In Südsudan sind nach jahrzehntelangem Bürgerkrieg Armut und Hunger verbreitet. Immer wieder flammen lokale Kämpfe auf. Die Analphabetenrate im jüngsten Staat der Welt liegt bei über 80 Prozent. Welche Rolle kann Kultur in so einem Kontext spielen?
Ruth Ur: Die Unabhängigkeitserklärung des Südsudan vom 9. Juli 2011 liegt nun über ein Jahr zurück. Die Welt schaute damals erstaunt und gespannt zu, wie das jüngste Land der Welt geboren wurde und nach beinahe 50 Jahren Krieg ein neuer Optimismus aufkam.
Aber dieses erste Jahr ist nicht einfach gewesen; sowohl an der Grenze als auch zwischen Stämmen brachen Konflikte aus, und der Abbruch der Beziehungen mit dem Norden führte zu drastischen Sparmaßnahmen, die von der Regierung in der Hauptstadt Juba angeordnet wurden. Worin sehen Sie den Beitrag der Kultur zur Staatsbildung in diesen schwierigen Zeiten?
Jok Madut Jok: Ich denke, wenn ein neues Land Infrastruktur braucht, wenn es soziale Dienste anbieten und fähig sein muss, seine Bürger mit Nahrung zu versorgen, dann ist es genauso wichtig, die eigenen Kulturen zu feiern und die Künste zu fördern, damit es auch Nahrung für die Seele gibt. Nahrung für die Seele ist sogar noch wichtiger unter Umständen wie diesen, in einer miserablen wirtschaftlichen Lage.
Wenn wir davon ausgehen, dass Nationalgefühl und Stolz der Bürger auf ihr neues Land dann entstehen, wenn dieses Land in der Lage ist, ihnen Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen, dann sollten wir auch davon ausgehen können, dass bei Sparmaßnahmen, wenn das Land also keine Dienstleistungen zur Verfügung stellen kann, Programme, die den Bürgern ein Gefühl des Stolzes vermitteln und stärker an die Politik binden sollen, wichtiger sind denn je. Das heißt also, wenn wir unseren Menschen keine Dienstleistungen anbieten können, sollten wir ihnen zumindest Unterhaltung bieten, ihre kulturellen Bräuche und Werte schützen sowie ihre Möglichkeiten sichern, ihre Talente zu verfeinern, alles im Interesse des Aufbaus einer kollektiven nationalen Identität.
Ruth Ur: Wenn man die Vorstellung von Kultur als Unterhaltung einmal beiseitelässt, wie bringen Sie den Bedarf, eine kollektive nationale Identität herauszubilden, in Einklang mit dem Potenzial der Kultur, Fragen zu stellen (statt Antworten zu suchen) sowie ein Mittel zu sein, um mit den Traumata durch Krieg und ungelöste Konflikte umzugehen?
Jok Madut Jok: Tatsächlich erfüllt Kultur über den Erhalt und die Feier von Traditionen hinaus unzählige Funktionen. Als ein Land, das eher durch die Opposition zum Nordsudan und durch das allgemeine Ziel der Befreiung geeint war als durch ein Gefühl für die historische Einheit all dieser Menschen, ist der Südsudan immer davon ausgegangen, dass ein gemeinsames Ziel beim Erlangen der Unabhängigkeit die Grundlage für die Nation bilden würde.
Als jedoch die Unabhängigkeit erreicht war, zeigte sich, dass das Land wenig mehr darstellte als eine bloße geografische Einheit – mit über 70 ethnischen Gruppen, die sich gegenseitig als unterschiedlich wahrnehmen. Es bestand Bedarf nach einer konzertierten Anstrengung, um nationale Einheit und nationale Identität zu erlangen, und der offensichtlichste Weg dorthin war eine gleichberechtigte Darstellung, eine Feier und Förderung der Kulturen im Land, um auf kulturellen Gemeinsamkeiten aufzubauen und herauszustellen, dass kulturelle Vielfalt ein Gut ist, keine Verpflichtung, wie sich dies in vielen anderen afrikanischen Ländern gezeigt hat.
