Links Dogenpalast und Campanile in Venedig, rechts im Hintergrund orientalische Gebäude, davor Inseln und Boote, Illustration: edeos
Über das Mare Nostrum zum gelobten Kontinent, Illustration: edeos

Über das Mare Nostrum zum gelobten Kontinent

Während die Europäer versuchen, Immigranten fernzuhalten und kulturellen Werte des Kontinents zu schützen, die von der Globalisierung längst ausgehöhlt sind, investieren die Chinesen nach Lust und Laune und schlagen so aus dem europäischen Kulturerbe ihren Profit.

Für die Venezianer erscheint Venedig aus der Ferne am schönsten, so malerisch wie in einer von Canalettos Veduten aus dem 18. Jahrhundert. Wenn sich an einem Herbstnachmittag die prächtigen Paläste im Wasser spiegeln, sieht die Stadt in ihrer unwirklichen Schönheit wie ein Filmset aus. In der Tat ist Venedig heute nicht viel mehr als eine Kulisse.

Nachdem meine Nachbarin endlich aus dem ersten Stock des Palazzo, in dem ich eine Wohnung gemietet habe, heruntergestiegen ist, ziehe ich die schwere Haustür hinter uns zu. Signora Immacolata ist weit über achtzig und geht am Stock. Sie will mir den nächstgelegenen Supermarkt zeigen, wofür wir die Calle di Fabbri durchqueren müssen. Wir kommen nur langsam voran, nicht nur wegen des hohen Alters der Signora, sondern auch, weil sich in der Gasse zwischen Rialtobrücke und Markusplatz schon um neun Uhr morgens die Touristen drängeln. 

Die winzige, gebeugte, ganz in Schwarz gekleidete Signora Immacolata zieht ihren Einkaufswagen hinter sich her und bahnt sich mit großer Mühe einen Weg durch die Menge. An der ersten kleinen Brücke hält sie inne, ergreift das Geländer und zieht sich die Stufen hinauf. Auf dem Weg zum Supermarkt liegen zwei dieser Treppenbrücken. Obwohl der Laden am Campo Santa Maria Formosa nur fünf oder sechs gemütliche Gehminuten von unserem Haus entfernt liegt, braucht Signora Immacolata für die Strecke mindestens zwanzig Minuten.

Wenn sich an einem Herbstnachmittag die prächtigen Paläste im Wasser spiegeln, sieht die Stadt in ihrer unwirklichen Schönheit wie ein Filmset aus. In der Tat ist Venedig heute nicht viel mehr als eine Kulisse.

Als wir unser Ziel erreicht haben, erwartet uns an der Kasse eine lange Warteschlange. Offenbar suchen alle preisbewussten Touristen diesen Ort früher oder später auf. So kommt es, dass die alte Dame für ihren Einkauf mindestens eine Stunde braucht. „Und so ist es jeden Tag ...“, seufzt sie. Mit dem Laufen klappt es noch recht gut, aber hinauftragen kann sie die Einkäufe nicht mehr selbst. Zum Glück kommt ihre Altenpflegerin bald zurück, die Kroatin, die ihr im Haushalt hilft.

Früher gab es in der Nähe ihrer Wohnung im Corte Gragolina eine Bäckerei, kleine Gemischtwarenläden, einen Metzger, einen Gemüsehändler, einen Zeitungskiosk und einen Schuhmacher – kurzum, alle Waren und Dienstleistungen des täglichen Bedarfs waren gleich nebenan zu finden. Inzwischen wurden fast alle Geschäfte zu Souvenirläden umgebaut. Durch Signora Immacolatas Wohnstraße zieht sich eine ununterbrochene Kette von kleinen Shops, die falsches Muranoglas verkaufen, und Pizzerien, die für ein Stück Pizza acht Euro verlangen. Das Zielpublikum der Restaurants, Bars und Bäckereien sind die Touristen. Rund um den Markusplatz gibt es nur zwei Supermärkte, einer davon winzig klein; das vermutlich einzige Postamt in der Umgebung fand ich erst nach langer Suche.

