
Am 2. März 2003, dem Vorabend der Volksabstimmung über Maltas EU-Beitritt, veröffentlichte die linke Wochenzeitung „It-Torca“ im Literaturteil einen Sonderbeitrag verschiedener maltesischer Schriftsteller, die zum Teil sehr aktiv an der literarischen Revolution der Sechzigerjahre beteiligt waren. Sie leisteten gemeinsam einen feierlichen Loyalitätseid auf ihr Mutterland und erklärten ihren Wunsch, die Unabhängigkeit zu erhalten, die im Jahr 1964 erstritten wurde. Sie setzten sich für den Erhalt der umfassenden politischen Freiheit ein, die seit 1979 besteht, und plädierten dafür, Kulturen, Traditionen und die Identität zu wahren, die ihre Vorfahren durch unerschrockene harte Arbeit und Liebe zu ihrem Land errungen hatten.
Der Beitrag enthielt einige äußerst patriotische romantische Hymnen auf das Mutterland, von denen manche bereits vor ungefähr siebzig Jahren entstanden und während der kulturellen Revolution der Sechziger Gehör fanden. Der Artikel endete mit der feierlichen Erklärung, dass die Unterzeichner ausschließlich eine selbstbestimmte Regierung durch die Bürger Maltas wünschten – und keinesfalls irgendwelche ausländischen Machthaber. Vertragen sich diese Äußerungen der Schriftsteller mit der Mitgliedschaft in der EU?
Im Jahr 2005 stoppte eines der führenden Verlagshäuser Maltas, das unter anderem die „Times“ und die „Sunday Times“ verlegt, die zu den meistgelesenen maltesischen Zeitungen zählen, die Publikation einer Sammlung von Kurzgeschichten. Die Entscheidung wurde damit begründet, dass diese Themen behandelten, die auf Malta als stille Tabus gelten – unter anderem Inzest, männliche Prostitution und die Unterwelt. Anzumerken ist dabei, dass die „Times“ während der EU-Kampagne zu den erklärten Beitrittsbefürwortern gehörte. Unter anderem sagte sie nach erlangen der EU-Vollmitgliedschaft die Zugehörigkeit Maltas zum europäischen Kulturerbe voraus.
Meiner Ansicht nach veranschaulichen diese beiden Geschichten die widersprüchliche Haltung, die Malta gegenüber dem neuen Europa eingenommen hat. Der Widerspruch erscheint noch größer, wenn man bedenkt, dass viele maltesische Autoren über verschiedene Epochen hinweg Europa nicht nur als Bezugspunkt ihrer Arbeit, sondern auch ihrer gesamten Philosophie und ihrer politischen Orientierung gewählt haben.
Malta hat sich trotz starker arabischer Einflüsse auf seine Kultur und insbesondere die Sprache in erster Linie stets als ein europäisches Land wahrgenommen. Andererseits wird deutlich, dass es sowohl europafreundliche Schriftsteller als auch meinungsbildende Politiker im Dunkeln lassen, was es bedeutet, europäisch zu sein.
Diese beiden Geschichten veranschaulichen die widersprüchliche Haltung, die Malta gegenüber dem neuen Europa eingenommen hat.
Dies verwundert nicht besonders, wenn man bedenkt, dass diese vage Haltung von vielen anderen Europäern geteilt wird, die sich mit der Definition des Begriffs einer „europäischen Identität“ ebenfalls äußerst schwertun. Der Verdacht liegt nahe, dass dieser Begriff ein Konstrukt von Politikern ist, die eine politische Supermacht schaffen möchten.
In einer Zeit, in der die Geografie Europas infrage gestellt wird und die Grenzen des Kontinents ein wenig verwischt erscheinen, ist der Begriff einer Identität nur sehr schwer greifbar.
Dies gilt umso mehr für ein Land an der äußersten Peripherie der politischen und geografischen Realität, die wir Europa nennen. Malta wagt nicht den notwendigen Sprung, um zu den anderen zu gehören und klammert sich stattdessen an den Status des europäischen Landes „Down Under“. Der vorherrschende Diskurs zur Gestaltung des europäischen Kultur- und Identitätsparadigmas kurz nach der EU-Erweiterung scheint sich hauptsächlich auf die Trennung zwischen altem Westen und neuem Osten zu konzentrieren. Da Malta zu keinem der beiden Blöcke gehört, hat sich das Land damit abgefunden, draußen zu bleiben, jedoch gleichzeitig so zu tun, als sei es mitten im Geschehen
Seit Maltas EU-Beitritt hat es nur wenige kulturelle Initiativen gegeben, um maltesische Kunst zu fördern. Die Bildenden Künste und die Musik bilden in diesem Zusammenhang möglicherweise zwei Ausnahmen. Die Literatur hat von der „Anknüpfung“ an das europäische Festland nicht unbedingt profitiert. Seit 2004 wurden nur zwei literarische Werke in einem anderen europäischen Land veröffentlicht: ein Lyrikband von mir erschien 2005 im Rahmen der Feierlichkeiten der damaligen europäischen Kulturhauptstadt Cork, und ein Bühnenskript von Clare Azzopardi wurde 2008 in Paris veröffentlicht.
Ende 2009 wird der National Arts Council of Ireland in Irland einen zweisprachigen Gedichtband (Maltesisch/englisch) von Adrian Grima herausgeben. Hinzu kommen vereinzelte initiativen zur Veröffentlichung literarischer Werke in E-Zines, Literaturzeitschriften oder Anthologien, die im Anschluss an Literaturfestivals, zu denen maltesische Schriftsteller regelmäßig eingeladen werden, im Auftrag der EU oder einer anderen Organisation erschienen sind. In der Gesamtbetrachtung der großen Anzahl veröffentlichter Übersetzungen ist dies eine sehr magere Ausbeute.
