Korruption, Drogenhandel, Armut: In Scharen fliehen die Menschen aus dem Kosovo. Unser Autor machte sich vor zehn Jahren zu einer Reise ins 20. Jahrhundert auf, über die Schlachtfelder Westeuropas zu den Orten des Grauens in Ex-Jugoslawien. Was er berichtet, ist auch heute noch relevant.
Erlauben Sie mir schon zu Beginn ein wenig beschämt einzugestehen, dass der Titel dieser Abhandlung nicht der Originellste ist. Genauer gesagt: Er spielt auf zwei Buchtitel zweier Autoren an, die die meisten von Ihnen sicherlich gelesen oder von denen die meisten doch zumindest gehört haben. Zunächst geht es um Raymond Carver, den amerikanischen Erzähler, der in seinem Buch „Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden“ in ganz einfacher Sprache Eheleben, Viertel, Familie, Sterbebett, Konditorei, Kathedrale, Autobus, Casino, Zug, Exil, Heimat und an was sonst nicht allen Orten die menschlichen Dramen des vergangenen Jahrhunderts aufgreift.
Die zweite Anspielung betrifft seinen Freund und Übersetzer aus dem Amerikanischen ins Japanische, der heute einer der meistgelesenen Autoren ist, Haruki Murakami, und sein Buch mit dem Titel „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“.
Gestützt auf diese beiden Bücher dieser beiden Autoren habe ich spontan diesen Essay ebenso betitelt, wie ich es getan habe. Ich gebe zu – erneut ein wenig beschämt – so verfahren zu sein, ohne die geringste Idee gehabt zu haben, was genau ich Ihnen hier erzählen werde. Über mich selbst und dadurch auch über uns. Weil, wie uns der Portugiese Fernando Pessoa lehrt, jeder von uns nicht nur einer ist. Innerhalb von uns gibt es mehrere Ichs. Nicht unbedingt die besten. Oder umgekehrt.
Ohne jegliche Moralpredigt
Bei dem Versuch, auf jegliches Theoretisieren und jegliche Moralpredigt zu verzichten, werde ich mich bemühen, das zu tun, was vielleicht das Einzige ist, was zu leisten ich fähig bin: erzählen. Und ich werde mir dabei stets bewusst sein, dass ich daran scheitern werde. Sie wissen es selbst: Das Ganze hängt davon ab, in welchem Umfang man scheitert. Je mehr, desto besser. Je weniger, desto schlimmer.
Würde ich einige Lesungen aus meinem letzten Roman, die ich im vergangenen Jahr in Deutschland, Österreich und der Schweiz abgehalten habe, beiseitelassen, so wäre dies heute das erste Mal nach einem vollen Jahr, dass ich mit einem Text an die Öffentlichkeit trete. Und das gilt sowohl für die deutsche Sprache – meine zweite, als auch für das Albanische – meine erste Sprache, meine Muttersprache. Dies bedeutet aber nicht, dass ich nicht geschrieben hätte. Im Gegenteil.
Ein Künstler, und insbesondere Schriftsteller zu sein, muss ein eigenartiger Irrsinn sein. Vor allem in der Zeit, die wir heute erleben.
Gänzlich zurückgezogen vom öffentlichen Leben, sei es in Deutschland, sei es im Kosovo, in Albanien und dem Balkan überhaupt – ohne zu wissen, wohin ich gehen werde und was ich an diesem noch unbestimmten Ort überhaupt wollen sollte – und auf alle Gefahren hin, die mit der für einen Vater und Ehemann selbstverständlichen Verantwortung zu tun haben – habe ich am Schreibtisch sitzend in Stuttgart monatelang damit nicht aufgehört: in jeder möglichen Hinsicht scheiternd.
Ohne ein zufriedenstellendes Ergebnis und dadurch auch mit der Gefahr, die weitere Erfahrung der eben gleichen Lebensweise fortzuführen. Was ich damit sagen will: Ein Künstler, und insbesondere Schriftsteller zu sein, muss ein eigenartiger Irrsinn sein. Vor allem in der Zeit, die wir heute erleben und in der wir leben.
