Die Illustration zeigt eine Politikerin mit Kostüm und High Hells, die vor einem Publikum am Redepult steht, auf dem die thailändische Flagge liegt. Sie wird an einer Seite von Fäden wie eine Marionette gehalten.

Premierministerin oder Marionette?

In einem Land, in dem Ansehen durch Abstammung vererbt wird, sieht sich die neue thailändische Premierministerin Paetongtarn Shinawatra mit enormen politischen Risiken konfrontiert. Vor allem, weil sie eine Rolle übernimmt, die von dem turbulenten Erbe ihrer Familie überschattet wird.

Am 18. August 2024 erlebte Thailand einen historischen Moment, als König Vajiralongkorn die gerade 38-Jahre gewordene Paetongtarn Shinawatra zum 31. und jüngsten Premierminister des Landes ernannte. Doch die neue Chefin trägt mehr als nur einen Titel - sie verkörpert das Gewicht der mächtigsten politischen Dynastie Thailands, der Shinawatras. Trotz ihres frischen Gesichts ist Paetongtarns Aufstieg tief mit dem turbulenten Erbe ihrer Familie verbunden.

Paetongtarn ist die jüngste Tochter des ehemaligen Premierministers und Wirtschaftsmagnaten Thaksin Shinawatra, der die Thai Rak Thai Partei anführte und die thailändische Politik dominierte, bevor er 2006 durch einen Militärputsch gestürzt wurde. Aber sie ist nicht das erste Familienmitglied, das zu einer nationalen Führungspersönlichkeit aufsteigt. Paetongtarn tritt in die Fußstapfen ihres Onkels Somchai Wongsawat und ihrer Tante Yingluck Shinawatra, die beide als Premierminister:in dienten, aber unter umstrittenen Umständen abgesetzt wurden.

Im Jahr 2008 löste das Verfassungsgericht die Phalang Prachachon Partei, die zweite Inkarnation der Thai Rak Thai Partei, auf und verbannte Somchai für fünf Jahre aus der Politik, weil ein Parteivorstand Stimmen gekauft hatte. Yingluck trat vor dem Militärputsch 2014 gegen die Pheu Thai Partei, die dritte Inkarnation der Thak Rak Thai Partei, als Premierministerin zurück. Im selben Jahr wurde sie von der Nationalen Antikorruptionskommission wegen Fahrlässigkeit und Korruption im Zusammenhang mit dem Rice Pledge Scheme angeklagt.

Die von der Yingluck-Regierung betriebene Reissubvention war eine extreme Version einer Politik, die von Generationen thailändischer Regierungen genutzt wurde, um die Preise zur Erntezeit zu kontrollieren und die Unterstützung unter den Bauern zu erhöhen. Yingluck floh aus dem Land und wurde 2017 der Pflichtverletzung für schuldig befunden und in Abwesenheit zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Ein kalkuliertes Glücksspiel

Die Shinawatra-Familie setzt auf Paetongtarn, um ihren politischen Einfluss zu erhalten. Trotz der Risiken der Vetternwirtschaft gilt Paetongtarn als die am besten vermarktbare Figur innerhalb der Pheu Thai Partei, vor allem angesichts der bevorstehenden nationalen Wahlen in drei Jahren. Um die Dominanz der Partei zu sichern, muss sie die reformistische Volkspartei in den Schatten stellen oder zumindest verhindern, dass diese einen entscheidenden Sieg erringt.

Thaksin, der für seinen politischen Scharfsinn bekannt ist, steht nun vor der schwierigen Aufgabe, seine Tochter zu schützen und gleichzeitig ihre Anziehungskraft zu nutzen. Seine Thai Rak Thai Partei, die von 2001 bis 2006 die thailändische Politik dominierte, war ein Kollektiv der mächtigen politischen Clans Thailands. In den letzten anderthalb Jahrzehnten hat Thaksin auch im selbst gewählten Exil seine Macht nicht verloren, wie sein Schwager und seine Schwester als Premierminister:in beweisen.

Thaksin, der für seinen politischen Scharfsinn bekannt ist, steht nun vor der schwierigen Aufgabe, seine Tochter zu schützen und gleichzeitig ihre Anziehungskraft zu nutzen.

Die Pheu Thai Partei wird heute von Thaksin-Loyalisten dominiert, die er seit seiner Thai Rak Thai Zeit gepflegt hat. Nun ist seine Tochter an der Reihe. Doch die Entscheidung, Paetongtarn mit dieser wichtigen Rolle zu betrauen, wurde nicht leichtfertig getroffen.