Das EU-Programm Kultur 2000 zur Förderung von Übersetzungen hat seltsamerweise nicht dazu geführt, dass maltesische Verlagshäuser ihre Publikationen vermehrt im Ausland anbieten. Bisher war nicht ein einziges von ihnen in ein solches Projekt involviert. Der Geschäftsführer eines der wichtigsten Verlagshäuser Maltas äußerte öffentlich, das Übersetzungsprogramm der EU sei für Übersetzer finanziell sehr viel lukrativer als für die Schriftsteller und deren Verleger.
Zugegebenermaßen ist die Übersetzung eine entscheidende Hürde, da die maltesische Sprache nur von 400.000 Menschen gesprochen und geschrieben wird und nicht als bedeutende europäische Sprache gilt, obwohl sie eine der Amtssprachen der europäischen Union ist. Die 2007 gegründete internationale Vereinigung für Maltesische Linguistik unter dem Präsidenten Thomas Stolz an der Universität Bremen war ein sehr vielversprechender Schritt, obwohl diese Vereinigung wiederum nichts mit Literatur zu tun hat.
Malta verfügt nach wie vor über keine der gängigen Literaturorganisationen, die sich für die Übersetzung und die Verbreitung maltesischer Literatur einsetzen würde. Es gibt weder ein Literaturinformationszentrum noch ein Literaturhaus. Die Academy of Maltese hat trotz ihrer in der Gründungssatzung im Jahr 1920 formulierten Aufgabe – die maltesische Sprache und Literatur zu fördern – Desinteresse bekundet, die Übersetzung literarischer Werke aus der maltesischen Sprache zu unterstützen.
Zugegebenermaßen ist die Übersetzung eine entscheidende Hürde, da die maltesische Sprache nur von 400.000 Menschen gesprochen und geschrieben wird.
Der von der Regierung ins Leben gerufene National Book Council arbeitet in Teilzeit und verfügt trotz einer Absichtserklärung, ein Übersetzungsprogramm ins Leben zu rufen, nicht über die nötigen Mittel, die geplanten Projekte zu realisieren. Literatur hat offensichtlich nicht denselben Stellenwert wie die anderen Bereiche der Kulturlandschaft der Insel. Während der Malta Council of Culture and the Arts regelmäßig Schriftsteller finanziell dabei unterstützt hat, ihre literarischen Verpflichtungen in Europa wahrzunehmen, hat er im Gegensatz zu ähnlichen Kultureinrichtungen anderer Länder kein Programm zur Übersetzungsförderung aufgelegt.
2009 wurde bei der Planung des jährlich stattfindenden internationalen Kunst- und Kulturfestivals die Literatur komplett ausgeblendet. Malta hat bisher keine offizielle Kulturpolitik, obwohl die Ministerin für Bildung, Erziehung und Kultur, Dolores Cristina, im Sommer 2009 für die „kommenden Wochen“ die Veröffentlichung eines Strategiepapiers über die Kulturpolitik zu Beratungszwecken ankündigte.
Frühere Regierungen haben wiederholt Absichtserklärungen abgegeben, Übersetzungsförderungsprogramme einzurichten, von denen jedoch nicht eines in die Tat umgesetzt wurde. Eine weitere gemeinsame Erklärung der Ministerin für Bildung, Erziehung und Kunst sowie des Finanzministers Tonio Fenech vom 8. August 2009 kündigte die Einrichtung eines von der Regierung unterstützten maltesischen Kulturfonds in Höhe von 330.000 Euro zur Bezuschussung verschiedener Projekte an, aber weder die Literatur noch Übersetzungen wurden in diesem Zusammenhang erwähnt.
Die maltesischen Schriftsteller arbeiten in diesem recht düsteren Umfeld und nehmen es als gegeben hin, dass sie keine Unterstützung von offizieller Seite erhalten. obwohl einige vielleicht argumentieren, dass diese Situation mangelnden finanziellen Ressourcen geschuldet ist, muss darüber hinaus ein gründliches Umdenken darüber stattfinden, was eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union eigentlich bedeutet.
Falls die Inselmentalität der älteren Schriftsteller, von der ich eingangs berichtete, weiterhin in der Luft liegt und die maltesische Literatur – insbesondere die der jüngeren Generation – weiterhin misstrauisch beäugt wird, wird sich auch künftig bei der Vermittlung von Literatur in andere Länder nichts tun.
Die schwierigste zu überwindende Hürde für eine sichtbare Rolle Maltas in der literarischen Szene Europas ist meiner Ansicht nach der Umstand, dass die Bedeutung literarischer Übersetzungen nicht wertgeschätzt wird.
Mutter Europa bleibt irgendwo dort draußen: so nah und doch so fern; so sehr ein Teil von uns und doch so fremd.
Aus dem Englischen von Angelika Welt
Der Kultur kommt im europäischen Einigungsprozess eine strategische Rolle zu. Wie steht es um die Kulturbeziehungen innerhalb Europas? Wie kann Kulturpolitik zu einer europäischen Identität beitragen? Im Kulturreport Fortschritt Europa suchen internationale Autor:innen Antworten auf diese Fragen. Seit 2021 erscheint der Kulturreport ausschließlich online.