Ich weiß, dass viele Kolleginnen und Kollegen bereits das Gleiche gesagt haben. In unterschiedlichen Zeiten und Umständen. Nun aber gilt dies insbesondere für die Zeit, die wir jetzt durchleben.
Zwischen Flucht und Privileg
Vor nicht weniger als einem Jahrzehnt, wie in Jahrhunderten und Jahrhunderten zuvor auch schon, war ein Schaffender zu sein nicht nur ein Fluch, sondern auch ein Privileg. Heute ist jeder von uns ein Künstler und Schriftsteller. Maler und Musiker. Dank der Zeit, die wir durchleben, können Sie am Schreibtisch, von Ihren Smartphones und ihren Laptops aus ein Gedicht, eine Erzählung oder einen Roman schreiben. Sie können fotografieren, designen, singen, malen und schaffen.
Und das dann in ein virtuelles Netz stellen – Facebook, Twitter, YouTube oder sonst wohin, wo neben den Verwandten und Freunden auch Tausende und Abertausende andere sich für dieses oder jene „Werk“ interessieren könnten, das im Rahmen des engen Kreises bleiben kann.
Gelebt wird schnell. Vergessen wird noch schneller. Und die neuen Technologien, trotz allem einbringenden Fortschritts, tragen zugleich auch die Gefahr leichter Kontrollierbarkeit ihrer Nutzer.
Manchmal kann das dennoch unerwarteten Erfolg zeigen, mit dem zuvor niemand gerechnet hätte. Wenn Max Brod nach dem Willen seines Freundes Franz Kafka dessen Manuskripte verbrannt hätte oder wenn die mit Handschriften von Fernando Pessoa gefüllten Kisten nicht einige Jahrzehnte gewartet hätten, wären die beiden Autoren nicht entdeckt und dadurch verewigt worden.
Heute ist die Zeit, die wir durchleben, nicht nur eine neue Etappe der Lebensweise, auch das Unwissen, das Dilemma, was danach kommen wird, ist beängstigend. Gelebt wird schnell. Vergessen wird noch schneller. Und die neuen Technologien, trotz allem einbringenden Fortschritts, tragen zugleich auch die Gefahr leichter Kontrollierbarkeit ihrer Nutzer.
Dazu jedoch später. Weil ich Ihnen jetzt von meiner Erfahrung erzählen möchte, die ich innerhalb eines runden Monats erlebt habe. Am 21. Dezember 2014 nahm ich den Zug und fuhr Richtung Paris und von dort weiter in die Normandie. Sollte mich der Zug ins Licht führen?
Ich verbrachte eine Nacht und einen Tag in dieser Gegend, wo Tausende und Abertausende von Jugendlichen, Eltern, Kindern, Menschen verschiedener Nationen aus Europa und den Vereinigten Staaten einander vor fast 70 Jahren in nur wenigen Monaten auf die grausamste Weise töteten, und dabei den Küstenstreifen eines der schönsten Gebiete Europas in ein Massengrab verwandelten, wo der Mensch nicht umhin kommen kann, nach dem Sinn zu fragen, wo keiner ist, nach der Logik, die keine Logik hat, nach der Ideologie, die keine Ideologie hat, aber auch nach dem Gefühl voller Angst und Bedauern, Entsetzen und Fluch dieser großen Grabstätte.
Eine Kunstinstallation mit 1.475 upgecycelten Riesensoldaten-Silhouetten, die die von den Briten am 6. Juni 1944 getöteten Soldaten symbolisieren, werden in Ver-sur-Mer ausgestellt, um den 80. Jahrestag des D-Day zu feiern, Foto: Artur Widak via NurPhoto/picture alliance
Ohne eine gesunde Erklärung für kollektive Unsinnigkeiten zu finden, ist wohl der Mensch und ist wohl die Menschheit für das erhebliche selbstzerstörerische Potenzial vorherbestimmt, jenseits jeglicher Logik der Ideologie und der Massenmanipulation. Nach all dem fragte ich mich selbst, als ich aus der Normandie Richtung Waterloo nach Belgien fuhr und das Häuschen sah, wo Napoleon noch immer an seinen Sieg glaubte. Welchen Sieg? Jenen, der auch heutzutage noch als eine der größten Niederlagen der Menschheit bezeichnet werden kann? Wo auch heutzutage belgische Bauern noch auf Knochen von vor anderthalb Jahrhunderten getöteten Soldaten stoßen, wenn sie die Grundmauer eines Hauses errichten wollen? Und trotz des Fortschritts der forensischen Wissenschaften ist es schwierig, eine genaue Entzifferung durchzuführen, ob diese Menschen Franzosen, Deutsche, Belgier, Russen, Österreicher oder vielleicht balkanische Söldner waren.