Ruth Ur: Lassen Sie uns auf die Frage nach der südsudanesischen Kultur zurückkommen. Existiert eine solche tatsächlich, die sich vom abgetrennten Norden oder von benachbarten Ländern unterscheidet? Und wie trägt Ihre Arbeit im Kulturministerium zu einer positiven Identität für den Südsudan bei, die sich nicht einfach nur über die Opposition zum Norden definiert?
Jok Madut Jok: In der Tat können sich Kulturen nicht völlig voneinander unterscheiden, ganz egal, wie groß die Entfernung zwischen den Menschen ist oder welche Geschichte bitterer Konflikte sie hinter sich haben. Vielmehr erlebt man, dass Kulturen sich gegenseitig beeinflussen. Die Entfernung oder Nähe zwischen Kulturen ist also nicht das, worauf es ankommt.
Was südsudanesische Bräuche einzigartig macht, ist die Tatsache, dass diese innerhalb dieses Territoriums gepflegt werden. Solange das Land ihnen allen auf der nationalen Bühne die gleichen Zugangsmöglichkeiten bietet, bilden sie alle unterschiedliche Komponenten der „südsudanesischen Kultur“. Ob eine kulturelle Praxis ursprünglich aus dem Südsudan stammt oder von irgendwo anders geliehen wurde – solange sie im Südsudan praktiziert wird und die Menschen, die sie ausüben, sie für wertvoll und für einen wichtigen Aspekt ihrer Identität halten, wird sich niemand dagegen aussprechen, sie wird vielmehr gefördert werden. Es ist auch nicht zu leugnen, dass zwischen den verschiedenen südsudanesischen ethnischen Nationalitäten mehr Ähnlichkeiten existieren als zwischen jeder einzelnen ethnischen Gruppe und ihren benachbarten Gruppen jenseits der Grenze.
Die Arbeit des Kulturministeriums besteht darin, nationale Symbole zu schaffen, wesentliche verbindende Gepflogenheiten, mit denen sich die Bürger identifizieren können, Gemeinsamkeiten zwischen ethnischen Gruppen zu fördern, um damit auf eine nationale Identität hinzuarbeiten, in der sich jeder Bürger eingebunden fühlt, während er oder sie der eigenen ethnischen Gruppe treu bleibt.
Ruth Ur: Der Südsudan ist so groß wie die iberische Halbinsel und es gibt dort über 70 ethnische Gruppen und Sprachen. Machen also die Konzepte eines Nationalstaats und einer nationalen Identität wirklich Sinn, oder ist es einfach ein koloniales Paradigma, das man einer Stammesgesellschaft aufzwingt?
Jok Madut Jok: Obwohl einige Gemeinschaften auf dem Territorium des heutigen Südsudan Königreiche aus Stämmen bildeten, war das Konzept eines Nationalstaats mit einer zentralen Autorität den meisten ethnischen Gemeinschaften im Südsudan – historisch gesehen – zweifellos fremd.
Der Begriff des Nationalstaats wurde von den europäischen Großmächten eingeführt, die im Zuge ihrer Aufteilung des afrikanischen Kontinents „den Sudan“ aus einem Amalgam ethnischer Gruppen schufen. Aber die Idee des Nationalstaats wird weiterbestehen. Für einen souveränen Staat ist es notwendig, dass seine Führung politische Einheit, sozialen Zusammenhalt sowie Stabilität und Wohlstand herbeiführt.
Da der Staat nun Realität ist und die die Menschen dort miteinander leben müssen, ist es äußerst wichtig, Symbole zu finden, die die Menschen zu einer Nation vereinen. Der Trick besteht darin, dass die politische Führung als Komponenten der Identität des Landes Symbole wählt, durch die sich jeder Bürger repräsentiert fühlt, und das bedeutet Integration und gleichwertige Repräsentation. Wir müssen uns unserer eigenen Vergangenheit bewusst sein.
Einer der wichtigsten Faktoren für die Entscheidung des Südsudans, sich vom Sudan abzutrennen, war das Gefühl, von den Symbolen der kulturellen Identität des Landes ausgeschlossen zu sein sowie die Bevorzugung der arabisch-islamischen Identität.