„In Venedig kann man heutzutage nicht mehr normal leben“, sagt einer meiner Nachbarn, der Bankangestellte von gegenüber. „Morgendliche Verabredungen oder Geschäftstermine einzuhalten ist geradezu unmöglich, denn ein Mann in meinem Alter boxt sich nicht so einfach bis zum Vaporetto durch. Die ganze Infrastruktur ist auf Touristen ausgerichtet. Das fängt bei den Preisen in Restaurants und Supermärkten an und geht bis zu englischsprachigen Theateraufführungen und klassischen Kirchenkonzerten, zu denen die Musiker barocke Kostüme tragen. Immobilien sind absurd teuer, und es gibt immer weniger Supermärkte, Schulen, Kindergärten, Arztpraxen und Krankenhäuser.“

Vom Kellner bis zum Altenpfleger

Natürlich hat mein Nachbar Recht. In den letzten fünfzig Jahren hat das historische Zentrum Venedigs etwa 60 Prozent seiner Einwohner verloren. Geht man von der aktuellen Einwohnerzahl der gesamten Kommune aus, lebt nicht einmal jeder vierte Venezianer, zumeist ältere Leute, im historischen Teil der Stadt. Noch vor wenigen Jahrzehnten wohnten in der Altstadt 150.000 Menschen, heute sind es keine 60.000, Tendenz sinkend. Das liegt zum einen daran, dass die Immobilienpreise zu hoch sind und die Venezianer in die umliegenden Stadtteile abwandern, nach Mestre zum Beispiel; zum anderen gibt es für die gut ausgebildete Jugend keine Arbeit mehr. 

Die Universität von Venedig genießt einen ausgezeichneten Ruf und zieht viele Studenten an; dauerhaft bleiben möchte aber kaum einer von ihnen. „Wenn sie nicht gerade als Kellner, Reinigungskraft oder Altenpfleger arbeiten wollen, bleiben ihnen nicht mehr viele Möglichkeiten. Und selbst diese Jobs werden größtenteils von Ausländern erledigt, von Einwanderern“, erklärt mein Nachbar resigniert.

Die Venezianer brauchen einem dennoch nicht leidzutun. Manche verdienen ein kleines Vermögen damit, ihre Wohnungen zu vermieten, andere haben ihren Grundbesitz gewinnbringend verkauft. Tatsache ist jedoch, dass das Leben für die Zurückgebliebenen, darunter viele ältere Menschen, immer komplizierter wird. Die berühmte Lagunenstadt muss den Ansturm von mehreren Millionen Touristen jährlich verkraften. Die Menschenmassen schieben sich durch Straßen und Gassen, die an den meisten Stellen kaum mehr als drei oder vier Meter breit sind. 

Die Venezianer wissen längst, dass sie nicht in einer Stadt, sondern in einem Museum wohnen. Dass Venedig immer weniger ein authentischer, lebendiger Ort ist und immer mehr ein Museum für europäische Geschichte, das die Pracht, den Reichtum, die Macht, die Schönheit und die Kunst einer vergangenen Epoche zur Schau stellt. Nur aus diesem Grund kommen so viele Touristen her. Die Tourismusindustrie hat längst erkannt, dass Venedigs Schönheit sich nicht nur in bare Münze umsetzen lässt, sondern ausreicht, um aus der ganzen Stadt ein Freilichtmuseum zu machen.

Diese Stadt lebt. Wenn das alte Europa in Venedig stirbt, so kommt hier in Bari ein neues zur Welt. Bari ist einer der ersten Anlaufpunkte für Einwanderer, die nach Europa wollen.

Gleichzeitig ist das Venedig von heute eine perfekte Metapher für das Europa von damals; jenes Europa, auf dessen kulturelle Werte sich Europäer berufen, auf die sie stolz sind und die sie schützen wollen.

Im süditalienischen Bari stellt sich ein vollkommen anderes Bild dar. Es ist Ende September und noch warm, die meisten Feriengäste sind abgereist. Betritt ein einsamer Tourist an diesem Sonntagabend die Piazza del Ferrarese in der Altstadt von Bari, sieht er Einheimische auf niedrigen Mauern oder beim Bier im Café sitzen. Andere spazieren auf dem Platz herum, der den Stadtbewohnern als corso, als Flaniermeile dient. Tausende Menschen haben sich hier versammelt, und es macht den Eindruck, als würden alle sich kennen. Es ist neun Uhr abends, die kleinen Kinder spielen Fangen und die älteren essen Eis, während ihre schick gekleideten Eltern und Großeltern in Gruppen herumstehen und lautstark diskutieren. Die Szenerie erinnert an Vittorio De Sicas Schwarzweißfilme aus den Sechzigerjahren.