Berührung mit der Vergangenheit
Das gleiche könnte man sagen über das Massaker von Leipzig… von wo ich mit großer Mühe nach Österreich reisen konnte. Meine zweite Heimat Stuttgart umgehend. Ich weiß selbst nicht, warum. Oder ich weiß, warum. Ich wollte schlicht, ohne Virtualität (Internet) und Mobilität (und damit auch durchweg reduzierten Kontakte) die Vergangenheit berühren. Der Pfad meiner Reise führte mich zum Zentralfriedhof in Wien.
Plötzlich las ich den Namen einer prominenten Freundin, die bereits um die achtzig sein müsste und die ich seit einigen Jahren nicht gesehen habe. Als ich ihren Namen las, dachte ich, dass sie gestorben wäre. Aber nein. Die betreffende Dame, eine bekannte Jüdin, hat sich selbst schon leicht verewigt, indem sie ihr eigenes Geburtsdatum eingetragen hatte. Der Tod wird kommen und in dem Augenblick, wenn sie neben ihrem Ehemann liegen wird, wird auch ihr Sterbedatum eingetragen werden von fremder Hand. Diesmal und im Unterscheid zu ihren Eltern, ihren Geschwistern, wird sie friedlich ruhen und nicht wegen einer irrsinnigen Ideologie zu Staub und Asche gemacht.
Eine muslimische Frau trauert neben dem Grab ihres Verwandten in der Gedenkstätte Srebrenica in Bosnien und Herzegowina, Foto: Armin Durgut via AP/picture alliance
Haben Brahms und andere Kollegen, die dort ruhen, mit ihren Tönen all die Dramen vorhergesehen, die die Menschheit im letzten Jahrhundert erwarten haben? Vom Zentralfriedhof über den der Unbekannten, mal mit der Bahn und mal mit dem Bus, mal zu Fuß und mal per Anhalter, sah ich mich selbst in Bosnien und Herzegowina. Zuerst Sarajevo, dort, wo vor 100 Jahren der Erste Weltkrieg begann, der das alte Europa einstürzen ließ. Also in einem der größten Flecken des neuen Europas. Wo vor nur 19 Jahren, ich wiederhole, nur 19 Jahren, mit dem Segen und der Einwilligung der niederländischen, und damit auch der europäischen Blauhelme, innerhalb von 48 Stunden, nicht weniger und nicht mehr als 8000 Kinder, Männer und Greise getötet und niedergemetzelt wurden. Nur weil sie einem Volk angehörten, das schwächer als das andere war. Die von Milošević, Karadžić und Mladić kommandierten Serben massakrierten also unbewaffnete und zivile Muslime und beerdigten sie später zusammen, um die Spuren ihres Verbrechens zu verwischen.
Das Srebrenica des betrübten Jahresendes ähnelte einem Ort, wo der Tod auf dem Grund, am Himmel, an den Bäumen, am Strauchwerk, in Häusern, auf Straßen, auf kleinen Plätzen, über Tälern und Bergen zu spüren ist. Und insbesondere an den finsteren, zutiefst unglücklichen Gesichtern sowohl der Serben als auch der Muslime.
Unverheilte Wunden
Von dort ist Serbien nicht weit und ich konnte so leicht einreisen. Dank der deutschen Staatsbürgerschaft und des deutschen Reisepasses, mit einem Wort, dank des Deutschseins (obwohl mit einem kosovoalbanischen Vor- und Nachnamen) kann man frei reisen, ohne Angst zu haben, dass man angehalten oder misshandelt wird wie ein Feind, der während des letzten Krieges im Kosovo im Jahr 1999 als „Terrorist“ angesehen wurde, der die serbischen Kräfte des Milošević-Regimes bekämpft hat, ein Regime, das ein Jahrzehnt lang für den blutigsten Krieg in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg verantwortlich ist. Ein Krieg, dessen Narben noch nicht verheilt sind.
