Vorweg möge der Leser mir verzeihen, wenn ich hier von meinem eigenen Buch spreche. Es klingt nach Eigenwerbung. Vor allem, weil es sich um mein jüngstes Buch handelt. Ohne selbst Reklame kommt niemand aus. In diesem Fall aber geht es mir darum, dass ich mich, gefragt nach der Rolle, die die vielsprachige Literatur Europas für das gegenseitige Verständnis und den Fortschritt Europas spielt, auf etwas beschränken muss, bei dem ich mich auskenne. Sich bei etwas auskennen zu wollen, ist immer risikoreich. Bei den eigenen Büchern kann ein Schriftsteller das aber immerhin mit einigermaßen gutem Gewissen behaupten.
Mein drittes Buch wurde in albanischen Zeitungen besprochen, bevor man in Österreich richtig gemerkt hatte, dass es erschienen war. Wie kann das sein? Der Roman ist auf Deutsch geschrieben, in einem österreichischen Verlag publiziert. Gelesen hatten die albanischen Rezensenten ihn offensichtlich nicht; die Quintessenz der Handlung zwar gut nacherfunden, sogar die Hauptfigur umgetauft. Er heißt Galip. Sie nennen ihn Dalip. und loben das Buch. Das unbekannte Buch. Und warum? Warum das Interesse für ein Buch, das in Albanien kaum einer lesen kann? Nicht einmal die Journalisten, die darüber schreiben?
„Solche Geschichten, in denen Albaner zu Hauptfiguren in den Büchern europäischer Schriftsteller werden, sind jetzt eine unübersehbare Realität, die auch uns animieren darf, ... aber vor allem bringt sie uns dazu, uns besser zu fühlen, wenigstens wie Kollegen!“, hieß es in einem Artikel von Aleko Likaj.
Warum das Interesse für ein Buch, das in Albanien kaum einer lesen kann? Nicht einmal die Journalisten, die darüber schreiben?
Wenigstens wie Kollegen! Dass die schiere Anwesenheit meines Romanhelden jemanden dazu bringen könnte, sich besser zu fühlen – damit hatte ich nicht gerechnet. Für mich als Autorin der Geschichte ist das so erfreulich wie bedenklich. Haben sie sich schon einmal gefreut, weil der Held eines Romans Deutscher war, Engländer, Franzose, Italiener, Österreicher, Portugiese, Schweizer? Waren sie als Deutscher, Engländer, Franzose, Italiener, Österreicher, Portugiese, Schweizer schon einmal stolz darauf, in einem Buch, das sie nicht lesen können, einem erfundenen Landsmann zu begegnen?
Ich muss sagen, ich kann mich nicht erinnern, je besonders stolz oder froh gewesen zu sein, in einem Buch einem Österreicher zu begegnen. Mir fällt keine Gelegenheit der ausgesprochenen Freude über einen österreichischen Romanhelden ein. Ich denke, man freut sich nur über etwas, das einem außergewöhnlich erscheint. Über das Normale freut man sich nicht. Man sollte sich vielleicht freuen; es sich beibringen. Was mir normal vorkommt, ist für den anderen das Exzeptionelle.
Wenigstens wie Kollegen ... Die erste der Serie von Fragen, die der Bitte, diesen Essay zu schreiben, vorangestellt waren, lautete folgendermaßen: Welche Rolle kann die Literatur für den Austausch in Europa spielen?
Die Antwort kann einfach sein, in einen Satz gefasst: Literatur ist eine Möglichkeit, die vielschichtige Normalität anderssprachiger Bewohner anderer geografischer Regionen zu erleben. Es gibt auch andere Möglichkeiten, z. B. Film oder Fernsehen. Ein Gemälde. eine Reise in die Region. Was diese Möglichkeiten aber nicht haben, was der Literatur eigen ist, sind die Leerstellen. Die Plätze zwischen den Wörtern, die dem Leser erlauben, sich diese andere Realität in allerprivatester Form einzuverleiben und wahrhaftig anzueignen. Wer liest, hat das Privileg, in den Kopf eines anderen zu steigen. Man macht es sich zwischen den Gedanken des Verfassers gemütlich.
