Viele ältere Italiener können sich noch an die Auswanderungswellen des frühen zwanzigsten Jahrhunderts erinnern, die ganze Landstriche entvölkerten. Die Italiener wissen, dass die meisten Menschen ihrer Heimat, ihrer Sprache und Kultur kaum aus reiner Abenteuerlust den Rücken kehren. Es sind nackte Zwänge, die sie zur Auswanderung treiben, Krieg und große wirtschaftliche Not. Diese Menschen riskieren ihr Leben, wenn sie sich ins Ungewisse aufmachen. Das gilt auch für die Neuankömmlinge aus Nordafrika. Im Laufe der letzten 150 Jahre haben 18 Millionen Italiener – ein mittelgroßes europäisches Land – ihre Heimat verlassen. Die meisten gingen nach Amerika, fünf Millionen insgesamt, womit ihre Zahl die der irisch stämmigen Amerikaner weit übertrifft.
Im Laufe der letzten 150 Jahre haben 18 Millionen Italiener – ein mittelgroßes europäisches Land.
Beim Besuch des Museums für italienische Emigration in Rom habe ich verstanden, warum es für die Geschichte einer Nation so wichtig ist, Ein- und Auswanderungsbewegungen zu dokumentieren und zu analysieren. Der unauffällige Museumseingang liegt an der Piazza dell'ara Coeli, neben dem Nationaldenkmal für Viktor Emanuel II. Nur selten verirren sich Touristen hierher. Die meisten der Besucher sind Italiener. Sie schlendern durch die Räume, sehen sich das Videoarchiv, die Bücherei und die zahlreichen Exponate an, zerschlissene Koffer und vergilbte Bordkarten, Passagierlisten, Ausweise und Reisepässe, verblichene Fotografien von der alten Heimat und dem neuen, weit entfernten, zweiten Zuhause.
Vielleicht erinnern sich manche Besucher an ihre Vorfahren, vielleicht suchen sie die Passagierlisten nach einem bekannten Namen ab. Briefe, Tagebücher, Sportvereine, Folkloregruppen – all das erzählt von den individuellen Nöten und Hoffnungen der verarmten Bauern, die Süditalien verließen und in eine unbekannte Welt aufbrachen, manche ganz allein, manche keine vierzehn Jahre alt. Den Verzweifelten von heute geht es nicht anders. Was im Museum gezeigt wird, liegt erst wenige Generationen zurück. Immer noch leben Zeitzeugen, die das Drama des Abschieds schildern; sie erzählen von winkenden Eltern und Verwandten am Anleger, die zu einem kleinen Punkt am Horizont zusammenschmelzen.
Als ich im Museum stand, musste ich plötzlich an den Checkpoint Charlie in Berlin denken. Dort kann man sich bis heute ansehen, was die Ostdeutschen alles versuchten, um der DDR zu entfliehen und beispielsweise nach Westberlin zu gelangen, das von einer an die 140 Kilometer langen Mauer umgeben war. Einige dieser Bemühungen muten ganz unglaublich an. Die Leute sind mit einem Ballon geflogen, haben Tunnel gegraben, sich in Kofferräumen versteckt oder sind durch die Ostsee geschwommen.
Am Anfang des Films „Terraferma“ sinkt ein voll beladenes Boot. An der Wasseroberfläche bleiben Briefe, Fotos, Dokumente, Zahnbürsten zurück. Sollte man diese Gegenstände nicht als Symbol der Individualität einsammeln und in einem den nordafrikanischen Flüchtlingen gewidmeten Museum ausstellen? Sollte man nicht die Aussagen der Augenzeugen dokumentieren, die an Bord Todesqualen erlitten, ihren eigenen Urin getrunken, Mitreisende ins Wasser gestoßen haben? Ein solches Museum würde nichts als menschliches Leid ausstellen. Die Flüchtlinge hätten es trotzdem verdient, egal, woher sie kommen.
Koranseiten, Schuhe, Proviantdosen
So freute ich mich sehr, kaum eine Woche später in einer italienischen Zeitung eine kleine Meldung zu entdecken: „Holzstücke, Familienfotos, Koranseiten, Schuhe, Proviantdosen, Musikkassetten... Gegenstände, die aus dem Wasser gefischt oder in den Booten gefunden wurden, die jedes Jahr Tausende von Immigranten übers Mittelmeer tragen, alle zu besichtigen in einem kleinen Raum, keine zehn Quadratmeter groß. Es handelt sich um das Kernstück des Einwanderungsmuseums, das freiwillige Helfer der Organisation Askavusa auf Lampedusa aufbauen.“ Ein einheimischer Künstler, Giacomo Sferlazzo, hat die Initiative gegründet in der Hoffnung, möglichst viele Mitstreiter zu finden.