Insbesondere ist Serbien das Land, in dem ich unbedingt verweilen muss. In Novi Sad und Novi Bečej in der Vojvodina, aber auch in Belgrad und Raška. Ich möchte die Gegend sehen, wo ich auch heute noch nicht weiß, wo genau die Gebeine meines im Zweiten Weltkrieg getöteten Großvaters liegen. Mein Vater und seine beiden Brüder leben inzwischen nicht mehr. Sie hatten es nie geschafft, aufzuklären, ob seine Ermordung während der letzten Offensive der Partisanen gegen die Nazis und ihrer Kollaborateure (unter denen auch mein Großvater zu sein schien) durchgeführt wurde.
Das Srebrenica des betrübten Jahresendes ähnelte einem Ort, wo der Tod auf dem Grund, am Himmel, an den Bäumen, am Strauchwerk, in Häusern, auf Straßen, auf kleinen Plätzen, über Tälern und Bergen zu spüren ist.
Und sie konnten seine Grabstätte nie finden. Ich wollte endlich, nach dem Zweiten Weltkrieg und nach dem letzten Krieg der 90er-Jahre, nunmehr mit einem deutschen Reisepass ausgestattet, die Gegend sehen, wo seine Gebeine höchstwahrscheinlich liegen sollten. Ohne die geringste Hoffnung, etwas in Erfahrung bringen zu können. Und mit der Wiederholung, um das nicht anders zu nennen, dass auch fünfzehn Jahre später, auch heute noch, die Körper von mehr als 1 000 Albanern, Zivilisten aus Kosovo, vermisst werden, die massakriert und nach Serbien transportiert wurden, in Kühlfahrzeugen und Kühlräumen untergebracht wurden, in den Fluss Save gekippt und unterhalb von Straßen eingegraben wurden, die jetzt mit Asphalt bedeckt sind und über die nun Pkws aus Serbien, vom Balkan und aus Europa fahren.
Zuletzt wurden im Dezember des vergangenen Jahres unter einer Straße in einer Stadt im Süden Serbiens, Raška, die Überreste von vielen Albanern gefunden, eine Straße, über die jede Minute ein Fahrzeug mit 60 Stundenkilometern hinweg fährt. Ich kann es mir denken, in diesem Augenblick kann sich jemand fragen: Was bringt diesen Mann dazu, finstere Geschichten zu erzählen und eine Reise quer durch Europa zu machen, deren Strapazen ihn zusehends verlotterten? Von der französischen Normandie über Belgien, Deutschland, Österreich, den Balkan bis hin zu seiner traurigen Geschichte über seinen Großvater und über die Körper von tausenden Vermissten, die auch heutzutage eine große, lebendige und unvorstellbare Sorge bleiben, nicht nur für die Familienangehörigen. Und was hat all das mit Stuttgart zu tun?
Ich sage: Vieles. Während ich versuche, meine schnellen Erinnerungen von dieser langen, bis ins Knochenmark strapaziösen Reise zusammenzubringen, dort unten in einer europäisch eingerichteten Wohnung im zehnten Stock eines neuen Wohnhauses inmitten der Hauptstand des jüngsten europäischen Staates, der Republik Kosovo, tauchen vor mir zwei Sachen auf. Die mehrtägige Reise in alle Ecken dieses Landes und Stuttgart. Die noch unverheilten Wunden aus dem letzten Krieg in Kosovo, wo Tausende und Abertausende unschuldiger Menschen starben, der Einmarsch der NATO-Streitkräfte, an dem zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg die deutsche Bundeswehr sowohl an den militärischen Übergriffen gegen die Truppen von Milošević als auch an dem Einmarsch der Bodentruppen nach dem Aufgeben des Letzteren beteiligt war.
