Arbeiter brechen mit Hammern den Kopf eines Mannes auf

Zwischen Kontrolle und Tabu

Die Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg ist ein kaum aufgearbeitetes Kapitel europäischer Geschichte. Späte Entschädigungen, verdrängte Schuld und fortbestehende Tabus zeigen: Daran zu erinnern, ist gerade heute angebracht, wenn sich der Diskurs über Migration oftmals wieder auf Gesichtspunkte der Nützlichkeit zu verengen droht.

Die Zwangsarbeit, die Deportation von Millionen ausländischer Arbeiter aus den von der Wehrmacht besetzten Gebieten Europas in Produktionsstätten und Dienste inner- und außerhalb des Deutschen Reichs während des Zweiten Weltkrieges, gehört zu jenen Kapiteln der Migrationsgeschichte, die am wenigsten in die kollektive Erinnerung der Deutschen eingeschrieben wurden und später als andere NS-Verbrechen zu einer materiellen Wiedergutmachung geführt haben.

Ausgelöst durch Klagen ehemaliger Zwangsarbeiter in den Vereinigten Staaten gegen deutsche Unternehmen, die sie einst beschäftigt hatten, brachten Steuerzahler und Wirtschaft eher widerstrebend je zur Hälfte rund fünf Milliarden Euro auf, die bis Juni 2007 an gut anderthalb Millionen Zwangsarbeiter oder ihre Erben ausgezahlt wurden.

Warum diese Verspätung und Missachtung? Woher rührt generell die Schwierigkeit, sich der erzwungenen oder auch freiwilligen Einwanderung nach Deutschland zu erinnern, sodass ein Trauerakt Anfang 2012 in Berlin für die Opfer heutigen Neonazi-Terrors gegen Einwanderer den meisten die Tatsache einer über 100 Jahre währenden Migrationsgeschichte fast schockartig vor Augen führte?

Die Zwangsarbeit […] gehört zu jenen Kapiteln der Migrationsgeschichte, die am wenigsten in die kollektive Erinnerung der Deutschen eingeschrieben wurden.

Sicher wird man hier fehlende Quellen und methodische Probleme einer Geschichtsforschung anführen können, die Migration im Übrigen nicht gerade zu einem Karrierethema für Historiker gemacht hat. Aber tiefer zu liegen scheinen mir drei symbolische Dimensionen, die zugleich Eckpfeiler und Nachtseiten der kollektiven Identität Europas darstellen: die industrielle Arbeitsdisziplin, die Angst vor „Nomaden“, also nicht-sesshafter Bevölkerung, und weißer Rassismus.

Das Kapitel Zwangsarbeit

An dieser Stelle kann nicht mehr geschehen, als diese Barrieren zu beleuchten und über ihre Gründe zu reflektieren. Das Kapitel Zwangsarbeit hat besonders viel Berührungsangst und Abwehr hervorgerufen, und das auf beiden Seiten. Der zentrale Grund im postnazistischen Deutschland dürfte der gewesen sein, dass Zwangsarbeit ein öffentliches Verbrechen war, das der Staat organisierte und die Volksgemeinschaft bereitwillig unterstützte, weil damit – in einer langen und unseligen Tradition – vermeintlich Arbeitsscheue zur Besserung gebracht wurden. Die „Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (Stiftung-EVZ) arbeitet die Umstände dieser Geschichte mittlerweile auf und macht sie einem breiteren Publikum bekannt.

Weniger geläufig ist das spiegelbildliche Tabu auf der anderen Seite: Ein großer Teil der Zwangsarbeiter stammte aus dem Gebiet der damaligen Sowjetunion, wo nach 1945 Überlebende der Deportation regelmäßig in sogenannten Filtrationslagern landeten; sie wurden (wie sowjetische Kriegsgefangene) als Verräter stigmatisiert und endeten nicht selten im Gulag, einem Eckpfeiler des sowjetkommunistischen Unterdrückungssystems. Dieses System beruhte bereits vor 1941 auf systematischer Zwangsarbeit in den Lagern des „Archipel Gulag“, in die Millionen sogenannte Klassenfeinde und Angehörige missliebiger ethnischer und religiöser Minderheiten deportiert wurden.

Zwangsarbeit war ein Eckstein der forcierten Industrialisierung unter Lenin und Stalin; im und nach dem Zweiten Weltkrieg wurden dann Hunderttausende deutsche Kriegsgefangene und Zivilisten aus den von der Sowjetunion besetzten Gebieten nach Sibirien verschleppt. Ein großer Teil von ihnen kam durch Mangelernährung, Seuchen, Überanstrengung, Kälte und fehlende Hygiene in den Lagern und auf Transporten ums Leben.

