Rajeev Balasubramanyam ist ein britischer Schriftsteller. Er graduierte an den Universitäten von Oxford und Cambridge und hat Romane, Kurzgeschichten und Anthologien veröffentlicht.

Im späten 18. und im 19. Jahrhundert übten Romane und Zeitungen eine gesellschaftliche Schlüsselfunktion aus: Sie trugen dazu bei, dass sich das bürgerliche Bewusstsein von transnationalen religiösen und dynastischen Zugehörigkeiten löste. Dies geschah zugunsten einer beginnenden nationalen Identifikation. Literatur und Medien haben auch heute ihren Stellenwert. Aber vor allem das Kino übt einen starken transnationalen Reiz aus. Man könnte in der Ausbreitung transnationaler Filme auch einen nationalen Machtfaktor sehen: Ein Streben der Länder um Macht in einer Art globaler Vorstandsetage.
Die Vereinigten Staaten – vertreten durch Hollywood – spielen in ihr eine herausragende Rolle. Diese Vorrangstellung zeigt sich nicht nur in der globalen Ausbreitung von Hollywoodfilmen, sondern auch in den Erzählhandlungen der jeweiligen Filme. Und die geht so: Der amerikanisch-nationalistisch-globale Held rettet die Welt durch vorbildliches Praktizieren „amerikanischer Werte“.
Der offensichtlichste Vertreter amerikanischer Werte ist „Superman“, der engelgleiche Außerirdische, der als Figur zwischen Mann und Gott den „Amerikanischen Weg“ repräsentiert, der implizit Gottes Weg am nächsten kommt. Weitere Beispiele sind „Flash Gordon“, „Watchmen – Die Wächter“, „Armageddon“, „Independence Day“, „Mars Attacks“, „Twelve Monkeys“ und „Mission Impossible II“. All diese Filme handeln von globalen Themen – von inneren oder äußeren Bedrohungen der Menschheit –, die durch amerikanische Helden abgewehrt werden.
Neben den Vereinigten Staaten gibt es noch weitere Schlüsselfiguren der Vorstandsetage. Die wichtigsten beiden sind wohl die schnell wachsenden und sich im Prozess der Liberalisierung befindlichen Wirtschaftsräume Chinas und Indiens, die jeweils über eine riesige Bevölkerungszahl verfügen und deren Filmindustrien sowohl auf nationaler und transnationaler Ebene als auch in der Diaspora des jeweiligen Landes eine große Reichweite haben. Das chinesisch-sprachige Kino Chinas, Hongkongs und Taiwans hat durch Kung Fu und Wuxia-Filme eine sehr marktgängige und essenzialisierte Darstellung der chinesischen Nation geschaffen.
Der offensichtlichste Vertreter amerikanischer Werte ist Superman, der engelgleiche Außerirdische, der zwischen Mensch und Gott steht und den „Amerikanischen Weg“ repräsentiert, oder, implizit, Gottes Weg.
Bei den Kung Fu-Filmen lassen sich sowohl binnenländische als auch exportorientierte nationalistische Funktionen erkennen. Man könnte argumentieren, dass Kung Fu Nationalismus innewohnt. Die Geschichten dieser Filme enthalten häufig symbolische Kämpfe mit Amerikanern, die zum Teil sehr subtil sind – wie bei „Der Mann mit der Todeskralle“, in dem Amerikaner sowohl mit als auch gegen Bruce Lee kämpfen – bis zu den eher unverblümten Erzählhandlungen, etwa in „Die Todeskralle schlägt wieder zu“, wo Bruce Lee gegen den Amerikaner Chuck Norris auf dem Gelände des Kolosseums in Rom kämpft und ihn schließlich tötet.
Neben solchen Geschichten gibt es auch Versuche von amerikanischer Seite, das Genre Kung Fu zu besetzen. Ein bedeutender Vorreiter dieses Trends war die Fernsehserie „Kung Fu“, in der ursprünglich Bruce Lee die Hauptrolle spielen sollte, der jedoch dann durch David Carradine ersetzt wurde. In den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts sahen wir Filme wie „Karate Kid“, „Bloodsport“ und „Lethal Weapon“ mit weißen amerikanischen Kung Fu Kämpfern. In der neueren Vergangenheit wären Filme mit einer „panasiatischen Ästhetik“ wie „Matrix“, „Kill Bill“, „Operation – Broken Arrow“ und „Face Off – Im Körper des Feindes“ zu nennen.
Im Jahre 2000 bildete Ang Lees „Crouching Tiger, Hidden Dragon“ den Anfang einer Reihe chinesischer und taiwanesischer Wuxia-Filme, die von da an die transnationale Rolle übernahmen. Diese exportstarken Wuxia-Filme waren in der Regel nationale Fiktionen, die wie Hollywoodfilme sowohl ein chinesisches Publikum in der Diaspora als auch ein nicht chinesisches Publikum ansprechen sollten.
