Angesichts der wachsenden Komplexität moderner Bildungssysteme kann ein einzelner Bildungsminister nicht die Probleme von Zigtausenden Schülern und Lehrern lösen. Wohl aber können Zigtausend Schüler und Lehrer die Probleme des einen Bildungssystems lösen, wenn sie vernetzt an der Lösung der Probleme arbeiten und das Bildungssystem die dazu notwendigen Vernetzungs- und Unterstützungsstrukturen bietet.
Deshalb muss das Arbeitsfeld Schule in eine wissensbasierte Profession verwandelt werden, in der nicht nur Wissen von oben nach unten vermittelt wird, sondern die Beteiligten selbst in die Gestaltung der Einrichtung eingebunden sind und um die Wirkungen ihres Handelns wissen. Was wissen Eltern darüber, was und wie unsere Kinder lernen? Wie profitiert ein Lehrer im Klassenzimmer von den Erfahrungen des Lehrers im Nachbarklassenzimmer? Was weiß die Schule vom Umgang der Nachbarschule mit ähnlichen Problemen? Wo könnte Deutschland heute stehen, wenn Kompetenz im Bildungssystem wirksam vernetzt wäre?
Oft ist die Schule für Eltern eine „black box“, oft stehen Lehrer als Einzelkämpfer vor den Problemen im Klassenzimmer, meist bleiben Lehrpläne, Rückmelde- und Unterstützungssysteme unzureichend verknüpft. Moderne Bildungssysteme müssen sich die Frage stellen, wie sie Wissen nicht bloß vermitteln, sondern als Motor für Entwicklung und Innovation dienen. Es gibt kaum ein Unternehmen, das einen so hohen Anteil hoch qualifizierter Menschen beschäftigt wie das Bildungssystem. Aber dieses Potenzial wird oft nur zur Vermittlung vorgefertigter Lehrpläne genutzt, nicht aber als gestaltende Kraft im Bildungssystem.
Stellen Sie sich einmal einen Chirurgen und einen Lehrer aus den 60er Jahren vor, die eine Zeitreise in das Jahr 2006 machen. Der Chirurg, der zu seiner Zeit mit dem im Studium erarbeiteten Wissen und einem Instrumentenkoffer als Einzelperson erfolgreich sein konnte, ist heute in eine dynamische Profession eingebettet. Er arbeitet an einem hoch technologisierten Arbeitsplatz, den er nur als Teil eines komplexen Teams bewältigen kann. Ein Zeitsprung über ein halbes Jahrhundert ist für den Chirurgen unmöglich.
Frankreich hat vorwiegend auf die Zentralisierung von Bildungsprozessen gesetzt. Ein sinnvoller Schritt zu Mindeststandards und mehr Kohärenz im Bildungsangebot, was sich jedoch auf das Ausführen von Vorschriften beschränkt. Es bindet die Beteiligten aber nur unzureichend ein. England konnte mit zentralen Gestaltungsinstrumenten ein wissensreiches Berufsfeld zu schaffen, in dem Bildungsstandards, Unterstützungs- und Rückmeldesysteme eng mit der Arbeit der Lehrer verknüpft wurden.
Langfristiges Ziel und Merkmal der heute erfolgreichsten Bildungssysteme ist es aber, Professionalisierung und eine wissensreiche Arbeitsumgebung zu verknüpfen, und für künftige Lehrer eine gute Lernumgebung und ein attraktives Arbeitsumfeld zu schaffen. Das zeichnet Länder wie Finnland, Japan oder Kanada aus, die beim PISA-Vergleich gute Bildungsleistungen und eine ausgewogene Verteilung von Bildungschancen erzielten.
Diese Länder können einen Orientierungsrahmen für zukünftige Anstrengungen bieten. Die Herausforderungen sind groß: Deutsche Schüler lernen im Rahmen von Lehrplänen, die Bildungsinhalte detailliert festschreiben. Maßstab für Erfolg ist die Akkumulation von Fachwissen, nicht die Verankerung von anschlussfähigem Wissen und die Vermittlung effektiver Lernstrategien. Das spiegelt sich in den PISA-Ergebnissen wider. Umso mehr Menschen Eigenverantwortung für ihre Karriere sowie wirtschaftliche und soziale Absicherung übernehmen müssen, umso mehr müssen Schulen nicht nur Fachwissen vermitteln, sondern die Fähigkeit zur Veränderung stärken; jungen Menschen das Rüstzeug mit auf den Weg geben, ihr Wissen aktiv zu nutzen und zu erweitern.
Erfolgreiche Bildungssysteme legen nahe, dass eine systemisch verankerte, tiefgreifende Verbesserung der Unterrichtsqualität nicht auf mehr Vorgaben beruht, sondern auf wirksamen Anreizen, mit denen Lehrer und Schulen von- und miteinander lernen und die ihnen Entwicklungsperspektiven bieten.
Dafür brauchen wir Schulen, die sich weniger an fachbezogenen Lehrplänen und dafür mehr an strategischen Bildungszielen orientieren. Lehrer müssen diese Ziele verbindlich, kreativ und individuell in Lernmethoden umsetzen können, indem sie Lernpfade individualisieren und Schüler unterstützen, durch eigenständiges Denken und Handeln selbstständig und kooperativ zu lernen. Nur klare Erwartungen in Form strategischer Bildungsziele und ihre Vermittlung wird Entscheidungsträger und Handelnde – Schulen, Lehrern, Schülern und Eltern –zur Leistungsbereitschaft motivieren.
