Menschen in einem Scheinwerferkegel, Illustration: edeos
Vision der Oper, Illustration: edeos

Vision der Oper

Die Oper ist nicht nur Selbstzweck gesellschaftlicherer Repräsentation, sie hat ihr grenzüberschreitendes Wirkungspotenzial entdeckt. Internationale Koproduktionen und Festivals machen sie zu einer vielversprechenden Diskussionsplattform für europäische und globale Themen aus Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Umwelt.

„Fortschritt Europa“ lautet der Titel dieses Kulturreports, in der die Rolle der Kultur in Europa untersucht wird. Ich will diese gewichtige und gleichzeitig abstrakte Thematik mit dem Medium Oper verknüpfen.

Zuallererst ist Oper ein Ort der Kommunikation nach innen wie nach außen. Sie repräsentiert eine okzidentale Hochkultur im Umgang mit dem Menschen. Die Oper ist aber auch eine Kunstgattung innerhalb der Darstellenden Künste, deren Wurzeln 400 Jahre in die Vergangenheit reichen und europäisch geprägt sind: Sie steht für ein kostbares kulturelles Gedächtnis unseres „alten“, aber doch so vielseitigen Europa. 

Die Künstler, die sich unter dem Dach der Oper versammeln, vertreten nicht selten unterschiedliche künstlerische Meinungen und Haltungen. Doch die Oper wäre nicht die Oper, wenn diese „Cohabitation“ (…) nicht in eine produktive Auseinandersetzung münden würde, in der stets der singende Mensch im Mittelpunkt steht.

So finden sich noch heute in der Institution Oper aristokratisch-höfische, sowie demokratisch-bürgerliche Formen wieder. Angefangen bei der Organisation des Apparats, der den künstlerischen Alltag bestimmt – von der hierarchischen Spitze des Intendanten über den Generalmusikdirektor, die Sänger und Musiker bis hin zu den technischen Mitarbeitern. Es ist die Hierarchie, die es der Dichtung, der Musik und der bildenden Kunst erlaubt, nicht nur unter einem Dach zu arbeiten, sondern sich gemeinsam zu einer Idee für ein Werk zu vereinen. Diese Idee wird im Verlauf eines künstlerischen Prozesses zu einer künstlerisch formulierten Vision, die unserem heutigen, bürgerlich geprägten Menschenbild ein Gegenbild liefern will.

Die „Entente“ der einzelnen Künste gleicht in der Praxis der Quadratur des Kreises. Die Künstler, die sich unter dem Dach der Oper versammeln, vertreten nicht selten unterschiedliche künstlerische Meinungen und Haltungen. Doch die Oper wäre nicht die Oper, wenn diese „Cohabitation“ der Künste nicht in eine produktive Auseinandersetzung münden würde, in der stets der singende Mensch im Mittelpunkt steht. Die interpretatorische Arbeit an einem Werk wie „La Traviata“ oder „Carmen“ ist ein Prozess, der sich in der Gegenwart abspielt. Das moderne Musiktheater, wie wir es etwa in Stuttgart verstehen, versucht, Werke aus dem Repertoire oder einen neuen Stoff aus dem Dunkel seiner (Entstehungs-) Geschichte zu bergen und für die Gegenwart aufzuarbeiten.

Im 20. Jahrhundert stürzte die Oper in eine Legitimationskrise. Hatte sie in der Vergangenheit die Aufgabe, die jeweils herrschende Gesellschaftsform zu repräsentieren, so konnte sie diese nur bedingt in Frage stellen. Eine kritische, unabhängige Position konnte das Sprechtheater hingegen durch die sozialen Ereignisse der Demokratisierung und durch einen kleineren und somit flexibleren Apparat leisten, was sich künstlerisch in den Reformbewegungen des 20. Jahrhunderts manifestierte. Der deutsche Nationalsozialismus bedeutete eine markante Zäsur für die ästhetische Reform der Oper (des Theaters überhaupt). Dem Missbrauch des deutschen Repertoires galt eine radikale Befragung der Werke, wie es der Regisseur und Festspielleiter Wieland Wagner in Stuttgart mit den Werken seines Großvaters tat. Nicht zu vergessen ist die rasante Entwicklung moderner Technologien in den vergangenen 40 Jahren, die in die heutige ästhetisch-interpretatorische Arbeit eingeflossen ist.