Diese Stadt lebt. Wenn das alte Europa in Venedig stirbt, so kommt hier in Bari ein neues zur Welt. Bari ist einer der ersten Anlaufpunkte für Einwanderer, die nach Europa wollen.

Vor über zwanzig Jahren, im Sommer 1991, erreichte der albanische Frachter Vlora den Hafen von Bari. Er hatte mehr als 20.000 Flüchtlinge an Bord. Ältere Leser erinnern sich vielleicht an den Exodus über die Adria, der vor der „samtenen Revolution“ einsetzte – falls es in Albanien je so etwas gab. Damals gingen die Bilder des völlig überladenen Frachters um die Welt.

Es gibt Fotos, die zum Symbol einer Epoche oder eines historisch bedeutsamen Ereignisses wurden, so zum Beispiel Jeff Wideners Aufnahme von dem einsamen Mann, der sich auf dem Platz des Himmlischen Friedens den Panzern entgegenstellt. Oder Nick Uts Foto von dem kleinen nackten Mädchen und seinen Brüdern, die in Vietnam von Napalm verbrannt werden. Eddie Adams' Bild von dem Polizisten, der in Saigon einem Vietcong in den Kopf schießt. Oder die Aufnahmen der Folterungen in Abu Ghureib.

Menschentrauben hingen von der Reling

Ähnlich erging es Luca Turis Schnappschuss von der Vlora. Die Fotoausstellung „Flug der Adler“, die an den Jahrestag des Flüchtlingsdramas erinnert, hatte gerade im Foyer des Teatro Petruzzelli eröffnet. Als die Vlora seinerzeit in den Hafen einlief, drängelten sich die Menschen auf den Decks, ganze Menschentrauben hingen von der Reling und den Schornsteinen, von Seilen und Masten. Im nächsten Bild hat das Schiff den Hafen fast erreicht, und die ersten Flüchtlinge lassen sich ins Wasser fallen und schwimmen los, so als fürchteten sie, das rettende Ufer könnte jeden Augenblick verschwinden. Es gibt ein fantastisches, beängstigendes, aus der Vogelperspektive aufgenommenes Foto, das die Menschenmassen an Land zeigt, unter der sengenden Sonne. Die Szene – 20.000 Menschen genau in dem Augenblick, als sie endlich wieder festen Boden unter den Füßen haben – entfaltet eine geradezu biblische Wucht.

In den folgenden Jahren kamen etwa 100.000 Albaner nach Italien. Inzwischen ist ihre Zahl auf eine halbe Million angestiegen. Und seit dem Beitritt Rumäniens zur Europäischen Union sind noch einmal eine Million Rumänen dazugekommen. Angeblich stellen Roma, die Prügelknaben der europäischen Anti-Einwanderungspolitik, ungefähr zehn Prozent von ihnen. Die westlichen Staaten entziehen dieser Bevölkerungsgruppe die Aufenthaltsgenehmigung und schieben sie ab, so in Italien und Frankreich, während sie im Osten kaserniert, verfolgt und ermordet wird – in der Slowakei, der Tschechischen Republik und in Ungarn.

Und doch wurde die Einwanderungswelle in Italien und im restlichen Europa noch vor einigen Jahren als weniger großes Problem wahrgenommen als heute. Die ausländerfeindliche und vor allem antimuslimische Hysterie, die nach der Kontroverse um die Karikaturen des Propheten Mohammed im Jahr 2005 einen Höhepunkt erreichte, hat seit dem Einsetzen der Rezession 2008 bedenkliche Ausmaße angenommen.

Die Bevölkerung von Bari zeigt sich dennoch geduldig und hilfsbereit, waren doch gegen Ende des 19. Jahrhunderts Millionen von verarmten Italienern aus der Provinz Puglia nach Amerika aufgebrochen, ins gelobte Land, um dort innerhalb von zwei oder drei Generationen vollständig assimiliert zu werden. Hundert Jahre später ist Italien selbst zum gelobten Land geworden.

