Die Albaner Kosovos waren seit 1989 von der Verwaltung, dem Bildungssystem, den politischen Strukturen, den Medien, der Wirtschaft, dem Gesundheitswesen und dem Kulturbetrieb des für sie zuständigen Staates faktisch ausgeschlossen und somit auf die parallele Organisation oder besser Improvisation angewiesen. Tausende und Abertausende junger Menschen beiderlei Geschlechts verließen in dieser Situation das Land und suchten Zuflucht in Deutschland, der Schweiz, Österreich, Amerika.
Es waren vor allem die finanziellen Leistungen dieser neuen Diaspora, die ein gerade hinreichendes Funktionieren des „Parallelstaats“ sicherten. Die „Regierung“ und die politischen Parteien verfügten über ausreichende Mittel, um Vertreter ins Ausland zu schicken, die das, was „Weltmeinung“ genannt wurde, auf die Probleme Kosovos aufmerksam machen sollten.
Der spätere kosovarische Präsident Ibrahim Rugova und seine Weggefährten durften sich bereits jetzt wahrhaftig wie „Staatsmänner“ vorkommen. Dass sie unterwegs und bei ihrer Rückkehr an den Grenzen ihre serbischen Personalausweise und Pässe zeigen mussten, minderte bei ihnen nicht das Gefühl der eigenen Wichtigkeit. Schließlich hatte das Parlament des Kosovo schon 1991 zur Republik ausgerufen, die jedoch außer von Albanien, das sich zu dieser Zeit in den stürmischen Gewässern der Demokratie wild rudernd an der Oberfläche zu halten versuchte, von niemandem anerkannt wurde. Ein solches virtuelles Staatswesen hatte es in Europa noch nie gegeben.
Das Parlament des Kosovo hatte schon 1991 zur Republik ausgerufen, die jedoch außer von Albanien, das sich zu dieser Zeit in den stürmischen Gewässern der Demokratie wild rudernd an der Oberfläche zu halten versuchte, von niemandem anerkannt wurde.
Die Vereinigten Staaten von Amerika und die westeuropäischen Staaten, die tatsächlich geglaubt hatten, mit dem Dayton-Vertrag das Blutvergießen im ehemaligen Jugoslawien unter Ausklammerung der Kosovofrage lösen zu können, standen spätesten nach den Demonstrationen der serbischen Opposition im Jahr 1997 vor der Erkenntnis, dass es für Milošević nur eine Möglichkeit gab, sich an der Macht zu halten, nämlich dorthin zurückzukehren, wo er eine Dekade zuvor seine politische Karriere begonnen hatte: Kosovo.
Rugovas pazifistische Bewegung
Dort begann die pazifistische Bewegung von Ibrahim Rugova allmählich an Vertrauen zu verlieren. Der Weggang Zigtausender von jungen Albanern aus Kosovo, die in den Ländern ihrer Emigration ganz andere Verhältnisse kennen lernten, dazu die Entdeckung, dass man per Satellitenschüssel amerikanische, britische, deutsche, schweizerische oder österreichische Fernsehsender empfangen konnte, machten nicht nur die Scheinhaftigkeit der eigenen Republik offensichtlich, sondern stärkten auch die Hoffnung bei den Albanern, der Westen werde nicht einfach zuschauen, wie sie von den Krallen des serbischen Tigers zerfetzt wurden, dem es nur darum ging, möglichst schnell einen neuen Konflikt vom Zaun zu brechen, um sich die von Zoran Đinđić energisch geführte Opposition vom Leib zu halten.
Das Timing stimmte. Denn zur gleichen Zeit sammelten sich junge Albaner aus Kosovo, die in der Emigration ein paar Deutschmark und amerikanischen Dollars gespart hatten, in dem vom autokratischen Regime von Sali Berisha 1997 an den Rand eines Bürgerkriegs gebrachten Albanien. Eine „Befreiungsarmee Kosovos“, kurz UÇK gerufen, erschien auf der Bildfläche und schuf noch im gleichen Jahr in verschiedenen Regionen Kosovos Stützpunkte und Krisenherde.