Die Existenz der „Besserungsarbeitslager“, die Vorläufer schon im zaristischen Russland hatten, wurde offiziell verheimlicht, sie schwebte über den Bewohnern der Sowjetunion aber wie ein Damoklesschwert, das bei leichtesten Verfehlungen oder auf Grund einer gemeinen Denunziation niedergehen konnte. Eine Debatte wurde erst durch oppositionelle Schriftsteller in der post-stalinschen Tauwetterperiode und vor allem mit dem literarischen Werk Alexander Solschenizyns ausgelöst. Dokumentation, Ahndung und Aufarbeitung des Lagersystems sind bis heute unvollständig geblieben, der Opfermythos des „Großen Vaterländischen Krieges“ lässt selbst Betroffene der stalinistischen Repression an dieser Tabuisierung teilhaben.

Späte Entschädigung

Dass die Entschädigung seitens Deutschlands im großen Stil erst um 2000 begann (als das Gros der Betroffenen verstorben oder bereits sehr alt war) und dass ihnen in Russland weiterhin nicht einmal rhetorisch Gerechtigkeit zuteilgeworden ist, dürfte an der unheilvollen Tradition der „Strafe durch Arbeit“ und am systemübergreifenden Vorherrschen dieses Prinzips in beiden totalitären Systemen zwischen 1930 und 1960 gelegen haben.

Zwangsarbeit rührt aber auch an eine ältere Tiefenschicht der europäischen Arbeitsgesellschaft, die wesentlich mit Disziplin und Kontrolle zu tun hat und durch die Solidaritätsziele der Arbeiterbewegung niemals wirklich aufgebrochen worden ist. Daran zu erinnern ist gerade heute angebracht, wenn sich der Diskurs über Migration oftmals wieder auf Gesichtspunkte der Nützlichkeit (und eben der „unnützen“ Kehrseite) zu verengen droht.

Zwangsarbeit rührt aber auch an eine ältere Tiefenschicht der europäischen Arbeitsgesellschaft, die wesentlich mit Disziplin und Kontrolle zu tun hat.

Die Geschichtsschreibung der Gastarbeiter, die eher aus freien Stücken gekommen waren als die Fremdarbeiter, aber eben auch nicht ganz zwanglos, wird von diesen Tabuisierungen überdeckt und verzerrt. Mit der Globalisierung der Arbeitsmärkte, auf denen Arbeitskraft in bisweilen sklavenähnlicher Weise ausgebeutet wird, und für deren Entstehung drastische Notverhältnisse in den ärmsten Regionen und urbanen Agglomerationen Wesensmerkmale sind, hat die Trennlinie zwischen freiwilliger und erzwungener Arbeit oftmals verwischt.

Betroffen sind von diesem Tabu auch andere Schichten der Migrationsgeschichte: ungeliebte ethnische Minderheiten auf Wanderschaft wie die Roma und Sinti, Asylbewerber und Flüchtlinge, selbst die in der ersten bis vierten Generation sogenannten Arbeitsmigranten.

An wenigen Orten Europas haben Migrationsmuseen die aus verschiedenen Motiven und Herkunftsregionen herrührende, stets zwischen Zwang und Freiwilligkeit changierende Völkerwanderung umfassend dokumentiert und gewürdigt – bis zu dem Punkt, dass man sich Migrationsmuseen heute eigentlich schon sparen kann, da ein Migrationshintergrund in vielen Ballungsgebieten Europas massenhafte Normalität, beziehungsweise eine Kommemoration gar nicht mehr in Spezialmuseen zu verbannen ist. Die genannten „Problemgruppen“ (Problem nicht, weil sie selbst problematisch seien, sondern weil sie der Anerkennung der Mehrheitsgesellschaft Probleme bereiten) lösen ähnliche Abwehrreaktionen aus wie die Zwangsarbeit, weil sie die Wahrnehmung Europas von sich selbst betreffen.

Erstes Fazit: Zwischen der Zwangsarbeit in autoritären Regimen vor 1918 bzw. totalitären Regimen des 20. Jahrhunderts und der freiwilligen Arbeitsmigration bestehen mehr Verknüpfungen und Kontinuitäten, als es sich die öffentliche Meinung der liberalen Einwanderungsgesellschaften gemeinhin eingestehen möchte. Diesen Konnex bewusst zu machen, also die Effekte einer ungerechten Weltgesellschaft auf die deregulierten Arbeitsmärkte im globalen Norden, ist auch deswegen bedeutsam, weil der demografische Wandel dort zu einer noch verstärkten Nachfrage nach qualifizierter wie unqualifizierter Arbeitskraft führen wird.