Am 14. August veränderte sich die politische Landschaft, als Premierminister Srettha Thavisin vom Verfassungsgericht abgesetzt wurde. Thaksin erwog zunächst, den 75-jährigen Chaikasem Nitisiri, einen erfahrenen Politiker, zu nominieren, um Paetongtarn vor dem politischen Rampenlicht zu schützen. Chaikasems umstrittene Haltung zur Änderung des thailändischen Majestätsbeleidigungsgesetzes und seine Verbindung zu dem Skandal, der zu Sretthas Absetzung führte, machten ihn jedoch zu einer unbrauchbaren Option. Chaikasem hat sich zuvor für die Änderung von Paragraf 112 und die Gewährung einer Amnestie für politische Gefangene ausgesprochen, einschließlich derjenigen, die wegen Verstoßes gegen Paragraf 112 verurteilt wurden.

Außerdem weiß die Öffentlichkeit kaum, wer er ist. Sein Alter und eine angebliche Krankheit machen ihn unverkäuflich, vor allem im Vergleich zu den jungen Politikern der Volkspartei im Zeitalter der sozialen Medien und der politischen Prominenz.

Thaksin hatte keine Wahl und kehrte zu Paetongtarn zurück. Am 15. August tagte die Partei, am 16. August bestätigte das Parlament seine Nominierung. Das Kalkül war klar: Sie jetzt zu riskieren, könnte die politische Zukunft der Familie langfristig sichern.

Sich nicht für die Tochter zu entscheiden, hätte den Sargnagel für die künftige politische Macht bedeuten können. Die attraktivere Option war, sie zu wählen, aber das Risiko vorsichtig zu managen und die nächsten drei Jahre zu nutzen, um ihre Popularität als Premierministerin aufzubauen. Dann besteht vielleicht eine Chance, die politische Dominanz der Shinawatra-Familie über die nächsten nationalen Wahlen hinaus aufrechtzuerhalten.

Zwei politische Geiseln

Vor ihrem Wechsel in die Politik war Paetongtarn als Person der High Society bekannt, die mit einem luxuriösen Lebensstil in Verbindung gebracht wird. Auf ihrem Instagram-Account zeigte sie ausgefallene Veranstaltungen, Luxusurlaube, Designermode und eine liebenswerte Familie. Zu Politik, Wirtschaft oder sozialen Fragen äußerte sie sich kaum.

Sie hat einen Abschluss in Politikwissenschaften und internationalem Hotelmanagement und leitet einen großen Teil des Familienimperiums, darunter den Immobilienriesen SC Asset Corporation und das Luxushotel Rosewood Bangkok.

Um ihr privilegiertes Image abzuschwächen, hob sie in ihrer PR-Kampagne einen kurzen Nebenjob bei McDonald's als Studentin hervor und präsentierte sich als Führungspersönlichkeit, die die Probleme der Menschen versteht. Als Thaksin im August letzten Jahres nach Thailand zurückkehrte und die Pheu Thai Partei eine Koalitionsregierung mit konservativen und pro-militärischen Parteien bildete, wurde klar, dass er zu einer politischen Geisel geworden war.

Nach dem Militärputsch von 2006 wurde Thaksin wegen Interessenkonflikten, Amtsmissbrauch und Korruption während seiner Amtszeit als Premierminister zu acht Jahren Haft verurteilt. Nach seiner Rückkehr nach 15 Jahren im selbst gewählten Exil wurde Thaksin angeklagt und verbrachte sechs Monate im VIP-Raum des Polizeikrankenhauses, bevor er gegen Kaution freigelassen wurde. Seine milde Behandlung wird in Thailand als Ergebnis eines politischen Deals angesehen. 

Um nicht ins Gefängnis zu kommen, muss er mit den konservativen und pro-militärischen Parteien zusammenarbeiten, um die Machtübernahme der Move Forward Party (jetzt People's Power Party) zu verhindern. Am 17. August erhielt Thaksin jedoch eine königliche Begnadigung, die seine Strafe auf ein Jahr verkürzte, welches er bereits im letzten Jahr im Krankenhaus und zu Hause abgesessen hatte. Doch damit ist die Geisel noch nicht frei. Im März dieses Jahres wurde Thaksin wegen Majestätsbeleidigung angeklagt.