„Hero“, der historische Figuren zelebriert, die zur Entstehung eines vereinigten Chinas beigetragen haben, zeigt den offensichtlichsten Nationalismus. Sämtliche exportstarken Wuxia-Filme haben eine Gemeinsamkeit: Sie präsentieren allgemeingültige Werte im Gewand einer wohl übertriebenen chinesischen Ästhetik. James Schamus, der amerikanische Mitautor und Koproduzent von „Crouching Tiger“, äußerte sich wie folgt: „Letztendlich wollen Ang und ich tatsächlich, dass jeder auf der Welt auf nicht triviale Weise chinesisch ist.“
Das Hindi-Kino übte schon immer einen transnationalen Reiz aus – insbesondere in Osteuropa, wo Hollywoodfilme in der Vergangenheit verboten waren, sowie im Nahen Osten, wo traditionelle Hindi-Filme sexuell expliziteren Hollywoodfilmen vorgezogen wurden. Eine Entwicklung der letzten Jahre ist, dass die Filme zunehmend von Begegnungen zwischen Ost und West handeln. Beispiele dafür sind „Kaafila“, „Namastey London“ und Karan Johars „Dilwale Dulhania le Jayenge“, in dem eine Gruppe von Indern aus der Mittelschicht als Rucksacktouristen durch Europa reist, sowie „Kabhi Kushi Kabhi Gham“, in dem ein kleiner Junge in seinem englischen Internat eine kleine nationalistische „Revolution“ verursacht und die gesamte Schule die indische Nationalhymne singt.
Wenn es das Hindi-Kino geschafft hat, einen nationalen Fokus für ein solch vielfältiges Land zu schaffen, wäre dies nicht auch eine Chance für ein paneuropäisches Kino mit all den linguistisch und kulturell unterschiedlichen Ländern Europas?
Derweil haben Disney und Warner Brothers schon mit der Finanzierung ihrer eigenen Bollywood-Produktionen begonnen und Disney hat in Koproduktion an dem Film „Roadside Romeo“ der indischen Filmproduktionsfirma Yash Raj Productions mitgewirkt. Wie beim chinesischsprachigen Kino sind bereits Hollywoodfilme mit einer (süd-)asiatischen Ästhetik entstanden. Hierzu gehören Produktionen wie „Moulin Rouge“, „Der Love Guru“,„Shantaram“ mit Amitabh Bachchan in einer Nebenrolle an der Seite von Johnny Depp und „Liebe lieber indisch“.
Die Länder Europas, die in der Europäischen Union – dem europäischen Super- bzw. Suprastaat – vereinigt sind, liegen eingekeilt zwischen Indien und China im Osten und den Vereinigten Staaten im Westen. Wenn es das Hindi-Kino geschafft hat, einen nationalen Fokus für ein solch vielfältiges Land zu schaffen, wäre dies nicht auch eine Chance für ein paneuropäisches Kino mit all den linguistisch und kulturell unterschiedlichen Ländern Europas? Wenn chinesischsprachige Wuxia- und Kung Fu-Filme verschiedene Länder ideell über eine imaginäre, heroische chinesische Geschichte zusammenbringen können, wäre das europäische Kino in der Lage, etwas Vergleichbares zu erfinden? Wenn Hollywood einen global-nationalistischen Helden wie Superman erfinden kann, könnte Europa nicht eine ähnliche Filmikone schaffen?
Solche supranationalen bzw. supranationalistischen Idole müssen natürlich vollkommen neu erschaffen werden, um sie in ein eindeutig europäisches Wertesystem einzubinden, das im klaren Gegensatz zu den Werten steht, die man in der Regel mit der Kultur individueller europäischer Nationalstaaten verbindet. Diese nationalen Kulturen sind allerdings bereits fest verwurzelt und seit dem 18. Jahrhundert hochentwickelten Prozessen der Staatenbildung unterworfen. Die europäischen Fiktionen müssen entweder an die Stelle dieser nationalen Fiktionen treten oder sie überflügeln. Dies kann durch die Verkörperung neuer oder gesammelter Werte entstehen, denen man keine nationale Voreingenommenheit vorwerfen kann.
Zugleich muss sich die supranationale Identität von den amerikanischen Werten unterscheiden, die von Hollywoods Filmhelden propagiert werden, mit denen sie trotz allem hinsichtlich ihrer „Rasse“ und ihrer Kultur mehr gemeinsam haben als mit ihren asiatischen Pendants.
