen als Mittel zur Kontrolle des Informationsflusses und zur Unterdrückung der Bevölkerung eingesetzt wird. In Ägypten ließ Mubarak das Internet sperren, um die Menschen daran zu hindern, zu kommunizieren und sich zu mobilisieren, Zugang zu Informationen zu erhalten und Videos zur Verletzung von Menschenrechten zu teilen. Informations- und Kommunikationstechnologien sind für Kulturbeziehungen, aber auch für die grundlegenden Rechte und Freiheiten der Menschen von entscheidender Bedeutung.
Die kulturelle Vielfalt ist bereichernd und attraktivitätsfördernd für Europa. Darüber hinaus kann die Kultur auf dem Weg zu Demokratie, Menschenrechten, Handel, Entwicklung und Innovation fördernd mitwirken. Die derzeitige Fragmentierung europäischer Strategien behindert die strategische Straffung und die wirksame Nutzung von Ressourcen.