EU-Bürger zweiter Klasse

Gesichtspunkte der Nützlichkeit und Disziplin werden vor dem Hintergrund verbreiteter xenophobischer und rassistischer Einstellungen und Bewegungen eine große Rolle spielen. Zugleich führt die Transnationalisierung der Arbeitsmärkte vor dem Hintergrund zerrütteter und zerklüfteter Gesellschaften, aber auch ökologischer Probleme und Katastrophen im globalen Süden wahrscheinlich zu einem wachsenden Migrationsdruck. Europa ist auch 1945 nicht frei geblieben von Ethnisierung. Zuletzt haben in vielen Städten und Dörfern Osteuropas Bürgerinitiativen und Verwaltungen Zäune und Mauern gegen sogenannte Zigeunerviertel aufgerichtet. Nur so, meinten sie, konnten sie sich gegen Belästigungen und Diebstähle schützen, die der Volksgruppe der Roma notorisch zugeschrieben werden.

In der Slowakei, in dem diese immerhin zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen, entstehen „Zigeunergettos“; zwanzig Jahre nach Öffnung des Eisernen Vorhangs wurden neue Mauern gezogen, das heißt: in der Mitte Europas gegen ein europäisches Volk. Ähnliches geschah und geschieht in Tschechien, Rumänien, Bulgarien und Ungarn, wo die Roma systematischer Diskriminierung und Verelendung ausgesetzt sind. Für die Roma war das Ende der sozialistischen Ökonomie insofern ein Unglück, als sie überwiegend in der staatlich regulierten Landwirtschaft tätig waren, mit deren Privatisierung arbeitslos wurden und vom Land in die „Zigeunerviertel“ (mahala) kleinerer und größerer Städte abwanderten.

Auch im Westen Europas, wo die meisten Roma und Sinti seit Jahrhunderten sesshaft sind, sind „Zigeuner“ ein Stein des Anstoßes geblieben. Immer wieder kommt es zu Konflikten mit Anrainern und der Polizei, werden wilde oder auch genehmigte Lager kontrolliert und geräumt. Eskaliert ist die Lage vor allem in Italien und Frankreich, wo die Regierung im Sommer 2010 „Zigeunerlager“ gezielt auflösen ließ und dafür einen schweren Konflikt mit der EU-Kommission riskierte. Es gibt nur wenige Staaten der EU, in denen Roma und Sinti ebenso unauffällig wie unbehelligt leben können, auch wenn sie EU-Bürger und als solche schwer auszuweisen sind, wie der französische Fall zeigt.

Ihre periphere Rolle nehmen sie weniger herkunftsbezogen ein als ob ihres marginalen Status inmitten der europäischen Gesellschaft, deren spezielle Mobilität sie eigentlich perfekt verkörpern. Das verweist zurück auf die uralte Spaltung zwischen Bauern (im Romanes: Gadscho, gleich „Nicht-Romani“) und Nomaden. In Agrargesellschaften waren nomadische und halbnomadische Gemeinschaften häufig gefürchtet, „fahrend Volk“ passte nicht in kollektive Identitätsmuster, die mit ethnischer Verwurzelung und Bindung an Grund und Boden verbunden waren.

Dieses Wahrnehmungsmuster, so ist zu vermuten, hat sich in postagrarische Gesellschaften tradiert, obwohl (oder weil?) diese ihrerseits neue nomadische, nun auch transnationale Existenzen hergebracht haben, nämlich Transitarbeitnehmer in den ganz schlecht und ganz hoch bezahlten Segmenten des Arbeitsmarktes. Auch, dass sich Roma und Sinti in patriarchalen Familienclans organisieren, dass sie in „Kumpaneien“ wirtschaften und bestimmten Reinhaltungsritualen folgen, wird häufig mit Unverständnis und Intoleranz bedacht. In der „Zigeunerfolklore“ gelten Roma und Sinti als exotisch und anomisch, als schwer anpassungsfähig und tendenziell gefährlich, selbst in der freundlicheren Sicht auf Virtuosen der „Zigeunermusik“, Flamencotänze und „Zigeunerwallfahrten“ (wie jährlich in Saintes-Maries-de-la-Mer in der Camargue) bleiben Ausnahmestellung und Geringschätzung bestehen.

Es gibt nur wenige Staaten der EU, in denen Roma und Sinti ebenso unauffällig wie unbehelligt leben können, auch wenn sie EU-Bürger und als solche schwer auszuweisen sind.

