
Zu Beginn des Jahres 2011 hat sich die Lage in der arabischen Welt radikal verändert. Eine neue Wirklichkeit, die ein Jahr zuvor nicht vorherzusehen war, ist als Ergebnis einer außerordentlichen Bürgerbewegung entstanden, welche Tunesien, Ägypten und Libyen revolutioniert hat. Die Stoßwellen dieser Bewegung haben sich auf die Region und die ganze Welt ausgewirkt. Diese Revolutionen beeinflussen inzwischen auch künstlerische Vorgehensweisen und intellektuelle Prozesse in der gesamten arabischen Welt. Dies eröffnet in den Beziehungen zwischen Europa und dem Mittelmeerraum neue Perspektiven, vor allem aber verändert es die Vorstellungen, die sich Europa von der arabischen Welt macht.
Im Laufe ihrer gesamten Geschichte ist die Stadt Marseille durch den Austausch geprägt worden, der sich aus den Aktivitäten des Stadthafens ergab – die Zirkulation von Menschen und Gütern. In Marseille sind Menschen zu Hause, die hier geboren wurden, und Menschen, die sich in der Region niedergelassen haben: Italiener, Armenier, Algerier, Komorer usw. Die Stadt ist damit das Tor zu zwei Welten: zu Europa und zu Nordafrika. Kaum eine andere Stadt eignet sich daher besser, Europa und das südliche Mittelmeer zusammenzuführen.
Weil Europa im Mittelmeerraum geboren wurde, geht es Marseille darum, mit dem Titel „Europäische Kulturhauptstadt“ einen Knotenpunkt für Dialog und Kreativität zu schaffen, der offen für Kulturen aus dem gesamten Mittelmeerraum ist. Und es besteht dringender Bedarf, einen Raum zu schaffen, in dem sich Künstler aller Sparten sowie ein Publikum aus Europa und dem Mittelmeerraum treffen und austauschen können.
Gemäß der europäischen Gesetzgebung wird eine Stadt nicht allein aufgrund dessen, was sie darstellt, zur Kulturhauptstadt Europas gewählt, sondern hauptsächlich aufgrund dessen, was sie in einem Zeitraum von einem Jahr Außergewöhnliches zu tun gedenkt. Das zwölfmonatige Programm muss zwei wesentliche Kriterien erfüllen. Zum einen ist eine europäische Dimension nötig: Die Städte müssen die Rolle, die sie in der europäischen Kultur gespielt haben, ihre Verbindungen zu Europa und ihre europäische Identität präsentieren. Sie müssen auch ihre aktuelle Beteiligung am künstlerischen und kulturellen Leben Europas mit den jeweils spezifischen Merkmalen nachweisen. Zum anderen geht es um die lokale Dimension von Stadt und Bürgern: Die Städte müssen ein Programm präsentieren, das sowohl auf lokaler als auch auf europäischer Ebene eine breite öffentliche Beteiligung erwarten lässt.
Nachdem die Stadt im Jahr 2008 als Europäische Kulturhauptstadt ausgewählt worden war, wurde das Programm in Partnerschaft mit lokalen, nationalen und internationalen Kulturorganisationen entwickelt. Marseille hatte bereits Verbindungen zu den Kunstszenen an den Süd- und Ostküsten des Mittelmeerraums. Die Zusammenarbeit mit diesen Ländern hat sich jedoch in den vergangenen Jahren noch verstärkt.
Ein Raum ist nötig, in dem sich Künstler aller Sparten sowie ein Publikum aus Europa und dem Mittelmeerraum treffen und austauschen können.
Der Fokus von Marseille-Provence 2013 auf den Mittelmeerraum regt lokale Organisationen dazu an, sich auf die Zusammenarbeit im Mittelmeerraum und Projekte bereits vor 2013 zu konzentrieren. Um Projekte für 2013 zu entwickeln, sind Treffen notwendig, auf denen die jeweiligen Projekte geplant und umgesetzt werden. Dies hat zu einer höheren Mobilität von Künstlern und Kulturveranstaltern aus der Region Marseille-Provence und den südlichen Ländern des Mittelmeerraums geführt.