Im Museum für italienische Emigration stoße ich auf Zahlen. In Italien leben 3.891.295 Einwanderer. Sie machen etwa sechseinhalb Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Caritas Migrantes hat andere Zahlen veröffentlicht: fünf Millionen beziehungsweise sieben Prozent.
Interessanterweise spielt Islamfeindlichkeit kaum eine Rolle, eine These, die viele meiner Bekannten bestätigt haben. Anders als im mittleren und nördlichen Europa wird die Angst vor den Muslimen nicht politisch ausgeschlachtet.
Anders als im mittleren und nördlichen Europa wird die Angst vor den Muslimen nicht politisch ausgeschlachtet.
Trotzdem weisen Journalisten und Aktivisten wie Don Angelo darauf hin, dass andere Pauschalisierungsmechanismen greifen und der Gesetzgeber sowie die Medien immer wieder versuchen, die Immigranten als Gruppe zu kriminalisieren. Von den Behörden werden sie mehr oder weniger wie Verbrecher behandelt, auch wenn sie sich nichts zu Schulden haben kommen lassen. Aus diesem Grund protestieren sie. Und selbst daraus macht man ihnen einen Vorwurf, denn in Europa ist man den Anblick demonstrierender Flüchtlinge immer noch nicht gewohnt. Die Europäer erwarten Dankbarkeit.
In der Politik der Angstmacherei spielt das Fernsehen eine wichtige Rolle. Unter Berufung auf Daten von Demos & Pi gab „La Repubblica“ an, dass beim Sender TG1 Meldungen über Einwanderer 13,9 Prozent der Nachrichtensendungen einnahmen. Im Vergleich: France 2 kommt auf 1,6 und die deutsche ARD auf 0,6 Prozent. Dazu muss gesagt sein, dass Italien in der fraglichen Periode eine sogenannte „Invasion“ zu bewältigen hatte.
Dennoch wirkte sich die intensive Berichterstattung kaum auf die öffentliche Meinung aus. In derselben Studie gaben nur sechs Prozent der befragten Fernsehzuschauer die Immigration als ihr dringlichstes Problem an. 55 Prozent sorgten sich wegen der steigenden Lebenshaltungskosten. „Damit ist das Gefühl der ,bedrohten persönlichen Sicherheit' als politisches und mediales Konstrukt entlarvt. Es schafft und verstärkt die ,Angst vor dem anderen' und macht sich dabei eine generelle Verunsicherung zu Nutze, die ihre Wurzel in wirtschaftlichen Problemen und der Angst vor Arbeitslosigkeit hat“, schreibt der italienische Politikwissenschaftler Ilvo Diamanti.
Zahlreiche humanitäre und bürgerrechtliche Organisationen, darunter auch Fortress Europe, setzen sich für die Rechte der Immigranten ein und bieten konkrete Unterstützung an. Diese Gruppen sind der Überzeugung, dass der Strom der Einwanderer nicht abreißen wird, egal, wie restriktiv und unmoralisch die Gesetzgeber reagieren, egal, wie viele Mauern und andere Hürden sie errichten. Denn in den Heimatländern der Flüchtlinge sieht es immer noch schlimmer aus. Die Einwanderungspolitik sollte sich also von Vernunft statt von Angst leiten lassen; von Letzterer profitieren nur solche Politiker und Parteien, die Unmögliches versprechen. Die Angst vor den Einwanderern ist der Nährboden jener Akteure.
Hausierender Scherenschleifer
In Rom leben die Flüchtlinge hinter dem Bahnhof Termini, in einem Viertel namens Esquilino. Wie sehr es sich von den anderen Stadtteilen unterscheidet, habe ich erst nach einem Spaziergang durch die Via Carlo Alberto zur Piazza Vittorio Emanuele verstanden. Dort bekam ich zu sehen, was ich zuletzt vor vielleicht fünfzig Jahren in Jugoslawien beobachten konnte: einen hausierenden Scherenschleifer. Der dunkelhäutige junge Mann stand über einen Schleifstein gebeugt und schärfte die Messer einer Frau, die rauchend in einem Hauseingang lehnte. Sie unterhielten sich auf Rumänisch.