Ähnlich wie bei den jüdischen Minderheiten in Europa wurden Mobilitätsbeschränkungen beziehungsweise Migrationszwänge, die durch Obrigkeiten und Mehrheiten auferlegt waren, aggressiv gegen die Leidtragenden selbst gerichtet, ungeachtet der seit Jahrzehnten belegbaren Tatsache, dass Roma in ihrer überwältigenden Mehrheit sesshaft sind und der Anteil der effektiv „reisenden Roma“ stetig zurückgegangen ist.

Auch wenn das Gros der Roma und Sinti die Staatsangehörigkeit des jeweiligen Landes beziehungsweise legale Aufenthaltsdokumente besitzt, ist der vereinzelte Status der Staatenlosigkeit metaphorisch zu nehmen. Die Roma und Sinti sind die Paria Gruppe und Rechtlosen der europäischen Gesellschaft, die in Reputationsskalen ganz weit hinten rangieren. Es stünde der Europäischen Union gut an, wenn sie die vereinzelten Bemühungen, eine nachhaltige Inklusion und Integration im Respekt der kulturellen Besonderheiten zu garantieren, intensivieren würde. Dies dient nicht nur zum Schutz der betroffenen Minderheiten, sondern auch der Erhaltung von Freizügigkeit im Schengen-Raum, die unter dem vermeintlichen Migrationsdruck, zur Bekämpfung von Terrorismus und im Blick auf rechtspopulistische Parteien zunehmend in Frage gestellt wird.

Illegale als Störenfriede

Das führt zu einer letzten Tabu-Gruppe, den sogenannten Illegalen, womit pauschal solche Einwanderer bezeichnet werden, die gegen Gesetze ihres Ziellandes verstoßen, sei es durch das Fehlen oder die Fälschung oder das Auslaufen gültiger Aufenthaltsdokumente. Zum Straftatbestand des Verstoßes gegen die Aufenthaltsgesetze kommen oftmals Schwarzarbeit und Steuerhinterziehung.

Ungeachtet dessen kann man in den meisten reichen Industrieländern beobachten, dass nicht-registrierte Personen ohne Aufenthaltsstatus und Arbeitsgenehmigung von Arbeitsgebern herangezogen und beschäftigt werden, oftmals in einem an Sklaverei grenzenden Kontext. In besonderem Maße gilt dies für Prostituierte. Naturgemäß ist die genaue Zahl dieser Personen auf dem Gebiet der Europäischen Union unbekannt, doch nach realistischen Schätzungen halten sich Millionen nichtdokumentierter bzw. registrierter Personen dieser Art in Europa auf. Die Gründe für ihre Migration sind Armut, Arbeitssuche, Bürgerkriege, politische Verfolgung und ökologische Faktoren, darunter wohl verstärkt die Auswirkungen des Klimawandels in Küstenregionen und Trockengebieten.

Die Roma und Sinti sind die Paria Gruppe und Rechtlosen der europäischen Gesellschaft, die in Reputationsskalen ganz weit hinten rangieren.

Da die Europäische Union (genau wie die USA) hohe Mauern der Kontrolle und Abwehr gegen illegale Grenzübertritte aufgerichtet hat, sind Flüchtlinge auf professionelle Hilfe, also auf Schleuser und Menschenhändler angewiesen. Mit dieser Gruppe schließt sich der Kreis zur europäischen Kolonialgeschichte. Denn ein guter Teil der „Illegalen“ bzw. nicht-registrierten oder „irregulären“ Einwanderer entstammt Subsaharaafrika und anderen exkolonialen Regionen des Südens; sie entfliehen unter oftmals katastrophalen Begleitumständen ökonomischem Elend, Bürgerkriegswirren, politischer Tyrannei und nicht zuletzt einer grassierenden Umwelt- und Klimakrise. Embleme dieser Flucht, die oft über Tausende von Kilometern zu Fuß, auf überladenen Lkws, in unbelüfteten Containern und auf untauglichen Booten an die europäischen Enklaven in Afrika und die Strände Europas führt, sind weder „Gastarbeiter“ noch die „Kopftuchmädchen“ des deutschen Rechtspopulisten Thilo Sarrazin. Es sind vielmehr die Gestrandeten, die von den Küstenwachen aufgesammelt, in Internierungslager verbracht und nach Möglichkeit in die Heimatländer zurückexpediert werden.