Die Bevölkerung von Bari zeigt sich dennoch geduldig und hilfsbereit, waren doch gegen Ende des 19. Jahrhunderts Millionen von verarmten Italienern aus der Provinz Puglia nach Amerika aufgebrochen.

In jüngster Zeit dient Bari als Durchgangsstation für Immigranten. Die meisten von ihnen werden in der Nähe des Flughafens untergebracht und sind nicht aus wirtschaftlichen, sondern aus politischen Gründen hier; sie kamen nach den politischen Unruhen in Nordafrika mit einer Welle von etwa 40.000 Tunesiern und Libyern über die Insel Lampedusa ins Land.

Die italienischen Behörden bringen Neuankömmlinge in Aufnahmezentren für Asylsuchende (CARA) unter. Später entscheidet eine Kommission über ihr weiteres Schicksal. Im September 2011 gibt es in Italien acht solcher CARA-Zentren, dreizehn Anstalten für Abschiebungshaft (CIE) und sieben Notaufnahmezentren (CPSA). Die Anzahl der eingesetzten Kommissionen ist vergleichsweise klein. Letzten Sommer geriet Bari wieder in die Schlagzeilen, diesmal wegen der Insassen eines CIE. Hunderte von ihnen gingen Anfang August in den Außenbezirken auf die Straße, stoppten Züge und lieferten sich Auseinandersetzungen mit der Polizei. Es kam zu 80 Verletzten und 29 Festnahmen.

Prügelknaben der Anti-Einwanderungspolitik

Ich befrage meine neuen Bekannten zu dem Vorfall. Mittags treffen sie sich im Il Borghese, einer Bar an der Kreuzung von Via de Rossi und Corso Vittorio Emanuele: die Anwälte Dario Belluccio und Maria Pia Vigilante von der Bürgerorganisation „Giraffe“, die Einwanderer berät; Maddalena Tulanti, Redakteurin beim „Corriere del Mezzogiorno“; die Sozialarbeiterin Silvana Serini und Erminia Rizzi von der örtlichen Beratungsstelle für Immigranten.

Das Problem sei komplex, erklärt Bürgerrechtler Dario. Er ist einer der wenigen, die Zugang zum CIE haben. Normalerweise ist weder Anwälten noch Journalisten der Zutritt zu den Abschiebungshaftanstalten erlaubt. Dario erzählt, dass zusammen mit den Libyern auch Menschen aus Ghana, Nigeria, Mali, Burkina Faso und anderen afrikanischen Staaten nach Italien kamen, die jahrelang in Libyen gearbeitet und gelebt hatten. Anders als die Libyer können sie für sich jedoch keinen Kriegsflüchtlingsstatus beanspruchen. Sie werden nach den Vorgaben für das jeweilige Herkunftsland behandelt, egal, wie viele Jahre sie in Libyen verbracht haben. 

Sie haben keine Chance auf eine vorübergehende Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Gründen. Nicht nur, dass sich das Entscheidungsverfahren quälend lange hinzieht; während der Wartezeit behandelt man sie wie gewöhnliche Kriminelle. Sie leben ohne Kontakt zur Außenwelt und unter schlimmeren Umständen als im Gefängnis, sagt Dario. Sie sind auf die Straße gegangen, um auf ihre unhaltbare Situation aufmerksam zu machen.

Sie haben keine Chance auf eine vorübergehende Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Gründen. Nicht nur, dass sich das Entscheidungsverfahren quälend lange hinzieht; während der Wartezeit behandelt man sie wie gewöhnliche Kriminelle.

Viele der Flüchtlinge, die nach Lampedusa kommen, sind Kinder. Silvana betreut Minderjährige ohne Begleitung, in anderen Worten: Flüchtlingswaisen. Sie erzählt von zwei afghanischen Brüdern, die vor dem Krieg in ihrer Heimat flohen und als Teenager zu ihr kamen. Sie konnten weder lesen noch schreiben, machen inzwischen ihren Schulabschluss und arbeiten nebenher, erklärt Silvana stolz. Sie zeigt mir die letzte Ausgabe der Wochenzeitung „l'Espresso“, in der Fabrizio Gatti einen Artikel mit dem Titel „Das Kindergefängnis“ veröffentlicht hat. Im Notaufnahmelager auf Lampedusa harren 225 Kinder und Jugendliche aus, seit Monaten und ohne räumliche Trennung von den erwachsenen Insassen. 