Miloševićs Militärmaschine antwortete mit aller Härte. Noch ein neuer Krieg auf dem Balkan begann, doch diesmal war es der letzte, denn das brutale Vorgehen von Miloševićs Soldaten und Paramilitärs in den Dörfern von Drenica und Dukagjini forderte den Westen heraus, zwischen den Konfliktparteien zu vermitteln.
Ein neuer Krieg in Europa
Die Konferenz von Rambouillet in Frankreich, wo das gesamte politische Spektrum der Albaner Kosovos mit Miloševićs Beauftragten zusammenkam, brachte weniger als nichts. Dem Westen blieb nichts anderes übrig, als mit einer Luftkampagne gegen die Milošević-Truppen in Serbien und Kosovo seinen Friedensbemühungen Nachdruck zu verleihen. Im letzten Jahr des zwanzigsten Jahrhunderts war Europa in einen neuen Krieg hineingeraten, der die Gemüter erregte, die öffentliche Meinung spaltete, vor allem aber großes Leid hervorrief.
Dem Westen blieb nichts anderes übrig, als mit einer Luftkampagne gegen die Milošević-Truppen in Serbien und Kosovo seinen Friedensbemühungen Nachdruck zu verleihen.
Der berühmte deutsche Philosoph Jürgen Habermas sprach in dem erbitterten Diskurs über die NATO-Intervention von einer „völkerrechtlich legitimierten Nothilfe“. Miloševićs Rache bestand in der Vertreibung von einer Million Albanern aus Kosovo; mehr als 10.000 Menschen albanischer Nationalität wurden getötet. Im Westen sah man sich vollends in der Verantwortung, dieser Tragödie ein Ende zu setzen. Nach 78 Tagen Luftkrieg erkannte Milošević seine Niederlage an und zog die serbischen Truppen aus Kosovo ab, deren Rückzug sich zahlreiche kosovarische Serben und Angehörige von Minderheiten anschlossen, die sich vor der Vergeltung der im Juni 1999 in das freie Kosovo zurückkehrenden Albaner fürchteten.
Die Angst der serbischen und anderen Minderheiten war durchaus nicht unbegründet. Die Racheakte der Albaner waren mehr als brutal. Die in Kosovo stationierten NATO-Soldaten der KFOR und die auf der Grundlage der Resolution 1244 des Sicherheitsrats der UNO gestartete größte Mission in der Geschichte der Vereinten Nationen unter der Bezeichnung UNMIK befanden sich zwischen zwei Feuern: die Albaner feierten sie als Befreier, die Serben verfluchten sie als Besatzer.
Die Internationalen standen vor der Aufgabe, die Rückkehr der Vertriebenen und den Wiederaufbau sicherzustellen, aber auch die Rechte der Serben und der anderen Minderheiten zu schützen. Kosovo hatte in den Nachkriegsmonaten und -jahren zahllose traumatische Erlebnisse zu verkraften.
Flut von Hilfsorganisationen
Hunderte von humanitären Organisationen strömten ins Land, um Unterstützung zu geben, von Tierschutzgruppen über technische Hilfswerke und Vermisstensuchverbänden bis hin zu Minenräumorganisationen. Es darf an dieser Stelle auch nicht verschwiegen werden, dass die Angehörigen der „Befreiungsarmee Kosovos“, die nach dem Einmarsch der NATO-Truppen aus den Bergen herabgestiegen waren und sich der Städte bemächtigt hatten, ihre einstige Losung „Wir sind bereit, für das Vaterland zu sterben“ in „Stiehl und raffe zusammen, soviel du nur kannst“ abgeändert hatten.
Dies führte dazu, dass die aus der betreffenden Militärformation hervorgegangenen Parteien bei den ersten freien Wahlen in Kosovo ein Debakel erlebten, während der Pazifist Ibrahim Rugova, den viele seiner internationalen Freunde bereits für politische tot gehalten hatten, eine Wiederauferstehung erlebte. Rugovas Demokratische Liga war gefordert, mit Unterstützung der UN-Mission provisorische Regierungseinrichtungen auf die Beine zu stellen, die vom Nullpunkt aus den Neuaufbau in Angriff nahmen. Oder besser gesagt, nach jahrzehntelangem Mangel von einer Position im Minus aus.