„Nie wieder!“
Auch nach dem „Nie wieder!“ also sind wir Deutsche in einen neuen Krieg gezogen, diesmal als Teil einer neuen Allianz, einer Allianz, die im Zweiten Weltkrieg Gegner des Nazismus war. Und dies nach der Wiedervereinigung Deutschlands, die dann nur neun Jahre später, also im Jahr 1999 durch den Einsatz der damaligen rot-grünen Regierungskoalition die wachsende Verantwortung der Bundesrepublik in jedem Bereich und in jeder Richtung herausstellte. Diese Wiedervereinigung macht heute, zweieinhalb Jahrzehnte später, nicht nur Europa zu Europa, sondern Europa ohne die deutsche Rolle und Macht unvorstellbar. Je erfreulicher, desto beängstigender. Weil sich erneut die einstigen Reminiszenzen gegenüber der deutschen Übermacht auf dem alten Kontinent und darüber hinaus hervorheben.
Soll es Verrückte gegeben haben, die Zeit und Kraft hatten, aus Verzweiflung das Unmögliche zu suchen: den Sinn für das Böse im Menschen und in der Menschheit zu finden.
Das zweite Bild, das mir vor Augen erscheint, ist jenes von einem Deutschland, von einem Stuttgart in den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Soll es Verrückte wie mich gegeben haben, die Zeit und Kraft hatten, aus Verzweiflung das Unmögliche zu suchen: den Sinn für das Böse im Menschen und in der Menschheit zu finden, als unschuldige junge Menschen sterben, weil jemand es ihnen sagt, ihnen befiehlt, sich in Mörder zu verwandeln, damit sie dann auf den endlosen Feldern Europas als Tote liegen bleiben. Über Jahrhunderte hinweg. An all das denke ich und vor mir habe ich eine Aussicht auf die Hauptstadt des kosovarischen Staates, Priština, wo ich die erste Hälfte meines Lebens verbracht habe.
In Wirklichkeit gibt mir mein Leben, das aus zwei beinahe gleichen Hälften besteht, 24 Jahre in Kosovo und beinahe 20 Jahre in Deutschland, das sowohl zeitliche als auch physische Recht, mich als eine zweigeteilte Person zu fühlen. Die eine Hälfte gehört dem einen Land, die andere Hälfte dem anderen. Doppeltes Gewicht, das belastet, soweit das eine auf das andere übertritt. In Deutschland und in Europa versuche ich nicht selten auch die Äußerung anzuführen, dass ich nicht nur Kosovo-Albaner sondern auch Balkanese bin. Balkanese im wahrsten Sinne des Wortes, der sich auch als Deutscher fühlt.
Die Zeit, die wir erleben, ist auch nicht dermaßen schwierig, sodass der Mensch sich ein wenig als beides fühlt. Und dies geschieht dank der Erziehung aus dem Land, aus dem ich stamme. Aber auch, und das muss ich zugeben, dank der Traumata der in den 1990er-Jahren erlebten Kriege. Anders gesagt, sobald ich im Kosovo bin, muss ich mich zwanghaft als ein Deutscher fühlen, der dieses halbzerstörte und halbaufgebaute, dieses halbverwundete und halbgeheilte, dieses halbtraumatisierte und halbübertraumatisierte, dieses halbarme und halbüberarme, dieses halbentkolonialisierte und halbkorrupte, dieses halbeuropaperspektivische und halbtürkischreale, dieses halbmuslimische und 20-Prozent-christliche, dieses halb-der-UNO-beigetretene und halbneuanerkennungperspektivische Land nicht sieht.
Dieser Beitrag wurde im Kulturreport EUNIC-Jahrbuch 2014/2015 „Europa: Festung oder Sehnsuchtsort?“ erstmals veröffentlicht und im März 2025 aktualisiert.
Über den Autor
Beqë Cufaj
Autor, Journalist, Botschafter a. D.
Beqë Cufaj ist kosovo-albanischer Schriftsteller und Journalist. An der Universität Pristina studierte er albanische Sprach- und Literaturwissenschaft und war viele Jahre für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) und die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) als Autor tätig. Daneben hat er Romane und Essay-Bücher veröffentlicht. Cufaj war 2018 bis 2021 Botschafter der Republik Kosovo in Deutschland und ist seit 2023 Gastdozent an der Macromedia University of Applied Sciences in Berlin.
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