Marseille-Provence 2013 und die lokalen Behörden regen zu Mobilität an, indem sie Projektentwicklung unterstützen, sowie durch spezifische Instrumentarien. Dazu zählt ein spezieller Mobilitätsfonds, den der „Roberto Cimetta Fonds“ organisiert.
Verschiedene Themen haben das internationale Programm von Marseille-Provence 2013 geprägt. Das Projekt ist fächerübergreifend, es deckt verschiedene künstlerische Bereiche ab wie Bildende Kunst, Tanz, Theater, Musik, Zirkus, Film und ungewöhnlichere Sparten wie Kunst im öffentlichen Raum und Küche. Bezüge zum Erbe und zu Traditionen zeigen sich in den Ausstellungen, die eine historische Sicht auf den Mittelmeerraum und die über den Mittelmeerraum hinweg existierenden Beziehungen ermöglichen. Das Hauptaugenmerk von Marseille-Provence 2013 liegt auf dem zeitgenössischen künstlerischen Schaffen, insbesondere auf den zeitgenössischen Kunstszenen an den Süd- und Ostküsten des Mittelmeerraums und in der arabischen Welt.
So werden etwa euro-mediterrane Ateliers geschaffen. Dieses zentrale Projekt unterstützt zeitgenössisches künstlerisches Schaffen, indem lokale, nationale und mehrheitlich internationale Künstler dazu eingeladen werden, an Künstlerresidenz-Programmen in der Region Marseille-Provence teilzunehmen.
Partnerschaften und Koproduktionen mit ausländischen Kulturorganisationen dienen dazu, gemeinsame Projekte zu entwickeln und umzusetzen. Wichtig ist es, Künstlern Aufträge oder Spielraum zu geben. Dies umfasst Werke für Ausstellungen zeitgenössischer Kunst wie etwa „Ici, Ailleurs“ („Hier, Anderswo“), Musik von Komponisten wie Zad Moultaka aus Libanon und Theateraufführungen von Regisseuren wie Fadhel Jaibi aus Tunesien.
Es geht auch um die Konzipierung von Projekten, die in der gesamten Mittelmeerregion umherreisen werden. Dazu zählen Arbeiten von Fotografen wie des Tschechen Josef Koudelka und des Franzosen André Mérian, Projekte im Bereich der Bildenden Kunst wie „Cadavre Exquis“ („Exquisite Leiche“) und das literarische Projekt „Wahre Erzählungen der Mittelmeerregion“ des französischen Autors François Beaune. Ein wichtiges Ziel ist es, künstlerische Werke einem möglichst großen Publikum zu präsentieren.
Die euro-mediterranen Ateliers, die im Projekt „Europäische Kulturhauptstadt Marseille-Provence 2013“ eine zentrale Rolle spielen, sollen das zeitgenössische künstlerische Schaffen im euro-mediterranen Raum unterstützen, aber auch einen Knotenpunkt für Kreative entwickeln, der Unternehmen, öffentliche Institutionen und Verbände einbezieht, und alle künstlerischen Disziplinen integrieren.
Die Ateliers sind quasi maßgeschneiderte Künstlerresidenzen, welche die Produktion und den Dialog in allen kreativen Bereichen anregen. Rund 60 Ateliers werden zwischen 2010 und 2013 in Unternehmen und öffentlichen Räumen eingerichtet. Die Initiative ist langfristig angelegt, um einen fortwährenden Beitrag zum zeitgenössischen künstlerischen Schaffen zu leisten.
Als Teil dieses Projekts befindet sich Wael Shawky, ein ägyptischer Künstler, derzeit für eine sechsmonatige Residenz in Aubagne, um sein neues Projekt, die zweite Episode von „Cabaret Crusades“ zu entwickeln, einem Film, in dem Keramikpuppen eine Rolle spielen, die wiederum von Amin Maaloufs Buch „Der Heilige Krieg der Barbaren. Die Kreuzzüge aus der Sicht der Araber“ inspiriert sind. Um diese Puppen herzustellen, wird sich der Künstler vier Monate in einem Ausbildungszentrum für Tonarbeiten aufhalten, wo er mit Profis für die Herstellung von Tonfiguren und Santons (Krippenfiguren aus Ton) zusammenarbeiten wird. Der Film wird dann mit SATIS gedreht, der Fakultät einer Universität, die sich auf Ton und Bild spezialisiert hat. Das Endprodukt wird 2012 auf dem Kunstenfestivaldesarts in Brüssel, anschließend auf der Documenta in Kassel und schließlich im Rahmen von Marseille-Provence 2013 präsentiert.