Der Begriff des Nationalstaats wurde von den europäischen Großmächten eingeführt, die im Zuge ihrer Aufteilung des afrikanischen Kontinents ‚den Sudan‘ aus einem Amalgam ethnischer Gruppen schufen.
Ruth Ur: Trotz bedeutender Ölreserven sowie anderer natürlicher Ressourcen ist der Südsudan nach wie vor eine der am wenigsten entwickelten Regionen der Welt. Was könnte in Hinblick auf das ökonomische Potenzial von Kultur ein zentraler Bereich für Wachstum sein und wie könnte dieser genutzt werden, um Wohlstand zu schaffen?
Sudanesische Soldaten verlassen das Ölfeld Heglig im Sudan im April 2012 nach schweren Kämpfen. Der Südsudan hatte das wichtigste Ölfeld des Sudans besetzt, Foto: picture alliance / Photoshot
Jok Madut Jok: Zunächst einmal ist uns völlig bewusst, dass Öl eine endliche Ressource darstellt und dass die Diversifizierung unserer Wirtschaft nicht nur notwendig ist, sondern eine Voraussetzung für das Überleben. Gerade werden alle möglichen Einkommensquellen erforscht, sowohl vom Staat als auch von Individuen und Gemeinschaften.
Zweitens produzieren die Südsudanesen – wie der Rest von Schwarzafrika – eine vielfältige Handwerks- und Gebrauchskunst. Viele Produkte, von Töpferwaren und geflochtenen Körben über landwirtschaftliche Geräte bis hin zu Kriegsobjekten und religiösen oder spirituellen Gegenständen, werden nicht um der „Kunst“ willen produziert, sondern stattdessen kunstvoll hergestellt für den täglichen Gebrauch. Abgesehen davon, dass sie für das tägliche Leben praktischen Wert haben, sind sie auch wertvolle Handelsware, die möglicherweise für touristische Märkte und den Austausch zwischen Stämmen genutzt werden kann.
Leider ist viel von dieser traditionellen Handwerkskunst durch den globalen Markt bedroht, insbesondere durch Plastik und Aluminium aus Asien. Das Ministerium ist der Ansicht, dass diese Handwerkskunst, wenn sie als Teil des südsudanesischen Erbes geschützt wird, nicht nur eine einzigartige Kultur am Leben erhält, sondern ihren Herstellern auch ein Einkommen verschafft. Wir müssen daran erinnert werden, dass wir ihnen vielleicht nicht den Wert zuschreiben, den sie tatsächlich für uns haben – bis es sie irgendwann nicht mehr gibt. Dann wäre es extrem schwer, diese Kultur wiederzubeleben.
Um die Gefahr eines Verlustes zu verringern, sind wir jetzt dabei, von jedem einzelnen Stück eines jeden Stammes Proben zu sammeln und diese für eine Wanderausstellung zusammenzustellen. Diese wird dann südsudanesischen Gemeinschaften auf eine Art und Weise präsentiert, die Debatten über Kultur und Nation provoziert.
Am Ende dieser Wanderausstellung werden wir die Stücke in Museen in Juba, Wau und Malakal zeigen und sie nicht nach Stämmen, sondern nach ihrer Funktion ordnen. Dies wird Gemeinsamkeiten in den Stammestraditionen zutage fördern, Dissonanzen verringern, die Toleranz gegenüber Unterschieden erhöhen, das Zusammenleben fördern und schließlich ein Stück weit nationale Einheit demonstrieren.
Ruth Ur: Was mir in Juba am meisten auffiel, war die Diskrepanz zwischen Talent und Kreativität auf der einen Seite und dem Mangel an grundlegender Infrastruktur für Kultur auf der anderen Seite. Aufgrund überhöhter Mieten ist es schwer, Räume für Proben oder Ausstellungen zu finden. In Anbetracht der vielen Kriegsjahre ist dieser Mangel an Infrastruktur wenig überraschend, aber ich frage mich: Wo fängt man in solch einem schwierigen Kontext an? Vielleicht könnte man die Sache auch anders betrachten: Stellen wir uns vor, wir haben das Jahr 2015 und blicken zurück. Was hätten Sie bis dahin gerne erreicht?