Sie leben unter unwürdigen Umständen und haben nicht einmal das Nötigste, dabei sind viele dieser Kinder schwer traumatisiert. Manche haben ihre Eltern sterben sehen, alle haben tagelang Hunger und Durst gelitten. Zwischen März und August 2011 sind 707 Minderjährige auf die Insel gekommen, darunter viele Babys und Kleinkinder. Andere sind hier auf Lampedusa geboren. Ihre Lage ist furchtbar, ihre Zukunft ungewiss.

Don Angelo, Priester in der Kirche von San Sabino direkt am Stadtstrand von Pane e Pomadoro, ist für Hilfe suchende Flüchtlinge die erste Anlaufstelle im Ort. Als die Albaner mit der Vlora in See stachen, hatte er gerade das Priesterseminar absolviert. Don Angelo hat die Flüchtlinge auf dem Wasser und im Stadion gesehen, wo 10.000 von ihnen interniert waren. Damals ließen die Behörden sie erst auf Drängen des bekannten Pazifisten und Erzbischofs Antonio Bello frei. Don Angelo hat Einsätze als humanitärer Helfer im Bosnien- und im Kosovokrieg hinter sich.

Der große Mann mit dem roten Haarschopf und dem entwaffnenden Lächeln spricht über „institutionellen Rassismus“, über die Gründe für den Zorn der Insassen, die sich aufgrund ihrer Hautfarbe – und im direkten Vergleich mit den Libyern und Tunesiern – diskriminiert fühlen. Er bestätigt Darios Einschätzung, der zufolge die Menschen im Lager unter unwürdigen Bedingungen und in ständiger Ungewissheit leben; keiner weiß, wie die Kommission entscheiden wird. „Ihre Wut ist ansteckend und wird auf die anderen Lager übergreifen. Es ist nicht so, dass die Einwanderer dankbar ein Stück trockenes Brot entgegennehmen und dann geduldig abwarten. Sie wollen wissen, wie es weitergeht.“ 

Schon vor den Ausschreitungen in Bari ist es zu Protesten gekommen, in Mineo zum Beispiel, in Crotone und selbst in Norditalien. Die Immigranten sind über die Art und Weise, wie die Verwaltung mit ihnen umgeht, zutiefst verbittert. „Das ist reine Verzweiflung, keine von außen angestiftete Revolte. Unglaublich, dass die Behörden das nicht einsehen wollen“, klagt Don Angelo.

Kippende Stimmung

Die Kluft zwischen Flüchtlingen und Ämtern ist eine Sache; inzwischen hat sich eine zweite aufgetan, die zwischen Flüchtlingen und Einheimischen. Die knapp 5.000 Einwohner der Insel Lampedusa, die Tunesien näher liegt als Sizilien, haben anfänglich Schiffbrüchige aus dem Meer gezogen, Hunderte von Leben gerettet und die Flüchtlinge nach Kräften unterstützt. Aber im vergangenen September, als über 40.000 Afrikaner die Insel erreicht hatten, kippte die Stimmung. Die Bewohner wandten sich von den Flüchtlingen ab, als diese das Notaufnahmezentrum in Brand steckten, das mit tausend Personen – weit über seine ursprüngliche Kapazität hinaus – hoffnungslos überbelegt war. Sie hatten gehofft, die Behörden zu schnelleren Entscheidungen zwingen zu können. Bei Zusammenstößen mit der Polizei wurden etwa zwanzig Menschen verletzt.