Haben sie sich schon einmal gefreut, weil der Held eines Romans Deutscher war, Engländer, Franzose, Italiener, Österreicher, Portugiese, Schweizer?“
Wer Bücher isst, isst sich selber, Stück für Stück, heißt es bei der albanischen Lyrikerin Luljeta Lleshanaku in einem „Gelbe Bücher“ betitelten Gedicht, in dem es um die Wichtigkeit der einst verbotenen Bücher geht. Bücher, die versteckt wurden und heimlich gelesen oder nur versteckt, weil der Besitz allein schon etwas Besonderes war, Bücher, von denen der Dichterin als Leserin kaum mehr in Erinnerung geblieben ist als der Vorgang des Versteckens. Trotzdem bleibt das Buch – als Momentaufnahme – eine der einzigen Wahrheiten.
Selbst ungelesen wahr und wichtig, Zeuge einer anderen Realität, außerhalb des kommunistischen Regimes; einer Alternativwirklichkeit, die alle Bücher zuließ. Das ungelesene Buch ist Hoffnungsträger, nistet sich schier durch seine Anwesenheit in den Köpfen möglicher Leser ein.
Für die Ewigkeit gebunden
Jetzt hält Luljeta mein Buch in der Hand, lobt seine Machart. Das Papier. Den Einband. Meine Bücher nehmen sich aus wie für die Ewigkeit gebunden; eine winzige Ewigkeit mindestens. Albanischen Büchern, die oft nach zehnmal Durchblättern zu zerfallen beginnen, sieht man die Vorläufigkeit an, sie verkörpern sie und sind so vielleicht ehrlicher als die unseren mit dem festen Einband. „Sie irrt sich wie ein Kind, sie spricht schön./ Sie atmet leicht, wie eine Eidechse auf den sonnenwarmen Ziegeln./ Wie ein Grashalm,/ wie ein offener Hemdknopf“ schreibt Lleshanaku in einem anderen Gedicht. Sie will mein Buch haben, lobt mein Buch. Obwohl sie es nicht lesen kann. Vor allem bringt sie uns dazu, uns besser zu fühlen.
Im Roman „Gott rückwärts und seine Geliebte“ des albanischen Schriftstellers Visar Zhiti ist der Freund der Hauptfigur Österreicher, genauer gesagt Wiener, und Fotograf. Habe ich mich deshalb besser gefühlt? Hat es mich überrascht, einen Wiener im Roman eines Autors vorzufinden, der in seinem Leben bisher nur ein einziges Mal in Wien gewesen ist? Nicht im Geringsten. es hat mich nicht überrascht. Ich habe es normal gefunden. Wiener sind selbstverständliche Helden und Hauptfiguren.
Albaner – und ich nehme sie als Beispiel, weil ich sie kenne, während es natürlich unüberschaubar viele potenzielle Hauptfiguren gibt, die ich nicht kenne – sind abwesend. Als würde es sie nicht geben. Die Literatur ist doch oft ein ganz guter Spiegel für die realen politischen Verhältnisse. Mittlerweile ist Albanien fast vollständig von Euroland umgeben. Sogar im angrenzenden Montenegro kommen Euroscheine aus dem Bankomaten. Bloß in Tirana nicht. In Tirana kommen – ja, wer weiß eigentlich, wie die Papiere heißen, die aus einem Bankomaten in Tirana kommen? Lekë heißen sie. Albanien hat sein eigenes Geld. Und keiner weiß, was es damit bezahlt.
Klar ist es meist leichter, über sich selbst zu schreiben als über andere. leichter, sich in sich selbst hineinzuversetzen (wenn man nicht schon drin ist) als in einen anderen. 1988 schrieb der österreichische – und diese Bezeichnung ist bei ihm tatsächlich rein auf den Geburtsort und die Muttersprache bezogen, denn über welchen Landstrich, welche kaum bekannte Bevölkerungsgruppe Europas hätte er nicht geschrieben – Schriftsteller Karl-Markus Gauß in seinem Band „Tinte ist bitter“: Neben dem klassischen westeuropäischen, museal-grandiosen, historisch-pathetischen Europa lebt noch ein zweites, das bescheidene, in die Ecke gedrängte, seit Jahrhunderten immer wieder unterworfene, periphere Europa der östlichen und südöstlichen europäischen Völker.
Er hat sich als Prophet erwiesen. Einundzwanzig Jahre später klingt der Satz wie neu. Weiter heißt es dort, „... denen es bestimmt ist, nicht innerhalb europäischer Mauern zu leben, sondern antemural, eine Art Glacis bildend gegen die osmanische und mongolische Gefahr und gegen alle anderen Bedrohungen militärischer und politischer Art“. „Bestimmt“ ist es ihnen nicht von einer Art höherer Gewalt, gleichsam wie von Gottes Gnaden. Man könnte sagen, es hat sich so ergeben. Man könnte auch sagen: die reicheren Länder Europas haben es beschlossen.