Geist der Oper

So ist das Musiktheater von heute eine Möglichkeit, die Entwicklung unserer (Geistes-)Geschichte und der ihr innewohnenden Rolle für den Menschen zu diskutieren. Die Institution Oper bietet dafür Raum und Freiheit. Sie ist der Tempel geistiger Auseinandersetzung zwischen Komponist, Autor und Regisseur. Das Stuttgarter Musiktheater ist in seiner künstlerischen Arbeit ein gutes Beispiel für diese Haltung.

Doch welche Themen sind es, die aufgearbeitet werden und es auf die Bühne schaffen? Was verbindet und trennt die Menschen heute in Europa? Diese Fragen bestimmen auch die inhaltlich-dramaturgische Arbeit eines modernen Musiktheaters in Zeiten europäischer Partnerschaften und Koproduktionen zwischen den Opernhäusern und internationalen Festivals. Musik und Theaterproduktionen unterliegen heute nicht nur mehr dem Selbstzweck rein nationaler Repräsentation. Vielmehr bilden sie die Pfeiler moderner Foren, in denen Ereignisse aus der Gegenwart dargestellt und im Anschluss diskutiert werden.

So fließen zwangsläufig auch globale Probleme in diese Arbeiten mit ein. Ein Beispiel, wie dies bei einem bekannten Werk aus dem Repertoire aussehen kann, möchte ich hier anführen.

Und was verbindet und trennt die Menschen heute in Europa? Diese Fragen bestimmen auch die inhaltlich-dramaturgische Arbeit eines modernen Musiktheaters in Zeiten europäischer Partnerschaften und Koproduktionen zwischen den Opernhäusern und internationalen Festivals.

Im Juni 2006 hatte in Hannover und danach in Barcelona die Oper „Wozzeck“ von Alban Berg Premiere. Das Regieteam (mit mir als Dramaturg) um den katalanischen Regisseur Calixto Bieito hat diese Oper dazu genutzt, um auf den katastrophalen Zustand von Umwelt und Natur hinzuweisen. Die Ausbeutung des Individuums, in diesem Fall Wozzecks, wird symbolisch zum Fanal unserer Zeit erklärt. 

Die Frage, die die Oper uns stellt (frei nach Büchner und Berg), lautet: Wie steht der Mensch zu seiner Umwelt? Die Oper wurde als apokalyptische Vision unserer dahinsiechen Natur inszeniert. Es ist die Erweiterung des Stoffes in eine ökologische Dimension, die für die Opernhäuser von Barcelona, Hannover und Madrid entwickelt wurde. In solchen Werken, wie sie die Opernliteratur anbietet, reichen die Themen stark in unsere Gegenwart hinein.

Ort der Begegnung

Die Staatsoper Stuttgart kümmert sich aber auch seit geraumer Zeit um Tendenzen neuer Musiktheaterformen. Im „Forum für Neues“ – so lautet seit Beginn der neuen Spielzeit der offizielle Name für die Spielstätte auf dem Stuttgarter Römerkastell, die vor drei Jahren als „Forum Neues Musiktheater“ vom damaligen Opernintendanten Klaus Zehelein ins Leben gerufen wurde – werden Teams internationaler Herkunft zusammengeführt, um neue Werke des Musiktheaters zu erarbeiten und aufzuführen. In dem Forum, das auch als „Opernlabor“ bezeichnet wird, steht der Komponist im Mittelpunkt, der zusammen mit Autoren, Regisseuren und Bühnenbildnern ein Werk entwickelt. Dabei geht es um Geschichten, die „auf der Straße liegen“, sprich zeitlich relevant sind. 