Können wir uns also ein pan-nationalistisches europäisches Idol vorstellen, das mit Amitabh Bachchan oder Bruce Lee vergleichbar wäre? Er oder sie müsste natürlich mehrsprachig sein und höchstwahrscheinlich eine Art sexueller oder kriegerischer Überlegenheit im Vergleich mit den Amerikanern, Chinesen und Indern an den Tag legen. Vielleicht patrouilliert er oder sie an den Grenzen Europas entlang und schickt illegale Einwanderer zurück in die Türkei oder nach Marokko oder durchkreuzt – wie der Küchenchef in „Ratatouille“ – Pläne zur Umwandlung französischer Feinschmeckerrestaurants in Imbissläden, die Burritos und Chop Suey servieren. Vielleicht wird er oder sie aber auch wie Bruce Willis in „Stirb Langsam 4.0“ chinesische Terroristinnen mit den Worten „asiatische Hure“ eliminieren, obwohl schwer zu sagen ist, in welcher Sprache er / sie diese Empfindungen kommunizieren würde. Vielleicht könnten aber auch Sportfilme wie „Escape to Victory“ oder „Chak De! India“ geeignete Vehikel für paneuropäische Nationenbildung sein: Beispielsweise könnte eine europäische Fußballmannschaft gegen ein amerikanisches oder panasiatisches Team antreten.
Nationalismen sind von ihrer Natur her trennend, sie schließen stärker aus als ein und verzerren per definitionem sowohl die Vergangenheit als auch die Gegenwart.
Alternativ könnte unser Held eine antike europäische Figur aus der Zeit vor der Gründung europäischer Einzelstaaten darstellen. Eine ganze Reihe moderner römischer (oder griechischer) Filme könnten entstehen, die eine homogene, essenzialisierte europäische Entstehungsgeschichte postulieren. Natürlich gibt es solche Filme bereits – „Gladiator“ und „Troja“ sind zwei Beispiele dafür –, aber es handelt sich dabei um Hollywoodfilme, die in amerikanischem Englisch gefilmt wurden. Stattdessen benötigen wir Filme in lateinischer oder altgriechischer Sprache – ein Lattywood oder Grollywood (oder Eurowood, falls die Bezeichnung eher geografisch und nicht linguistisch sein soll).
Aber man muss jederzeit vor historischem Nationalismus auf der Hut sein, vor allem in einem europäischen Kontext, wo Imperium und Ehre stets von Vorstellungen einer Vorherrschaft der weißen Bevölkerung begleitet waren. Genauer gesagt sind alle Nationalismen von ihrer Natur her trennend, sie schließen stärker aus als ein und verzerren per definitionem sowohl die Vergangenheit als auch die Gegenwart. Ein europäisches Kino würde mit Sicherheit eine neue Trennungslinie schaffen – und dies genau zu einem Zeitpunkt in der Geschichte, in dem der Mensch beginnt, sich als eine Gattung statt als eine Gruppe verschiedener „Rassen“ wahrzunehmen, die einen Planeten statt einer Ansammlung von Nationen bewohnt.
Ein paneuropäisches Kino ist natürlich denkbar, wenn nicht sogar realisierbar. Wenn dies der Fall ist, dann ist zwar die logische Schlussfolgerung, dass es ein globales oder Weltkino ebenfalls wäre. Hinsichtlich der wirtschaftlichen und politischen Umsetzbarkeit ist es aber schwer vorstellbar, wie ein globales Kino entstehen könnte.
Doch ist es nicht die Aufgabe von Filmemachern, Träume zu schaffen? Es erscheint fortschrittlicher und sinnvoller, von einem vereinigten Planeten zu träumen als von einem vereinigten Europa. Ein echtes Weltkino – nennen wir es Wollywood – könnte jene bereits entstehende Wahrnehmung nähren, dass wir als Menschen unser Umfeld mit allen anderen Erdbewohnern teilen und dass unser Wohlbefinden von dem aller anderen abhängig ist. Wenn tatsächlich ein echtes planetarisches Bewusstsein möglich ist, wäre der Film möglicherweise das ideale Vehikel für dieses Bewusstsein.
Rajeev Balasubramanyam ist ein britischer Schriftsteller. Er graduierte an den Universitäten von Oxford und Cambridge und hat Romane, Kurzgeschichten und Anthologien veröffentlicht.
Der Kultur kommt im europäischen Einigungsprozess eine strategische Rolle zu. Wie steht es um die Kulturbeziehungen innerhalb Europas? Wie kann Kulturpolitik zu einer europäischen Identität beitragen? Im Kulturreport Fortschritt Europa suchen internationale Autor:innen Antworten auf diese Fragen. Seit 2021 erscheint der Kulturreport ausschließlich online.