Das Mittelmeer ist in den vergangenen Jahrzehnten zu einem Massengrab für Bootsflüchtlinge geworden. Dazu haben europäische Regierungen über Jahrzehnte hinweg einen schändlichen Deal mit arabischen Potentaten und Kleptokraten aufrechterhalten, die 2011 von der Demokratiebewegung hinweggefegt worden sind, ohne dass die Mittelmeerpolitik der EU daraus Konsequenzen einer Lockerung gezogen hätte. Europa hat gegen diesen „Wanderungsdruck“ versucht, Dämme aufzurichten und sich zur Festung auszubauen. Aber gerade solche Metaphern und Bilder befestigen die populistische Rede von der Immigrantenflut, die eine humanitäre Katastrophe kaschieren soll.

Der Löwenanteil der globalen Flüchtlings- und Migrationsbewegungen geht dabei an Europa vorbei, die meisten Flüchtlinge verbleiben in den ärmsten Regionen des Südens. Nach seriösen Schätzungen sind maximal 1,5 Prozent der europäischen Bevölkerung „Illegale“, die meisten davon haben nicht die Odyssee der „Boat People“ hinter sich, sondern es mit Hilfe von Schleppern und gefälschten Papieren als Touristen nach Europa geschafft, wo sie weiterhin als Arbeitskräfte hochwillkommen sind und schamlos ausgebeutet werden.

Staaten und Staatengemeinschaften wie die Europäische Union haben gewiss das Recht, Wanderungsbewegungen an ihren Grenzen zu registrieren und zu kontrollieren. Dieses Bemühen bricht sich aber an den Gegebenheiten des sozioökonomischen Gefälles zwischen reicher OECD-Welt und „dem Rest“ und verträgt sich schlecht mit einer Transnationalisierung, die auf der einen Seite Freizügigkeit für Waren und Kapital und eine den globalen Wirtschafts- und Finanztransaktionen bzw. Touristenströmen dienende Beweglichkeit postuliert, aber die Schotten dicht macht vor den Kehrseiten dieser Globalisierung.

Der Löwenanteil der globalen Flüchtlings- und Migrationsbewegungen geht dabei an Europa vorbei, die meisten Flüchtlinge verbleiben in den ärmsten Regionen des Südens.

Die Steuerungs- und Kontrollmöglichkeiten der damit nur noch semisouveränen Staaten sind geschrumpft, und in den reichen Gesellschaften stoßen sich soziale und politische Bewegungen zunehmend gegen den moralischen Skandal eines strikten Grenzregimes, das xenophobe Strömungen mit umso drastischer werdender Rhetorik fordern. Genau deswegen haben wir es hier mit einer dritten Tabugruppe zu tun, die auf geradezu perfekte Weise eine Transnationalisierung (und Diaspora) symbolisiert, der die Sicherheit und den Wohlstand verbürgenden Container der Nation sprengt und die Risiken ungeschützter Existenz vor Augen führt.

Im Licht dieser hier nur ganz grob skizzierten Wanderungsdimensionen wird die Migration von einem scheinbar peripheren zu einem ganz zentralen Gebiet im europäischen Erinnerungsraum. Die reichen Länder gieren aus ökonomischen Gründen nach (hoch-) qualifizierter Arbeitskraft aus dem globalen Süden, zugleich schotten sie sich auf sicherheitspolitischen Erwägungen und aus kultureller Überfremdungsangst ab. Dieser eklatante Widerspruch belastet jede Aufarbeitung und Würdigung der europäischen Migrationsgeschichte.

Hypothetisch hatte ich eingangs drei symbolische Dimensionen benannt, die dafür verantwortlich sein könnten und die zugleich Eckpfeiler und Nachtseiten der kollektiven Identität Europas darstellen: die industrielle Arbeitsdisziplin, die Angst vor nicht-sesshafter Bevölkerung und weißen Rassismus. Nicht nur aus akademischen Gründen wird es Zeit, diese Barrieren durch eine rationale und zugleich generöse Einwanderungspolitik aufzuheben.

Über den Autor
Portrait von Claus Leggewie
Claus Leggewie
Politikwissenschaftler

Claus Leggewie ist Politikwissenschaftler und seit 2015 Inhaber der Ludwig-Börne-Professur an der Universität Gießen. Außerdem leitet er dort das „Panel on Planetary Thinking“ und beschäftigt sich in seinen Forschungen unter anderem mit der kulturellen Anpassung moderner Gesellschaften an die Auswirkungen von Klimawandel und Artensterben, sowie mit Erinnerungskultur und „democratic backsliding“. Leggewie ist Mitglied im Rat für Migration und Mitherausgeber der „Blätter für deutsche und internationale Politik“.

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