Jok Madut Jok: Es bricht mir jedes Mal das Herz, wenn eine junge talentierte Künstlerin in mein Büro kommt, um mir zu sagen, dass sie ihre Gemälde nicht ausstellen kann, weil es an Galerien oder Kulturzentren mangelt. Oder eine andere Künstlerin, die einen Bereich eines Restaurants mieten will, um ihn in eine Theaterbühne zu verwandeln. Oder ein junger Musiker, der seine Kunst nicht darbieten kann, weil ihm der Ort dafür fehlt.
Das Nyakorun-Kulturzentrum in Juba, das einst die einzige südsudanesische Kultureinrichtung war, wurde vor dem Ende des Krieges an ein privates Unternehmen vermietet und steht Künstlern nicht länger kostenlos zur Verfügung. Der Südsudan kann in dieser Situation sein Potenzial als große Nation nicht ausschöpfen, wenn er seinen Künstlern keine Möglichkeit eröffnet, ihr Talent sowie die Kunst allgemein als Medium des Dialogs zwischen Generationen und ethnischen Gruppen zu fördern und Stereotype zwischen Stämmen zu zerstören, die zu Gewalt aufstacheln.
Um möglich zu machen, dass Kunst und Kultur die Sprache des Zusammenhalts bilden, ist es wichtig, dass der Südsudan und seine Entwicklungspartner in die kulturelle Infrastruktur investieren, angefangen mit der Einrichtung eines nationalen Kulturzentrums, eines Zentrums der darstellenden Künste in Juba, das einen kulturellen Dialog sowohl zwischen Stämmen als auch mit den benachbarten Ländern ermöglicht. Im Ministerium für Kultur, Jugend und Sport sind wir davon überzeugt, dass staatsbildende Projekte – auch wenn sie kein Allheilmittel gegen ethnische Gewalt darstellen – sicherlich sehr wichtige Komponenten einer jeden Bemühung sind, für Stabilität im Land zu sorgen.
Eine andere bedeutende Investition, die wir planen, die uns aber aufgrund fehlender Mittel nicht möglich ist, sind Theater in Juba, Malakal und Wau, gefolgt von einem theaterpädagogischen Programm. Denn dies stellt ein wichtiges Vehikel dafür dar, das Zusammenleben, Hygiene und viele andere gesellschaftliche Werte zu fördern, insbesondere, wenn man schon mit Schulkindern anfängt, die dann mit diesen Ideen aufwachsen.
Es bricht mir jedes Mal das Herz, wenn eine junge talentierte Künstlerin in mein Büro kommt, um mir zu sagen, dass sie ihre Gemälde nicht ausstellen kann, weil es an Galerien oder Kulturzentren mangelt.
Ruth Ur: Was sind in einer Nation, in der 51 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze lebt und die Analphabetenrate bei 85 Prozent liegt, Ihre Prioritäten in der Kulturpolitik?
Jok Madut Jok: Hinsichtlich der grundsätzlichen Voraussetzungen für ein demokratisches Bildungssystem arbeiten wir mit dem Bildungsministerium zusammen. Am wichtigsten sind dabei die Lehrpläne und die Ausbildung der Lehrer, wobei der Schwerpunkt auf dem Unterrichten der Muttersprachen liegt, zumindest in den unteren Klassen. Ein Curriculum sowie Lehrbücher, die die lokale Kultur und Umgebung mit einbeziehen, ermutigen Kinder dazu, in der Schule zu bleiben.
Das Nächste ist der Schulunterricht in den Künsten inklusive eines Schultheater-Programms, das als Instrument genutzt werden könnte, um Botschaften zu vermitteln – über den Frieden, die Bedeutung der Bildung für Mädchen, die Werte des Zusammenlebens und die gemeinsame Geschichte des Freiheitskampfes.