Visar Zhitis Held landet am Ende seiner Reise nach Europa, die er allerdings in einer Art Rückwärtsgang durchläuft, in Wien. Zur Jahrtausendwende. und was macht er im Wien der Jahrtausendwende? Er bringt sich um. Dass er seinen Helden in Wien sterben ließ, um der Stadt, die er liebt, eine Ehre zu erweisen, hat mir der Autor später erklärt.
Der Held meines Romans bringt sich nicht um. Quietschlebendig kehrt er nach Albanien zurück, nachdem er sich eine Weile in Österreich aufgehalten hat, das ihm zu Beginn der Neunzigerjahre golden und strahlend erschien, eine Art Schlaraffenland, das sich aber doch nur als riesenhafte Würstelbude erwies, die er, nachdem ihm die österreichische Staatsbürgerschaft verliehen wurde, auch noch bewachen muss; vor Gefahren, die scheint’s von außen kommen (siehe Gauß’ prophetische Worte oben), und zwar genau an der Grenze, über die er dazumal illegal eingereist ist.
Mittlerweile ist Albanien fast vollständig von Euroland umgeben. Sogar im angrenzenden Montenegro kommen Euroscheine aus dem Bankomaten.
Anstatt sich in Wien umzubringen, geht er zurück nach Tirana. Das ist etwas, das mir jetzt erst auffällt. Diese Gegenläufigkeit zwischen den zwei Romanen, meinem „Tränenlachen“ und Zhitis „Gott rückwärts und seine Geliebte“. In beiden Büchern geht es grundsätzlich um einen Weg ins EU-Europa und um die Liebe. In dem einen führt die Reise nach Wien und in die Donau, einen feuchten Tod, im anderen letztendlich zurück nach Tirana.
Eine zweite Frage, die dieser Essay beantworten soll, kann ich also guten Gewissens beantworten. sollten wir uns mehr für die Schriftsteller unserer Nachbarn interessieren, um mehr über sie zu lernen? Ja.
Was zeichnet die „europäische Kultur“ aus? Kann sie zu dem immer noch vermissten europäischen Gemeinschaftsgefühl beitragen? Weitere Fragen.
Die erste ist für mich einigermaßen seltsam. Denn ich vermisse einerseits kein Gemeinschaftsgefühl. Im Gegenteil, wer jemals in Kalifornien gewesen und dort mit dem Auto ins Death Valley gefahren ist – dem heißesten Ort der Erde; wer dort in den fünf Minuten, während derer man ausgestiegen ist, um ein Foto zu machen, während derer man die Haut verdampfen fühlt und einen anderen mit ebenfalls verdampfender Haut bittet, ein Foto zu machen, wenn der sich als Europäer herausstellt, – der weiß, dass es ein Gemeinschaftsgefühl gibt. Jedoch, etwas zu spüren ist das eine. Zu definieren, was dieses Gemeinsame nun sei, das andere.
Nochmals Karl-Markus Gauß zitierend, wenn auch in leicht veränderter Form, nämlich, indem ich das Wort Mitteleuropa durch Europa ersetzen würde: „Mitteleuropa ist schließlich nicht, wie es so häufig wie gedankenlos reklamiert wird, ein ,versunkener‘, sondern ein noch weitgehend unentdeckter Kontinent; es ist keine ,verlorene Heimat‘, die man einmal hatte, sondern der Entwurf einer kulturellen Identität, einer vielfältigen Identität ...“
Wir definieren uns gerne über Nationalitäten, und das ist für einen Europäer, wenn man ehrlich ist, noch absurder als für einen Australier oder Amerikaner. Gibt es doch kaum ein europäisches Land, das heute noch dieselben Grenzen hätte wie vor hundert Jahren. Unzählige Leute haben innerhalb der letzten zwanzig Jahre ihre Nationalität verändert, ohne je umgezogen zu sein. Im selben Haus, in derselben Straße wohnend, sind sie auf einmal andere geworden. So ist es dem mazedonischen Dichter Salajdin Salihu gegangen. Aufgewachsen ist er als Jugoslawe. Jetzt lebt er in Mazedonien. Schreiben tut er auf Albanisch. Ja, das Albanische ist eine der Sprachen, die man in Mazedonien spricht.