Deutschlands Schulen nutzen Klassenarbeiten und Zensuren vorwiegend zur Kontrolle, um Leistungen zu zertifizieren und den Zugang zu weiterer Bildung zu rationieren. Stattdessen sind moderne Evaluation und motivierende Leistungsrückmeldungen, Vertrauen in Lernergebnisse, und individuelle Lernpfade notwendig.
Das deutsche Bildungssystem setzt auf frühe Auslese im Rahmen des dreigliedrigen Schulsystems und auf Unterricht in leistungshomogenen Lerngruppen. Schüler mit besonderen Bedürfnissen, etwa mit Migrationshintergrund, werden oft auf Schulformen mit niedrigeren Anforderungen abgeschoben, in denen der Staat Jugendliche ohne Perspektive auf die Arbeitslosigkeit vorbereitet.
Erfolgreiche Bildungssysteme basieren auf einem konstruktiven und individuellen Umgang mit Leistungsunterschieden und Begabungen, damit sie Schülern durch individuelle Förderung Perspektiven für die Gestaltung ihrer eigenen Zukunft eröffnen. Verschiedene Interessen und Fähigkeiten müssen als Potenzial der Wissensgesellschaft wahrgenommen werden. Lehrer und Schulen in Deutschland sind oft nur die letzte ausführende Instanz eines komplexen Verwaltungsapparates.
Wir brauchen ein Arbeitsumfeld für Lehrer, dessen Attraktivität und Ansehen nicht allein auf dem Beamtenstatus beruht, sondern auf Kreativität, Innovation und Verantwortung. Ein Arbeitsumfeld, das sich durch mehr Differenzierung im Aufgabenbereich, bessere Karriereaussichten, eine Stärkung der Verbindungen zu anderen Berufsfeldern, mehr Verantwortung für Lernergebnisse und bessere Unterstützungssysteme auszeichnet.
Das Argument, all das sei mit den heutigen Lehrern nicht möglich und es müsse sich zunächst die Lehrerausbildung ändern, bevor sich die Schulen ändern, ist falsch. Ein Vergleich mit der Wirtschaft zeigt die Absurdität dieser Argumentationsweise: In den 70er Jahren stellte Nokia, die Mobiltelefonfirma im PISA-Siegerstaat Finnland, noch Autoreifen her. Wo stünde Nokia heute, wenn man damals gesagt hätte, man würde gerne in der Hochtechnologie arbeiten, aber die Ingenieure könnten das nicht?
Andere Staaten haben ein Arbeitsumfeld mit der Schule als Lernorganisation geschaffen, mit professionellem Management, mit interner Kooperation und Kommunikation, etwa in den Feldern strategische Planung, Qualitätsmanagement, Selbstevaluation und Weiterbildung, durch Dialog mit verschiedenen Interessengruppen, vor allem mit den Eltern.
Je mehr Menschen heute Eigenverantwortung für ihre Karriereplanung sowie wirtschaftliche und soziale Absicherung übernehmen müssen, umso mehr müssen Schulen nicht nur notwendiges Fachwissen vermitteln, sondern die Fähigkeit zur Veränderung stärken.
Natürlich stehen Schulen heute vor hohen Anforderungen und Widersprüchen. Man erwartet Innovation und Flexibilität und verschafft ihnen dazu Freiräume für die Gestaltung der Lernumgebung und erwartet gleichzeitig Verlässlichkeit in den Ergebnissen und Risikominimierung. Lernen soll durch neue Unterrichtsformen und vielfältigere Bildungswege individualisiert werden. Gleichzeitig müssen sich moderne Bildungseinrichtungen als vernetzte Lernorganisationen entwickeln und Chancengerechtigkeit sichern. Die Rolle interpersoneller Kompetenzen wird betont, zertifiziert werden meist jedoch nur Einzelleistungen von Schülern.
Die Ergebnisse von Bildungsprozessen werden anhand kognitiver Leistungen bewertet, während Eltern Erwartungen an Schulen haben, die weit über kognitives Lernen hinausgehen. Die Erfahrungen vieler Staaten – und erfolgreicher deutscher Schulen – zeigen, dass eine hohe Qualität von Bildungsleistungen und eine ausgewogene Verteilung von Bildungschancen durchaus in überschaubaren Zeiträumen erreicht werden können.
China und Indien werden ihre Bildungsanstrengungen konsequent ausbauen. Sie haben den entscheidenden Vorteil, dass sie sich an den Erfahrungen der westlichen Welt orientieren können. Sie werden in einigen Jahren viele der Kompetenzen einbringen, die das Leben in Deutschland und Europa heute prägen.
Für die Länder Europas, die jahrhundertelang an der Spitze bildungspolitischer Entwicklungen agierten, bleibt die Zukunft ungewiss. Sie werden nur bestehen, wenn sie die Zukunft mit all ihren Unwägbarkeiten erfolgreich definieren. Dafür ist es notwendig, über die Optimierung des bestehenden Bildungssystems hinaus strategische Perspektiven für Bildungsreformen zu schaffen und über die Transformation der dem eigenen Bildungssystem zugrunde liegenden Schul- und Systemfaktoren nachzudenken. Davon bleibt der bildungspolitische Diskurs in Deutschland, aber auch in vielen anderen europäischen Staaten, trotz vieler Reformen weit entfernt.