Ruth Ur: Kultur ist das wichtigste Instrument, mit dessen Hilfe verschiedene Gruppen, Gesellschaften und Gemeinschaften ihre gemeinsamen Werte, ihren Glauben und ihre Traditionen ausdrücken. Sie kann Menschen verbinden, aber auch zu Trennung und Spannungen führen. Diejenigen unter uns, die im Kulturbereich arbeiten, müssen manchmal daran erinnert werden, dass die Kultur nicht immer für das Gute wirkt! Können Sie etwas darüber sagen, wie Sie die Beziehung zwischen Kultur und Konflikt sehen?
Vorbereitungskampf für das Nuba-Ringerfestival in Khartum, Juni 2022, Foto: picture alliance / Xinhua News Agency | Mohamed Khidir
Jok Madut Jok: Wo immer Kultur für einen Konflikt verantwortlich gemacht wird, ist es leicht zu durchschauen, dass tatsächlich nicht die Kultur diesen verursacht, sondern entweder das Gefühl, von der nationalen Bühne ausgeschlossen zu sein, oder Versuche, eine bestimmte Kultur Vertretern einer anderen Kultur aufzuzwingen. Andererseits ist Kultur im Großen und Ganzen ein sehr wichtiges Vehikel, um das Zusammenleben zu fördern.
Es gibt zum Beispiel im Südsudan einige Stämme, die Wrestling als Sport betreiben. Das sind gleichzeitig die Gruppen, die auch miteinander um Ressourcen konkurrieren und sich gegenseitig bekämpfen. In den letzten Jahren haben wir versucht, Wrestling als Nationalsport zu fördern und die Stämme dazu zu bringen, ihren Wettbewerb vom gegenseitigen Erschießen auf das Wrestling zu verlagern. Je mehr es zu dieser „freundlichen“ Interaktion kommt, desto mehr Dialog gibt es auch, desto weniger Stereotype und desto mehr Toleranz.
Ruth Ur: Eine faszinierende Idee. Ich würde gerne mehr über Ihre Ansichten hören, wie kulturelle Interventionen Stabilität und sozialen Zusammenhalt fördern können. Haben Sie andere überzeugende Beispiele – aus dem Südsudan oder von anderen Orten?
Jok Madut Jok: Von allen kulturellen Gebräuchen, die ich zwischen verschiedenen Gruppen beobachtet habe, scheint mir die Sprache das kulturelle Element zu sein, das am erfolgreichsten zwischen Menschen vermittelt. Je mehr die Leute über die Sprachen der jeweils anderen wissen, desto weniger feindlich stehen sie sich gegenüber.
Wenn der Südsudan in eine Sprachenpolitik investieren würde, durch die, sagen wir, die Sprache eines jeden Stammes als Nationalsprache angesehen würde, gefolgt vom Englischen als der Sprache der Regierung und höheren Bildung sowie einer lingua franca wie das Juba-Arabisch, dann würde das Land daraus wahrscheinlich innerhalb einer Generation vereinter hervorgehen.
Ich war auch beeindruckt von dem „Endowment for the Arts“ der Vereinigten Staaten, dessen Slogan lautet: „Große Nationen verdienen große Kunst.“ Die Idee dahinter: Egal, wie vielfältig ein Land auch sein mag – Kultur wäre weniger ein Problem, wenn jeder einzelnen Kultur der gleiche Raum zugestanden würde. Dann würden die Menschen sehen, dass Kultur einen Beitrag leistet zur Buntheit eines Landes.
Wo immer Kultur für einen Konflikt verantwortlich gemacht wird, ist es leicht zu durchschauen, dass tatsächlich nicht die Kultur diesen verursacht.
Ruth Ur: Das EUNIC-Netzwerk, der Dachverband der europäischen Kulturinstitute, ist schon in Juba präsent, und es gibt sogar eine höchst erfolgreiche Europäische Filmwoche, die am Institut Français auf dem Gelände der Universität von Juba stattfindet. Sowohl das British Council als auch das Institut Français haben Büros in Juba, während andere von Zentren in Nairobi oder Khartoum aus operieren.