Meine Freundin Alessandra wohnt in Esquilino. Von dem riesigen Balkon ihrer Dachgeschosswohnung kann man die Menschenmassen auf der Piazza Vittorio Emanuele nicht sehen. Die Ladengeschäfte, die den Platz säumen, verkaufen einfach alles; nicht, dass es hier viele zahlungskräftige Kunden gäbe. Die meisten Besitzer sind Chinesen, aber sobald Alessandra das Haus verlässt, findet sie sich zwischen Menschen aller Kontinente, aller Sprachen und Hautfarben wieder.
Sie hatte ein Pflegekind aus Kamerun, das aber nach einigen Jahren wieder zu seiner Mutter zurückging. Ich entdecke ein Foto von David auf Alessandras Schreibtisch und muss an den Unterschied zwischen Europa und Amerika denken. Wäre der kleine Junge nicht nach Italien, sondern in die USA gekommen, wäre er heute Amerikaner. In Italien wird sowohl ihm als auch seinen künftigen Nachkommen die Einbürgerung verwehrt.
Wäre der kleine Junge nicht nach Italien, sondern in die USA gekommen, wäre er heute Amerikaner. In Italien wird sowohl ihm als auch seinen künftigen Nachkommen die Einbürgerung verwehrt.
Für seine weißen Altersgenossen aus Albanien und Bosnien sieht die Sache anders aus; sie und ihre Kinder können Italiener werden.
Alessandra ist Psychologin und unterstützt ehrenamtlich Gruppen, die Immigranten nach der Ankunft in der neuen Umgebung das Einleben erleichtern wollen. Sie organisieren Sprachunterricht, Schulbesuch und Arbeitssuche. Der Fonds zur sozialen Eingliederung von Einwanderern unterstützt eine ganze Reihe von unterschiedlichen Programmen und Kursen. Alessandra zeigt mir ein Buch und eine DVD mit dem Titel „La meta di me“ (Die Hälfte von mir), die aus der Projektarbeit mit Einwanderern der zweiten Generation hervorgingen.
Außer Frage steht jedoch, dass die nichteuropäischen Einwanderer etwas ganz Eigenes nach Europa mitbringen und wir uns in zunehmendem Maße mit einer Hybridkultur auseinandersetzen müssen, die auch vor europäischen Kulturheiligen nicht Halt machen wird.
Es gibt viele Projekte dieser Art. Die Erfahrung hat gezeigt, dass ein großer Teil der Immigrantenkinder in Italien bleiben möchte und folglich eine Chance bekommen sollte, so schnell wie möglich eingebürgert zu werden. Von der aktuellen Einwanderungspolitik hält Alessandra nichts. Das Gesetz, das Immigranten erlaubte, ihre Familien nachzuholen, wurde abgeschafft. So kommt es, dass die meisten Wirtschafts- und Kriegsflüchtlinge alleinstehende junge Männer sind, die sich mit einer ganzen Reihe von Problemen konfrontiert sehen: Depressionen, Alkoholismus, Drogen, Kriminalität. Sie haben keine Motivation und kein Ziel mehr. Zu überleben ist allein kein Anreiz.
Alessandra stellt einen Vergleich an, den ich schon früher gehört habe: Sie spricht von den Erfahrungen der ersten Italiener in den Vereinigten Staaten. Wenn man den Menschen eine Möglichkeit bietet, sich in die Gesellschaft zu integrieren, ergreifen sie sie für gewöhnlich. Ja, dem amerikanischen Schmelztiegel liegt ein anderes Einwanderungskonzept zu Grunde; aber auch hier in Italien, sagt Alessandra, sollte Einwanderung solidarisch und menschlich gestaltet werden und auf dem Prinzip des beiderseitigen Vorteils beruhen.
Ein Beispiel für diesen „beiderseitigen Vorteil“ ist Elvira Mujcic, die als knapp Dreizehnjährige aus Srebrenica nach Italien fliehen musste. Sie absolvierte Schule und Studium und ist heute eine erfolgreiche Schriftstellerin. Eine italienische Schriftstellerin, denn sie schreibt auf Italienisch. Während wir bei melanzane alla parmigiana in einem kleinen Restaurant in der Via del Boschetto sitzen, unterhalten wir uns über Identität. Für Elvira bedeuten bosnische Herkunft und Schreiben auf Italienisch keinen Widerspruch; tatsächlich spricht sie Italienisch inzwischen besser als ihre Muttersprache, für die sie sich im Laufe unseres Gesprächs immer wieder entschuldigt. Identität ist kein starres Korsett, das man ein für alle Mal angelegt bekommt.