Die Sache ist simpel, sagte Abel. Der Staat, in dem er geboren worden sei und den er vor fast zehn Jahren verlassen habe, sei in der Zwischenzeit in drei bis fünf neue Staaten gespalten worden. Und keiner dieser drei bis fünf sei der Meinung, jemandem wie ihm eine Staatsbürgerschaft schuldig zu sein. Eine weitere europäische Hauptfigur. Namens Abel und erfunden von der ungarischen Autorin Terézia Mora; sie schreibt auf Deutsch. ihr Erstlingsroman hieß „Alle Tage“. Übrigens auch, und bestimmt nicht zufällig, der Titel eines Gedichts von Ingeborg Bachmann. „Der Krieg wird nicht mehr erklärt,/ sondern fortgesetzt“, lautet die erste Verszeile darin. „Das Unerhörte/ ist alltäglich geworden.“
Jetzt hat sie behauptet, von Anfang an versprochen, sie würde nur über ihr eigenes Buch schreiben, nur über das, wo sie sich auskennt. und was macht sie? Sie zitiert um und um. Einen nach dem anderen. Da haben sie recht! Es fällt mir selber auf und gefällt mir. Wie sich die stimmen, ganz verschiedene, eine nach der anderen einstellen. Ein Funke der Rebellion, so hat Gauß es genannt, keine Bußkerze des Konservativismus. ich würde hinzufügen: keine Bußkerze des Kommunismus.
Wir definieren uns gerne über Nationalitäten, und das ist für einen Europäer, wenn man ehrlich ist, noch absurder als für einen Australier oder Amerikaner. Gibt es doch kaum ein europäisches Land, das heute noch dieselben Grenzen hätte wie vor hundert Jahren.
Vor kurzem war ich in Berlin. Dort gibt es den „Hamburger Bahnhof“, der ein Museum der Gegenwart beherbergt. Museum der Gegenwart, ein Widerspruch in sich? Dort lief eine Ausstellung mit dem Titel „The Murder of Crows“; eine enorme Halle mit Holzfußboden, rote Klappsessel, auf denen schwarze Lautsprecher sitzen.
Im Museumsshop habe ich eine Ansichtskarte entdeckt, ein Gruppenfoto diverser Männer, Künstler nehme ich an – ich habe sie nicht gekauft, also fehlt sie mir jetzt, um mich zu vergewissern, ob ich mich richtig erinnere. Sie posieren vor dem Museum, und darunter steht ein Satz, der ungefähr so lautet: ich bin froh, dass heute nichts geschieht, außer dass ich aufstehe, frühstücke und später wieder ins Bett gehe.
Das Museum befindet sich in unmittelbarer Nähe einer Brücke, die zwischen 1961 und 1989 einen Grenzübergang zwischen Ost- und Westberlin darstellte. Gesagt hat diesen Satz wohl jemand, für den das „Normale“, die Tatsache, dass nichts geschieht, ganz und gar außergewöhnlich ist. Weil er diesen Alltag ständig bedroht weiß, jederzeit damit rechnet, ihn zu verlieren; in einem Moment, wie man einen Schlüssel umdreht, alles Bequeme sich ins Extreme verkehren könnte.
Über die Hälfte aller momentan publizierten Übersetzungen in andere europäische Sprachen stammen aus dem Englischen. Übersetzungen etwa aus dem Albanischen ins Litauische gibt es kaum. Das könnte und wird sich ändern. Bis dahin ist das ungelesene Buch vielleicht doch das europäische Gemeinschaftsgefühl. Das Buch, von dem man weiß, es gibt es, muss es geben, es ist ja ganz nah, kaum ein paar hundert Kilometer weit. Man schlägt es auf, bewundert den Druck, die Zeichen, die einem, obwohl man sie einzeln sogar kennt – der Großteil Europas (auch Albanien!) schreibt mit lateinischen Buchstaben – exotisch vor Augen treten. Europa ist das Bewusstsein der Menge der ungelesenen Bücher. Zu wissen, dass irgendwo der eigene Landsmann ein anderssprachiger Romanheld ist, ist unsere Gemeinsamkeit. und besser als Salajdin Salihu könnte ich das Schlusswort nicht formulieren:
„Dichter kommen zu spät. ihre Heimat ist das Morgen. ... Üblicherweise sind sie in Eile, die hochmütigen roten Kardinalvögel, wirken wie Kinder und vergnügen sich mit Spielzeug, das sie sich selber ausgedacht haben. ... Dichter kommen zu spät ... und wissen nie, ob sie angekommen sind.“
Alle Übersetzungen der Textausschnitte aus dem Albanischen stammen von der Autorin.