Welche Rollen sollten europäische Kulturorganisationen dabei spielen, Stabilität zu fördern? Oder denken Sie, dass unser Beitrag ein anderer ist? Ich will darauf hinaus: Wo können wir Ihrer Meinung nach angesichts der bestehenden Herausforderungen etwas zum Guten hin verändern?
Jok Madut Jok: Anfangs setzten wir große Hoffnungen auf europäische Kulturorganisationen, sowohl in Hinblick auf die finanzielle Unterstützung als auch die Expertise für die Bewahrung von Kulturgütern, den Austausch, die Ausstellung und die Bewerbung, aber uns ist klar geworden, welche Haushaltskürzungen einige dieser Organisationen erleben mussten. Dies erschwert es individuellen Vertretungen, alleine große kulturelle Projekte in Entwicklungsländern zu unterstützen.
Aber Europa kann immer noch viel im Südsudan erreichen, wenn die Programme zwischen den Vertretungen koordiniert und ausgetauscht werden. Dies würde Doppelungen und eine möglicherweise nur spärliche Verbreitung von Kompetenzen verhindern. Unsere Prioritäten sind Schulprogramme für Theater und Kunst sowie ein Kulturzentrum in Juba, um Programme für Kunst und Kultur mit Bildung zu verbinden. Dies würde Kultur erhalten, Frieden stiften, Talente von jungen Jahren an ermutigen und fördern, und es würde die jungen Bürger mit Geschichten darauf vorbereiten, sich an ihre Nation zu binden und mit Unterschieden tolerant umzugehen.
Ruth Ur: In diesem Jahr reiste das südsudanesische Theaterensemble mithilfe des British Council nach London, um am Globe to Globe-Festival teilzunehmen – mit einer Aufführung von Shakespeares „Cymbelin“ in Juba-Arabisch. Ein Zuschauer aus dem Südsudan schrieb uns darüber: „Die Euphorie, die diese Aufführung in der Diaspora hervorrief, wurde nur übertroffen von der Unabhängigkeitserklärung des Südsudan am 9. Juli 2011. Es war schön zu sehen, dass das negative Image des Südsudan in den Medien, verkörpert durch ein verhungerndes Kind, das sogar zu schwach ist, um die Fliegen von seinem Gesicht zu vertreiben, einmal ersetzt wurde durch die lächelnden Schauspieler in Cymbelin. Das Stück hat auch dafür gesorgt, dass Südsudanesen anfingen, die apologetischen Phrasen zu hinterfragen, die am laufenden Band gedroschen werden, um unsere vielen Niederlagen zu bemänteln. Phrasen wie ,Wir sind eine neue Nation, die von Null anfängt‘ oder dessen Variante ,Rom wurde nicht an einem Tag erbaut!‘ hören sich zunehmend hohler an, wenn man sie den Errungenschaften des südsudanesischen Theaters gegenüberstellt, das vor vier Monaten noch nicht einmal existiert hat!“ Wie können Sie auf solchen Erfahrungen aufbauen, um die Wahrnehmungen sowohl innerhalb als auch außerhalb des Südsudan zu verändern?
Jok Madut Jok: Als die Gruppe aus London zurückkehrte, ließen wir sie gleich hier in Juba auftreten; es gab eine Show für Würdenträger und eine für die Öffentlichkeit. Wir wollten damit eine öffentliche Wertschätzung der Künste erreichen. Man hört nun immer wieder Menschen davon sprechen, dass sie sich früher nicht für Theater interessiert haben, aber jetzt noch mehr solcher Aufführungen sehen möchten.
Wir versuchen diesen Moment zu nutzen, um mithilfe der parlamentarischen Gesetzgebung ein südsudanesisches Theaterensemble zu etablieren, das von der Regierung unterstützt wird, aber von ihr in dem Sinne unabhängig ist, dass es seine Mittel selbst akquiriert, und um dazu zu ermutigen, Theaterstücke zu schreiben und Aufführungen zu inszenieren, die sich mit der Vielfalt von Themen beschäftigen, die im gesamten Südsudan aufgekommen sind – in Bezug auf Politik, Wirtschaft, Sozialordnung, Sicherheit, Hygiene und Konflikt. Inzwischen ist die Überzeugung weit verbreitet, dass Theater nicht nur ein Medium ist, um das Image des Landes international zu erneuern, sondern auch, um unsere eigene Gesellschaft auf eine Art zu kommentieren, die wie ein Korrektiv wirkt, ganz zu schweigen von seinem Unterhaltungswert.