Wir sprechen darüber, dass die eine Identität, die bosnische, eine zweite, italienische nicht ausschließt. Elvira liebt die bosnische Küche und die italienische Sprache. An ihrem Geburtsort möchte sie nicht mehr leben, und das liegt nicht nur daran, dass es in Bosnien keine Arbeit für sie gäbe. Nein, sie hat das Gefühl, nach Italien zu gehören. Hier ist sie zur Schule gegangen, hier lebt und arbeitet sie, hier hat sie sich verliebt.
Als Europäerin fiel ihr die Eingewöhnung vergleichsweise leicht. Für die Anwohner der Piazza Vittorio Emanuele sieht es anders aus, besonders für jene, die von anderen Kontinenten und aus anderen Kulturkreisen kommen. Doch selbst dort werden Erfolgsgeschichten geschrieben. Zum Beispiel gibt es das Orchestra di Piazza Vittorio. Inzwischen ist es recht bekannt, hat drei Alben veröffentlicht, dreihundert Konzerte in aller Welt gegeben und einen Dokumentarfilm inspiriert. Seine Musiker kommen aus Tunesien, Brasilien, Kuba, den USA, Ungarn, Ecuador, Argentinien, dem Senegal, Indien und, natürlich, Italien. Die Besetzung wechselt ständig. Das Orchester wurde 2002 vom Dirigenten Mario Tronco gegründet, der ursprünglich nur die Kampagne zu Rettung des Apollo-Kinos unterstützen wollte.
Identität ist kein starres Korsett, das man ein für alle Mal angelegt bekommt.
Noch interessanter als seine Entstehungsgeschichte ist das Musikspektrum des Orchesters. Einmal habe ich es geschafft, eine Karte zur Premiere der „Zauberflöte“ im Teatro Olimpico zu ergattern. An jenem Abend hatte sich Roms progressive Elite eingefunden, ich habe sogar einige Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens entdeckt. Dieses Ereignis wollte sich niemand entgehen lassen. Ein Zuschauer, der sich weder für Mozart noch für das Orchester interessiert, hätte die Veranstaltung als Mischung aus Oper und Popkonzert erlebt. Die Musiker spielten Klassik, Ethno, Jazz, Pop, Rap, Reggae und Mamba.
Zwischen den Einsätzen der tunesischen Sängerin und den Soli von arabischer Laute, Kora, Djembé, Dumdum und Sabar hörte ich die „Zauberflöte“ heraus, bekannte Arien der Königin der Nacht, des Papageno, Sarastro und Pamino. Die „Oper“ wird in sechs Sprachen aufgeführt: Arabisch, Portugiesisch, Spanisch, Deutsch, Englisch und Wolof. Die Handlung entspricht nicht ganz dem Libretto, und das Ende wartet mit einer Überraschung auf. Natürlich handelt es sich nicht um eine herkömmliche Inszenierung. Schon das Plakat warnt die Zuschauer vor und kündigt eine Interpretation an: „Die Zauberflöte nach dem Orchestra di Piazza Vittorio“.
Jeder bringt seine Kultur mit
Mario Tronco weist darauf hin, dass er keine herkömmliche Aufführung der Oper im Sinn hatte: „Wir haben uns bei der musikalischen Gestaltung große Freiheiten genommen und uns das herausgepickt, was zu unserem Orchester passt. Unsere Inszenierung bezieht andere Kulturen mit ein. Unsere Musiker kommen von weit her, und das meine ich nicht nur im geografischen Sinn. Jeder einzelne bringt seine Kultur mit, seine Sprache...“ Während es bei Mozart darum gehe, wie es „früher einmal war“, möchte das Orchester zeigen, „wie es eines Tages sein wird“.
Und tatsächlich hatte ich an diesem Abend das Gefühl, das Orchester habe eine Tür zu Europas Zukunft aufgestoßen. Wir betrachten Mozarts Kompositionen als wichtigen Teil unseres europäischen Kulturerbes. Viele Zuschauer wünschten sich vielleicht eine werktreue Aufführung der Zauberflöte, was die gelungene Integration der Orchestermitglieder unter Beweis gestellt hätte. In den Ohren einiger mag eine solche Interpretation oder Überarbeitung der Mozart'schen Musik, egal wie kunstfertig und intelligent sie ist, blasphemisch klingen. Außer Frage steht jedoch, dass die nichteuropäischen Einwanderer etwas ganz Eigenes nach Europa mitbringen und wir uns in zunehmendem Maße mit einer Hybridkultur auseinandersetzen müssen, die auch vor Mozart und anderen europäischen Kulturheiligen nicht Halt machen wird.