Eine solche Arbeit war zum Beispiel die „zeitoper“ „Carcrash“ der Komponisten Willi Daum und Ralf R. Ollertz, in dem das Auto inhaltlich das Zentrum des Werks darstellt. Die Komposition setzt eine imaginäre Nachtfahrt in Szene. Diese handelt vom Unterbewusstsein des Fahrers, wobei der Sekundenschlaf zum Auslöser einer inneren Handlung wird. Die Gefahr des Unfalls wird so plötzlich gegenwärtig, dass sein Hergang musikalisch zu einer sich endlos wiederholenden Geschichte wird. Die Extremsituation dieser „zeitoper“, in der sich der singende Lenker – und mit ihm der Zuschauer – befindet, macht diese Nachtfahrt zu einem eindrücklichen Musiktheater zum Thema Mensch und Mobilität.

Man kann und muss die Frage des vorliegenden Reports natürlich auch zurückgeben: Welche Rolle spielen Oper und Musiktheater für die politischen Institutionen der EU? Zugespitzt formuliert, inwiefern kümmert sich die EU-Administration um die Kunstgattung Oper, als vermittelnde Gattung neuer Ideen und Visionen? Wäre es nicht auch eine Chance für Europa, sich dadurch auszuzeichnen, wenn die Identitäten unserer Staaten nicht nur aus wirtschaftlich-nationalen Faktoren, sondern auch aus kulturellen Interessen bestünden? Könnten die Opernhäuser nicht als europäische Stätten für Foren der Auseinandersetzung und Begegnung ausgewiesen und unterstützt werden? Und sind dafür nicht die schon heute existierenden Museen, Theater und Opern in Europa prädestiniert?

Bestimmte europäische Opernhäuser arbeiten bereits in diese Richtung, etwa in Hannover und Barcelona, sie fassen ihre Programme so zusammen, dass sich ein thematischer Schwerpunkt als roter Faden durch ihr Konzept zieht, das auch thematisch gesellschaftliche Themen und Diskussionen der jeweiligen Städte und Länder berücksichtigt. 

Die Stuttgarter Oper arbeitet zurzeit mit dem Institut Français und anderen institutionellen Partnern an einem thematischen Schwerpunkt zum Thema „Französische Kultur in Deutschland“.  Ist es nicht spannend, innerhalb des großen Repertoires der französischen Oper das Geschichtsbild in Frankreich und die Rezeption in Deutschland, beispielsweise in Héctor Berlioz’ „Les Troyens“ oder Claude Debussys „Pélleas et Mélisande“ zu diskutieren?

Welche Menschenbilder liegen diesen Opern zugrunde? Welchem Kulturkreis entstammen sie? Auf welche musikalischen Formen wird zurückgegriffen? Auf französische? Oder deutsche? Diese Auseinandersetzung und Diskussion um europäische Eigenarten kann in der Oper aufs Spannendste erzählt werden. Der singende Mensch bewegt sich darin in einer Welt der Ideen und Utopien, die allesamt unsere Beziehung zur Gegenwart aufs Neue in Frage stellen. Die Gattung Oper und das aus ihr entwickelte moderne Musiktheater liefern durch das Primat der Musik eine emotionale Dimension, die lustvoll eine Gegenwelt behauptet und die als Vision unsere Zukunft gestalten hilft.

Über den Autor
Xavier Zuber
Dramaturg, Operndirektor und Autor

Xavier Zuber ist ein Schweizer Dramaturg. Nach Stationen an verschiedenen Theatern war er von 2006 bis 2011 Leitender Dramaturg an der Staatsoper Stuttgart. 1996 bis 2005 hatte er einen Lehrbeauftrag an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe Er gründete die Reihe „zeitoper“ und war zuletzt Opern- und Konzertdirektor in Bern. 

Kulturreport Fortschritt Europa

Der Kultur kommt im europäischen Einigungsprozess eine strategische Rolle zu. Wie steht es um die Kulturbeziehungen innerhalb Europas? Wie kann Kulturpolitik zu einer europäischen Identität beitragen? Im Kulturreport Fortschritt Europa suchen internationale Autor:innen Antworten auf diese Fragen. Seit 2021 erscheint der Kulturreport ausschließlich online.