Ein wichtiger Weg, um den Moment festzuhalten und die Wertschätzung für das Theater zu erhöhen, besteht darin, in Juba ein Nationaltheater einzurichten und die bereits bestehenden Theater in Wau und Malakal zu renovieren. Darüber hinaus ist es – um Material für das Theater zu produzieren – von zentraler Bedeutung, auf der hier bereits bestehenden Kultur des Stückeschreibens aufzubauen und jährliche Wettbewerbe für Theaterstücke, Lyrik und Kurzgeschichten zu veranstalten. Dies ist das Material, das zum „Futter“ für das Theaterensemble wird.
Ruth Ur: Seit Ihrem Amtsantritt haben Sie daran gearbeitet, in Ihrem Kulturministerium Kompetenzen aufzubauen und eine Infrastruktur für die Kultur Ihres Landes zu entwickeln. Ihr beruflicher Hintergrund liegt im Gesundheitsbereich, insbesondere der Gesundheit von Frauen. Welche Verbindung sehen Sie zwischen Ihrer vorherigen Arbeit und Ihrer Rolle im Kulturministerium?
Jok Madut Jok: Zur Beschäftigung mit der Gesundheit von Frauen kam ich durch eine Reihe von Gepflogenheiten, die ich in ganz Afrika beobachtet hatte und die Frauen schaden. Gepflogenheiten, von denen behauptet wird, dass sie kulturell vorgeschrieben sind. Beispielsweise wird die Gesundheit der Frauen jeden Tag beeinträchtigt durch geschlechtsspezifische Gewalt, durch die frühe Heirat der Mädchen, das Vererben von Ehefrauen, Arbeitsanforderungen und die Erwartung von Nachkommenschaft.
Um zu verstehen, worum es bei der Gesundheit von Frauen geht, war es wichtig für mich, die mit ihr in Verbindung stehenden sozialen und kulturellen Normen zu studieren. Dabei habe ich gelernt, dass Kultur einfach für Handlungen verantwortlich gemacht wird, die in Wirklichkeit mehr mit den Machtbeziehungen der Geschlechter als mit kulturellen Vorschriften zu tun haben.
Wenn Kulturen anpassungsfähig sein sollen, um ihre Mitglieder zu befähigen, mit Wandel umzugehen, dann scheint ihr negativer Einfluss auf die Frauen sie weniger anpassungsfähig zu machen. Beispielsweise haben die meisten Gemeinschaften den Brautpreis schon immer unterstützt, weil er eine Rolle dabei spielt, soziale Beziehungen und Ehen zu festigen.
Die Menschen stehen dieser Praxis aber immer skeptischer gegenüber, weil er zu negativen Erfahrungen von Frauen in der Ehe beiträgt, indem Männer ihre Frauen als Besitz betrachten, für den sie bezahlt haben und denken, dass sie ihre Frauen misshandeln können, wenn diese bestimmten Erwartungen nicht entsprechen. Möglicherweise besteht teilweise auch ein Zusammenhang zwischen dem Brautgeld und der Kinderheirat – mit katastrophalen Auswirkungen auf die Müttersterblichkeit.
Ein anderes Beispiel ist die Vorstellung, dass Frauen nur als Mütter und Ehefrauen gut sind und sich für wenig mehr eignen. Diese Geisteshaltung ist verantwortlich für den Mangel an Bildung von Mädchen, an Jobs für Frauen außerhalb des Hauses, für gesundheitliche Folgen aufgrund häufiger Geburten und für körperliche Gewalt, wenn sich die Frauen über diese Schranken hinwegsetzen. Deshalb könnte kulturelles Engagement dazu führen, positive Praktiken zu fördern und vielleicht auch Praktiken abzulegen, die mehr und mehr Mitglieder der Gesellschaft kritisch betrachten.