Um ihr privilegiertes Image abzuschwächen, hob sie in ihrer PR-Kampagne einen kurzen Nebenjob bei McDonald's als Studentin hervor und präsentierte sich als Führungspersönlichkeit, die die Probleme der Menschen versteht.

Wie der thailändische Gelehrte und Monarchiekritiker Pavin Chachavalpongpun feststellte, dient die Geiselnahme Thaksins dazu, seine politische Macht einzuschränken. Die Anklage ist die sprichwörtliche Waffe an seinem Kopf, ein Schuldspruch ist die Kugel. Überleben heißt, den Waffenbesitzer davon zu überzeugen, nicht abzudrücken.

Rückkehr zur gewohnten Führung

Für die Anhänger der Pheu Thai bedeutet Paetongtarn eine Rückkehr zur vertrauten Führung mit Shinawatra an der Spitze. Ihr Mangel an politischer Erfahrung steht jedoch in scharfem Kontrast zu ihrem Rivalen, dem Vorsitzenden der Volkspartei, Natthahpong Ruengpanyawut. Der 37-jährige Natthahpong ist ein erfahrener Parlamentarier und Experte für digitale Technologien mit einem soliden Bildungshintergrund und unternehmerischem Erfolg.

Thaksin als Geisel zu halten, bedeutet, seine politische Macht zu zügeln. Die Anklage ist die sprichwörtliche Waffe an seinem Kopf; Ein Schuldspruch ist die Kugel. Zu überleben bedeutet, den Waffenbesitzer davon zu überzeugen, nicht abzudrücken.

Die thailändische Kultur ist eine Kultur des Personenkults und glaubt, dass „baa-ra-me“ (was Prestige bedeutet) durch die Blutlinie weitergegeben wird. Deshalb ist der Familienname so wichtig, wie die Liebe zu Yingluck beweist. Yingluck hatte auch keine Erfahrung, außer dass sie Thaksins Schwester war. Der Name Shinawatra trägt das „baa-ra-me“ nicht nur unter Anhängern, sondern auch unter Parteimitgliedern und Koalitionspartnern. Paetongtarn hat zwar keine Erfahrung, aber die Blutlinie und das „baa-ra-me“.

Aber ihr „baa-ra-me“ wird ihrem Konkurrenten Nattahpong egal sein. Auch wird ihr „baa-ra-me“ die politische Instabilität, die soziale Polarisierung oder die wirtschaftliche Stagnation Thailands nicht lösen. Paetongtarns persönliches politisches Leitmotto „Eine Familie, eine Soft Power“ wurde in der Öffentlichkeit mit viel Spott bedacht. Man attestierte ihr mangelndes Verständnis dafür, was Soft Power eigentlich bedeutet.

Es bleibt abzuwarten, ob sie als eigenständige Führungspersönlichkeit hervorgeht oder vom Einfluss ihres Vaters überschattet bleibt.

Als 31. Premierministerin Thailands hat sie mit ihrem Vater, der ihr mit seinem politischen Scharfsinn und seinen Beziehungen hilft, die Risiken zu managen. Sie hat zwar ein Heer von Technokraten, altgedienten Politikern und Marketingexperten, die ihr zur Seite stehen, aber sie steht unter enormem Druck, ihre Fähigkeiten und ihre Unabhängigkeit unter Beweis zu stellen. Es bleibt abzuwarten, ob sie als eigenständige Führungspersönlichkeit hervorgeht oder vom Einfluss ihres Vaters überschattet bleibt. Die Herausforderung für die 38-jährige Erbin der mächtigsten politischen Familie Thailands besteht darin, sich als würdige Premierministerin und nicht als Marionette ihres Vaters zu erweisen.

Ursprünglich veröffentlicht unter Creative Commons von 360info™.

Über den Autor
Voranai Vanijaka
Journalist und Dozent

Voranai Vanijaka ist Journalist und Dozent für politische Kommunikation und globale Medienindustrie an der Thammasat-Universität in Bangkok und außerordentlicher Professor am Global Citizenship Program der Webster University. Von 2008 bis 2014 schrieb er den Sonntagskommentar für die Bangkok Post, in dem er sich kritisch mit der thailändischen Politik, Gesellschaft, Menschenrechten und Demokratie auseinandersetzte. Von 2014-2017 war er Chefredakteur des GQ Magazine Thailand.

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