Rugovas Demokratische Liga war gefordert, mit Unterstützung der UN-Mission provisorische Regierungseinrichtungen auf die Beine zu stellen, die vom Nullpunkt aus den Neuaufbau in Angriff nahmen.
Rugovas Partei hatte in den neunziger Jahren die „parallele“ Staatsmacht innegehabt, und Korruption war für sie keineswegs ein unbekannter Begriff. Zieht man noch die mit Abenteurertum sich paarende Ignoranz der UN- und anderer Missionare gegenüber den Bedingungen im Land in Betracht, wird man sich nicht wundern, dass Unterschlagungen und der großzügige Missbrauch westlicher Hilfsfonds für eine Vielzahl ausländischer Helfer und kosovarische Politiker zum gemeinsam betriebenen Sport wurden.
Damit das nicht so auffiel, pflegte die kosovarische Politik mit einem gewaltigen Aufwand an Pathos den Kult des heldenhaften Befreiungskriegs. Die albanischen Politiker fütterten die hungrige Bevölkerung mit medialer Ersatznahrung: Hauptsache, ihr seid dank unserer heroischen Anstrengungen davongekommen und leidlich frei, der Rest wird sich schon ergeben! Man möchte den Schriftsteller Thomas Bernhard zu Hilfe rufen: „Es ist nichts zu loben, nichts zu verdammen, nichts anzuklagen, aber es ist vieles lächerlich, es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt.“
Der massive Zustrom von Helfern der UN, der EU und aller möglicher NGOs löste in Kosovo einen regelrechten Kulturschock aus, der noch nicht verdaut ist. Andererseits konnten die großen Tragödien der Welt – der 11. September, Afghanistan, Irak – nichts daran ändern, dass die Angst vor Konflikten im südöstlichen Teil Europas weiter besteht. Die albanische Mehrheit in Kosovo war inzwischen mehrfach nahe daran, an der neu erworbenen Freiheit zu verzweifeln, wie es auch schon anderen Völkern widerfahren ist.
Die Enttäuschung schmerzt besonders, weil sie doppelt ist: Die internationale Gemeinschaft, die Riesensummen ausgab und Scharen von Missionaren in Bewegung setzte, war noch nicht einmal imstande, die Haushalte mit ausreichend elektrischer Energie zu versorgen, von anderen Bedürfnissen ganz zu schweigen, und von den einheimischen Politikern ist schon gar nichts zu erwarten.
Das war der Nährboden dessen, was 2004 als „Märzproteste“ in die Geschichte einging. Kaum fünf Jahre nach der erlangten Freiheit brannte es in Kosovo erneut, und die Hauptleidtragenden waren diesmal die Angehörigen der Minderheiten, vor allem die serbische Bevölkerungsgruppe in Kosovo.
Immerhin begann die internationale Gemeinschaft daraufhin Druck auf Prishtina und Belgrad auszuüben, damit sie sich an den Verhandlungstisch setzten und miteinander über den Status von Kosovo verhandelten. Milošević stand inzwischen in Den Haag vor Gericht, Đinđić war wegen seiner dem Westen und den Nachbarländern gegenüber offeneren Politik brutal ermordet worden, aber an den Verhandlungspositionen bei den albanisch-serbischen Gespräche hatte beides nichts geändert.
Der massive Zustrom von Helfern der UN, der EU und aller möglicher NGOs löste in Kosovo einen regelrechten Kulturschock aus, der noch nicht verdaut ist.
Mit dem finnischen Expräsidenten Matti Ahtisaari und dem Diplomaten und hervorragenden Balkankenner Albert Rohan als Vermittlern wurden in Wien zwei Jahre lang Marathongespräche zwischen Prishtina und Belgrad geführt, deren einziges mögliches Ergebnis die Unabhängigkeit Kosovos nach dem Vorschlag von Präsident Ahtisaari sein konnte. Obwohl er eine erhebliche internationale Aufsicht sowie weitgehende Selbstverwaltungs- und Autonomierechte für die Serben Kosovos vorsah, akzeptierten die Albaner den Kompromiss schließlich als Voraussetzung einer international sanktionierten Loslösung von Serbien.