Die Aufführung zeigte auch, dass Neuankömmlinge aus anderen Kulturräumen sich entgegen aller Erwartungen nicht notwendigerweise der vorherrschenden Kultur anpassen, sondern versuchen, sich Elemente des Vorgefundenen anzueignen – ein Prozess, der im Leben genauso stattfindet wie in der Kunst. Dabei spielt die Statistik eine entscheidende Rolle, denn je mehr Immigranten aus Afrika und Asien ankommen, desto wahrscheinlicher wird es, dass ihr Einfluss nicht auf Essen, Musik, Mode und Gebräuche beschränkt bleibt, sondern sich irgendwann auch auf die Gesetzgebung auswirkt. Dennoch sind heute nur wenige Europäer bereit, freimütig zu sagen: Ja, das stimmt, na und?
Der Diskussion über die Integration und Assimilierung (andere Modelle scheinen undenkbar) von Einwanderern sind Grenzen gesetzt. Sie mag sinnvoll sein, wenn es um innereuropäische Immigration aus Albanien oder Bosnien geht, nicht aber, wenn sie sich mit den Roma befasst, die aus demselben Teil der Welt stammen und doch eine andere Kultur und Geschichte teilen.
Und was ist mit den nichteuropäischen Flüchtlingen, die aus dem Süden über Lampedusa, Sizilien und die spanische Küste kommen, oder mit jenen aus dem Osten, aus Afghanistan, die über die Türkei, Griechenland und Bulgarien einreisen? Immerhin machen sie den größten Teil des Zuwandererstroms aus. Die meisten Europäer, egal ob pro oder contra Einwanderung, sind sich über zivilisatorische Errungenschaften einig, die alle Immigranten respektieren sollten, besonders jene aus anderen Kulturräumen: die Gleichberechtigung der Frau, Achtung der Menschenrechte, Demokratie. Aber was ist mit der Kunst, die von Natur aus grenzüberschreitend ist?
Vielleicht sollten wir uns mit der Frage befassen, wie Mozart, Bach und Beethoven in der Zukunft klingen werden. Und wie liebgewonnene Traditionen sich verändern werden, falls sie es nicht schon längst getan haben. Ein Beispiel ist die Produktion von Muranoglas. Die kleine Insel Murano nordöstlich der Altstadt von Venedig, seit dem späten 13. Jahrhundert für ihre Glasbläserkunst bekannt, gibt heute ein trauriges Bild ab. Die meisten der alten Fabriken sind geschlossen. Die überwiegende Zahl der Schmuckstücke, Figuren, Schüsseln, Lampen, Briefbeschwerer und Flaschenstopper, die heutzutage in Venedigs Souvenirläden verkauft werden, wurde in China hergestellt.
Die meisten der alten Fabriken sind geschlossen. Die überwiegende Zahl der Schmuckstücke, Figuren, Schüsseln, Lampen, Briefbeschwerer und Flaschenstopper, die heutzutage in Venedigs Souvenirläden verkauft werden, wurde in China hergestellt.
Zwar liegt der hübschen Halskette ein Zertifikat bei, das sie als Original aus Muranoglas ausweist; doch mit höchster Wahrscheinlichkeit handelt es sich um Muranoglas Made in China. Der Durchschnittstourist wird den Unterschied nicht bemerken. Genauso wenig wird er sich fragen, wie die winzige Insel, die er am Vortag besucht hat, in der Lage ist, solche Massen von Andenken zu produzieren, oder warum der wunderschöne Glasring und der hübsche Armreif nur ein paar Euro kosten. Und warum alle Artikel identisch aussehen, sprich: aus Massenproduktion stammen. Denn die auf der kleinen Insel Murano hergestellten Objekte sind einzigartig. Daran erkennt man sie. Das zweite Merkmal ist ihre kunstfertige Ausführung.