Tatsächlich lassen sich die Regierungsstellen zu viel Zeit damit, über Weiterreise aufs Festland oder Abschiebung zu entscheiden. Nach den Unruhen verkündete der Bürgermeister, die Insel werde von nun an keinen einzigen Flüchtling mehr aufnehmen. So wurde das abgeschiedene, vernachlässigte Lampedusa selbst zu einem Opfer der Flüchtlingskrise, zur Geisel der behördlichen Machenschaften. Etwas war furchtbar schief gelaufen und hatte die Solidarität der Inselbewohner innerhalb weniger Monate aufgerieben und in Ablehnung verwandelt. Dieselben Leute, die eben noch Ertrinkende gerettet hatten, bewarfen die Flüchtlinge nun mit Steinen und verlangten, die „Verbrecher zurück aufs Meer“ zu schicken. Die kleine Inselgemeinschaft, die ohnehin schon mit schwierigen Lebensumständen zu kämpfen hat, kann die schwere Bürde nicht ohne staatliche Hilfe tragen.

In Emanuele Crialeses Film „Terraferma“ (Festland), der 2011 beim Filmfest von Venedig den Spezialpreis der Jury gewann, geht es um genau diesen Konflikt zwischen humanitären Prinzipien und dem Gesetz. Dort landet eine Gruppe von Flüchtlingen auf einer kleinen, nicht näher bezeichneten Insel. Ich habe den Film einen Tag nach der Uraufführung in Bari gesehen. Bei der Vorstellung um halb sieben saßen zehn Zuschauer im Kinosaal. Vielleicht war es noch zu früh, vielleicht war es draußen zu heiß. Vielleicht aber war das mangelnde Publikumsinteresse darauf zurückzuführen, dass das Thema so heikel ist.

Auf der Insel leben Fischer. Weil sie vom Fischen allein nicht leben können, laden sie im Sommer Touristen auf ihre Insel ein. Als das Meer die ersten nordafrikanischen Flüchtlinge an den Strand spült, wird das Inselleben kompliziert. Familien zerbrechen, moralische Zwickmühlen tun sich auf. Die Flüchtlinge beschädigen nicht nur den Ruf des Ferienparadieses, sondern tragen neue, den Fischern unbekannte und unverständliche Probleme auf die Insel. Einer der Fischer drückt es so aus: „Darf der Staat uns verbieten, Menschen aus dem Wasser zu ziehen? Unser ganzes Leben haben wir es so gehalten. Und wenn das neuerdings verboten ist, brechen wir das Gesetz.“

Das künstlerische und gesellschaftliche Bewusstsein für die Eingewanderten scheint größer zu sein als das der Tagespolitik, die sich für eine Abschottung der Grenzen einsetzt.

„Ein schöner, menschlicher Film“, sagte ein älterer Mann unvermittelt zu mir, als wir das Kino verließen. 2011 setzten sich gleich mehrere auf der Mostra gezeigte Filme mit dem Thema auseinander, so zum Beispiel Andrea Segres „Io sono Li“, Francesco Patiernos „Cose dell'altro mondo“ und „Il villaggio di cartone“ des großen italienischen Regisseurs Ermanno Olmi. Über die Probleme der Immigranten und Flüchtlinge wurde viel geschrieben, nicht nur von den allseits bekannten Kommentatoren, sondern von Soziologen, Politologen und Schriftstellern wie Gabriele del Grande und Luca Rastello, um nur zwei zu nennen. Und auch die Flüchtlinge selbst melden sich zu Wort. Ich denke an Elvira Mujcic, eine gebürtige Bosnierin, und an Igiaba Scego, deren Eltern aus Somalia stammen. Das künstlerische und gesellschaftliche Bewusstsein für die Eingewanderten scheint größer zu sein als das der Tagespolitik, die sich für eine Abschottung der Grenzen einsetzt.

Über die Autorin
Slavenka Drakulić
Schriftstellerin

Slavenka Drakulić ist eine der bekanntesten kroatischen Schriftstellerinnen, deren fiktionale und nicht-fiktionale Bücher in viele Sprachen übersetzt wurden. Eines ihrer bekanntesten Bücher ist  „Wie wir den Kommunismus überstanden… und dennoch lachten”. Ihr Essayband „Café Europa Revisited: How to Survive Post-Communism” ist auf Englisch 2021 bei Penguin Random House erschienen. 2010 wurde ihr Buch  „S.: A Novel About the Balkans“ von Juanita Wilson verfilmt (“As If I Am Not There”).

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