Und so rief das Parlament in Prishtina am 17. Februar 2008, einem Sonntag, in Abstimmung mit der Europäischen Union und den USA die unabhängige Republik Kosovo aus, womit einer der blutigsten Konflikte in Europa beendet wurde. Serbien erkannte die Unabhängigkeit Kosovos nicht an und wird seine Position auch nicht ändern. Am schärfsten stellen sich die serbisch-kosovarischen Probleme weiterhin im Nordteil des Landes dar, und die Verhandlungen zwischen Prishtina und Belgrad unter EU -Mediation dauern an.
Bequemer eingefrorener Konflikt
Die Hoffnung auf eine Lösung ist noch nicht geschwunden, aber es wird Druck nötig sein, um den Republiken Serbien und Kosovo die Einsicht zu vermitteln, dass nur Teil der europäischen Familie werden kann, wer die demokratischen Kriterien dafür erfüllt. Paradoxerweise ist den politischen Kreisen beider Länder an dem Grenzkonflikt gelegen. Es ist leichter, die serbische wie die albanische Bevölkerung mit eingefrorenen Konflikten zu versorgen als mit einer guten Regierung!
Nach Jahren der Unabhängigkeit ist Kosovo noch weit entfernt von der Erfüllung der gesetzten Kriterien. Obwohl er den Schritt in die Unabhängigkeit gemeinsam mit den internationalen Freunden bestens managte, geriet der neue Staat bald in die Krallen der Korruption und der organisierten Kriminalität, Wahlfälschung, Misswirtschaft und dergleichen sind an der Tagesordnung.
Trotz Eulex, der größten Rechtsstaatlichkeitsmission der Europäischen Union, gilt Kosovo nach wie vor als Problemzone, das Gerichtswesen ist unterentwickelt und durch Korruption und politische Beeinflussung belastet. Die Bürger Kosovos sind die einzigen aller Balkanländer, denen das visumsfreie Reisen in Europa verwehrt wird. Es gibt nichts zu beschönigen. Die letzten beiden Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts mögen schwer zu ertragen gewesen sein, die zehn Jahre des Engagements der Vereinten Nationen ein Chaos, aber seit der Unabhängigkeit stehen die albanischen Kosovaren einem noch größeren Dilemma gegenüber.
Es wird Zeit, dass sie sich mit sich selbst und den Realitäten auseinandersetzen. Um ein würdiges Mitglied der westlichen Völkerfamilie zu werden, müssten sie sich vom politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Klientelismus befreien, doch davon ist nichts zu spüren. Die eklatante Armut (das Bruttosozialprodukt pro Kopf der Bevölkerung erreicht in Kosovo gerade einmal den afrikanischen Durchschnittswert), die alle Bereiche und Schichten der Bevölkerung betreffende Korruption, das katastrophale Image ihres Staates in Europa und überall in der Welt lassen großen Optimismus nicht aufkommen.
Die Bürger Kosovos leben unverändert in einer virtuellen Realität, die durch das Fernsehen, das Internet, die Presse und ihren leicht verbogenen Traum von der Zugehörigkeit zu Europa aufrechterhalten wird. Die Unzufriedenheit ist groß, von einer Auflehnung gegen die korrupten und von den Internationalen damit erpressten, um der Aufrechterhaltung der Stabilität aber gestützten politischen Klasse ist aber nichts zu merken.
Die Unzufriedenheit ist groß, von einer Auflehnung gegen die korrupten und von den Internationalen damit erpressten, um der Aufrechterhaltung der Stabilität aber gestützten politischen Klasse ist aber nichts zu merken.
Die entscheidende Frage, vor der Kosovo steht, ist folgende: Was wird geschehen, wenn die albanische Bevölkerung eines Tages erkennt, dass die erwähnte virtuelle Realität nur ein (Selbst-)Betrug ist, der die elementarsten Lebensbedürfnisse genauso unerfüllt lässt wie den Wunsch, der westlichen Zivilisation und Mentalität anzugehören?