Kultur wird für Handlungen verantwortlich gemacht, die in Wirklichkeit mehr mit den Machtbeziehungen der Geschlechter als mit kulturellen Vorschriften zu tun haben.
Ruth Ur: Letztlich wissen viele Leute wenig mehr über den Südsudan, als dass dieser eine tragische konfliktgeladene Geschichte hat. Welches Objekt oder welche Geschichte könnte den Lesern eine andere Vorstellung von Ihrem Land vermitteln?
Jok Madut Jok: Ja, das Bild, das die Welt vom Südsudan hat, ist oft reduziert auf Krieg und Bürger als Opfer staatlicher Gewalt. Vieles davon stimmt tatsächlich.
Aber obwohl wir seit dem Zweiten Weltkrieg eines der am meisten durch Krieg erschütterten Länder weltweit sind, war die Menschlichkeit und Unverwüstlichkeit der Menschen im Südsudan stets unverkennbar. Nur Menschen, die während des Krieges im Südsudan gelebt oder gearbeitet haben, können es wirklich verstehen, wenn wir über die grundlegenden Werte sprechen, die unseren Menschen geholfen haben, sich ihre Großzügigkeit und ihre Bereitschaft zu Teilen zu bewahren.
Ich erinnere mich an die 1990er Jahre, als Hungersnöte grassierten, als Vertreter ausländischer Hilfsorganisationen eintrafen, um humanitäre Hilfe zu leisten und die Menschen, die sie retten wollten, alles versuchten, um eine Ziege, ein Schaf oder einen Bullen zu finden, den sie zu Ehren der Gäste schlachten könnten. Wenn ich Ihnen auch viele kulturelle Elemente nennen kann, die es so nur im Südsudan gibt, sind tatsächlich die Normen, Traditionen und Werte die allgegenwärtigen Symbole des Südsudan.
Beispielsweise gibt es im Südsudan etwas, das Anthropologen als Cattle complex (deutsch: Rinder-Komplex) bezeichnen. Das bezieht sich auf eine Kulturregion, die die Stämme der Nuer, Dinka, Murle und Mandari umfasst, für die Rinder das Hauptstandbein für den Lebensunterhalt darstellen. Aber weil die Rinder für jeden Aspekt des Lebens – von der Heirat über die Steuer und die Schulgebühren der Kinder bis zum Erwerb von Gütern – eine zentrale Rolle spielen, werden sie selbst inzwischen als die wertvollsten kulturellen Güter betrachtet. Im Südsudan leben mehr Rinder als Menschen, und die kulturellen Normen, die rund um die Viehbestände existieren, sind komplex, lustig und so nuancenreich, dass sie eine wahre kulturelle Ressource sind.
Redaktion und Autoren
Ruth Ur
Kuratorin und Kunsthistorikerin
Ruth Ur ist Direktorin der Stiftung Exilmuseum in Berlin. Zuvor vertrat sie die Internationale Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Deutschland und arbeitete in Führungspositionen beim British Council. 2018 gründete Ruth Ur
Prof. Dr. Jok Madut Jok
Anthropologe
Jok Madut Jok ist Professor an der Syracuse University mit den Schwerpunkten Gender und Gesundheit, politische Gewalt sowie Geschichte und Gesellschaft im Sudan und Südsudan. Zuvor war drei Jahre lang Staatssekretär im Ministerium für Kultur und Kulturerbe des Südsudan. Jok Madut Jok ist Direktor des Sudd Institute, eines südsudanesischen Forschungsinstituts.
Kulturreport Fortschritt Europa
Der Kultur kommt im europäischen Einigungsprozess eine strategische Rolle zu. Wie steht es um die Kulturbeziehungen innerhalb Europas? Wie kann Kulturpolitik zu einer europäischen Identität beitragen? Im Kulturreport Fortschritt Europa suchen internationale Autor:innen Antworten auf diese Fragen. Seit 2021 erscheint der Kulturreport ausschließlich online.