Es bestehen großartige Möglichkeiten dazu, den Umgang mit arabischen Künstlern zu erneuern.
Die arabische Welt veränderte sich zu einer Zeit, als über die wesentlichen Aspekte des Programms für Marseille-Provence 2013 schon entschieden worden war, der Inhalt jedoch nicht endgültig feststand. Der Arabische Frühling erlaubte es uns, über diese Revolutionen nachzudenken und nach der Relevanz unseres Programms zu fragen. Wir verbringen viel Zeit mit arabischen Künstlern und Kulturveranstaltern, um uns über die sich verändernde Lage und darüber, was für Marseille-Provence 2013 sinnvoll wäre, auszutauschen.
Da der Schwerpunkt auf dem zeitgenössischen künstlerischen Schaffen liegt, hat Marseille-Provence 2013 ein Programm in direkter Partnerschaft mit zeitgenössischen Künstlern und Kulturveranstaltern in der arabischen Welt entwickelt. Wir hatten es dabei nicht direkt mit offiziellen Vertretern zu tun. Das liegt daran, dass sich die zeitgenössischen Kunstszenen in der arabischen Welt im Wesentlichen aus unabhängigen Veranstaltungsorten und Künstlern zusammensetzen.
Viele dieser Kunstszenen sind an den Revolutionen beteiligt gewesen oder sind es immer noch. Diese Veränderungen werden sich im künstlerischen Werk und in den Projekten, die sie für 2013 vorbereiten, widerspiegeln. Obwohl wir das Vorprogramm Anfang 2012 offiziell ankündigen, wollen wir uns eine gewisse Flexibilität bewahren, um noch neue Projekte und Themen aufnehmen zu können. Konferenzprogramme und Diskussionen bieten eine weitere Möglichkeit, über jüngste Veränderungen zu reflektieren.
Im Herbst 2011 fand ein Treffen für unabhängige Kunst- und Kulturorte der arabischen Welt in Marseille statt. Teilnehmer dieser Veranstaltung, die gemeinsam mit dem Fonds für junges arabisches Theater (YATF) organisiert wurde, kritisierten, dass die europäische Beschäftigung mit dem Thema des Arabischen Frühlings eher einen kurzlebigen Trend darstelle. In anderen Worten: Kulturorganisationen planen eher einmalige Veranstaltungen mit arabischen Kooperationspartnern, als an langfristigen Partnerschaften zu arbeiten.
Viele arabische Organisationen haben das Gefühl, dass es noch zu früh ist, um aus dieser Phase allgemeine Schlüsse zu ziehen, was eine Folge des sich andauernd ändernden und unvorhersehbaren Charakters der Bewegungen des Arabischen Frühlings ist. Auch wenn großartige Möglichkeiten dazu bestehen, den Umgang mit arabischen Künstlern zu erneuern, fürchten die Organisationen, dass sich der Fokus lediglich von den einen Klischees und Erwartungen auf die anderen verlagert.
Marseille-Provence 2013 startet in etwa einem Jahr. Das ist für die Organisation eines solchen Großereignisses eine sehr kurze Zeitspanne. Es ist jedoch eine sehr lange, wenn wir bedenken, was sich in den nächsten zwölf Monaten alles noch verändern könnte. Demzufolge ist es sehr wichtig, dass Marseille-Provence 2013 in der arabischen Welt präsent ist, indem es den Austausch mit Künstlern, Intellektuellen und Organisationen pflegt, auf deren Bedürfnisse eingeht und flexible Lösungen für das zeitgenössische künstlerische Schaffen anbietet.
Der Kultur kommt im europäischen Einigungsprozess eine strategische Rolle zu. Wie steht es um die Kulturbeziehungen innerhalb Europas? Wie kann Kulturpolitik zu einer europäischen Identität beitragen? Im Kulturreport Fortschritt Europa suchen internationale Autor:innen Antworten auf diese Fragen. Seit 2021 erscheint der Kulturreport ausschließlich online.