Ich bekam eine Gelegenheit, einen Blick in die Werkstatt hinter meiner Wohnung in der Calle Fiubera zu werfen. Andrea, der dort arbeitet, zeigte mir alle möglichen Gegenstände, vom Briefbeschwerer bis zum Schmuckstück. Man sagt, es sei nicht einfach, die Originale aus Murano von den chinesischen Kopien zu unterscheiden. Bei der Internetsuche nach Warnhinweisen und Erkennungsmerkmalen stieß ich auf Werbung für Muranoglas aus China. Das ist natürlich Unsinn, steht der Begriff Murano doch nicht für eine bestimmte Technik, sondern für einen Herkunftsort. Andrea zeigte mir zwei Armreifen. Der eine war makellos, der andere erwies sich bei genauerem Hinsehen als krude Nachbildung.
Der Massentourismus hat zu einer Nachfrage geführt, die Murano selbst bei voller Auslastung aller Kapazitäten nicht befriedigen könnte. Aber die Chinesen, sagt Andrea, haben weder einen Sinn für das Original noch moralische Skrupel, wenn es um die Herstellung von Kopien geht. Am meisten ärgerte ich mich, als Andrea mir eine millefiori-Glasperlenkette aus Murano zeigte und ich begriff, dass die Kette, die ich am Vortag gekauft hatte, eine billige Fälschung war.
Die „Gefahr einer Invasion“, wie sie manche Politiker heraufbeschwören, liegt nicht in der Zahl der Immigranten allein (in Italien leben nur 200.000 Chinesen, 2.000 davon in Venedig), sondern auch in ausländischen Investitionen und Aufkäufen von Immobilien und Grundstücken. Das Geld befördert den Wandel schneller und nachhaltiger als alle Einwanderer. Zuerst kamen Chinesen nach Venedig, um kleine Ladengeschäfte zu kaufen und zu Shops für „Muranoglas“ und Lederwaren umzubauen. Dann erwarben sie Bars und Restaurants. Mittlerweile sind sie bei den Palazzi angekommen, die zu Hotels umfunktioniert werden.
Geldwäsche und Korruption
Eines Abends – ich fuhr gerade mit dem Vaporetto Nr. 2 von der Ponte dell'Academia zur Haltestelle San Marco an der Riva degli Schiavoni – fiel mir auf, dass ganze Abschnitte des Canal Grande unbeleuchtet waren. Die Paläste lagen im Dunkeln, als seien sie unbewohnt. Wie mir ein venezianischer Freund erklärte, handelt es sich um die Sommerresidenzen der Reichen; jedoch liegen dazwischen auch Häuser, die der Stadt gehören und die zum Verkauf stehen. Die Veränderung kommt auf vielen Wegen, und sie kommt nicht nur in Gestalt der armen Seelen, die es geschafft haben, Lampedusa oder einen anderen Teil Italiens lebend zu erreichen.
Die Veränderung kommt nicht nur durch Essen, Mode und Musik, sondern auch durch Banken, Investoren und Geld, nicht zuletzt durch Geldwäsche und Korruption. Während die Europäer noch über höhere Zäune nachdenken (wenn man bloß wüsste, wo genau die Grenze verläuft!) und darüber, wie man die Immigranten fernhalten und Europas kulturelle Werte schützen kann, die von der Globalisierung, sprich: Amerikanisierung längst ausgehöhlt sind, investieren die Chinesen nach Lust und Laune. Sie kaufen Palazzi, bauen sie zu Hotels um und schlagen so aus dem europäischen Kulturerbe ihren Profit – manche Venezianer sprechen ganz offen von Geldwäsche. Vom venezianischen Standpunkt aus betrachtet wirkt die Angst vor muslimischen Einwanderern, wie sie in Frankreich und Italien umgeht, geradezu lächerlich.
Mein Nachbar sagt, Venedig sei dabei, sich zu verwandeln. Nicht in ein Freilichtmuseum, wie ich Romantikerin immer glaubte, sondern in einen Freizeitpark à la Disneyland, gewinnbringend betrieben von chinesischen Investoren. Vermutlich hat er Recht. Ob schnell oder langsam, legal oder illegal, mit viel Geld oder ohne, als Flüchtlinge oder als Investoren – die Einwanderer werden weiterhin kommen. Als ich Venedig verlasse, die gefälschte Muranoglaskette in der Tasche und das Orchestra di Piazza Vittorio im Ohr, stelle ich mir vor, wie Mozart in chinesischer Überarbeitung klingen würde, aufgeführt in nicht allzu ferner Zukunft von einem chinesischen Orchester im Teatro La Fenice.