„The Moral Imagination“1 ist ein bedeutendes Werk zum Thema Konflikttransformation. Der amerikanische Konfliktforscher und Autor John Paul Lederach scheut in ihm keine Mühe, eine bedauerliche Leerstelle aufzuzeigen, wenn es derzeit darum geht, gewaltsame Konflikte in Motoren für eine friedliche gesellschaftliche Veränderung umzuwandeln. Unser Verstand, unsere Wahrnehmung und unser rationales Empfinden scheinen leer und unscharf zu sein, wenn wir darüber nachdenken, wie wir todbringende innere und internationale Konflikte in den Griff bekommen können. Lederach ruft dazu auf, diese Leerstelle mit unserer Fantasie und unserer schöpferischen Fähigkeit auszufüllen. Er fordert glückliche Zufälle – Raum für Augenblicke der Erleuchtung und für Zufallsentdeckungen. Er wünscht sich moralisches Verhalten als Antrieb und Innovation als Werkzeug, vor allem aber Kreativität.
Somit möchte Lederach, dass Menschen und Gesellschaften neue Wege gehen, wenn sie herausgefordert werden, indem sie menschliche Eigenschaften einbringen, die normalerweise nicht als wesentliche, notwendige oder gar wünschenswerte Bestandteile von Initiativen zur Konflikttransformation angesehen werden. Lederach bindet die künstlerische, kulturelle und kreative Dimension der Menschen in diesen Prozess ein. es stellt sich jedoch die Frage, wie er dies tut. Wie lässt sich dieser inspirierende Aufruf zu mehr Fantasie in der Konflikttransformation praktisch umsetzen? Was bedeutet es in diesem Zusammenhang, sich auf Kultur einzulassen?
In dieser komplexen und chaotischen Welt greifen unzählige Ereignisse, Handlungen, Phänomene, Kausalitäten und Interdependenzen in einem absorbierenden morastigen Chaos ineinander. Es erscheint rätselhaft, dass die Menschen sich in diesem Durcheinander zurechtfinden und handlungsfähig sind, statt permanent überfordert und gelähmt zu sein. Neben anderen Faktoren bietet auch die Kultur eine Orientierungshilfe. Sie stattet die Menschen mit Werkzeugen aus, die ihnen Dinge ermöglichen, sie aber auch begrenzen und so den Zufallscharakter und die Komplexität des Daseins reduzieren. Diese Werkzeuge sind Annahmen, Normen, Werte und Gewohnheiten. Zum Zweck der Interaktion bewegen wir uns jedoch von dieser Basis gemeinsamer Werte und Normen weg und gestalten so Erwartungen.
In dieser komplexen und chaotischen Welt greifen unzählige Ereignisse, Handlungen, Phänomene, Kausalitäten und Interdependenzen in einem absorbierenden morastigen Chaos ineinander.
Allerdings ist die Kultur ein richtungsweisender Rahmen, der normativ aufgeladen und zutiefst integriert ist. Auf diese Weise wissen oder vielmehr fühlen wir stillschweigend, was gut und schön ist oder wie wir richtig handeln. Hierzu gehört auch, dass wir genauso stillschweigend wissen, was schlecht und hässlich ist oder wie wir falsch handeln.
Nach dieser Vorstellung steht Kultur für eine bestimmte Lebensweise, die untrennbar mit einer (moralischen) Bewertung verbunden ist. Sie zeigt uns gewissermaßen einen erstrebenswerten Lebensstil, der für alle Mitglieder der Gesellschaft gelten soll. Es gibt keinen Raum für den Plural „Kulturen“. Der Begriff wird hauptsächlich im Singular verwendet und täuscht so eine allgemeine Akzeptanz der Meinung vor. Die normative Basis und symbolische Gewalt oder Macht dieser Vorstellung wird jedoch meist geleugnet. Sie rührt an unser internalisiertes gemeinsames Verständnis, wie die Welt aussehen und wie sie eben nicht aussehen sollte, um dann ganz „natürlich“ Normen und Werte auf alle Mitglieder der Gesellschaft zu übertragen und auf diese Weise Grenzen zu ziehen, Unterscheidungsmerkmale zu schaffen und am Ende ein „Wir“ zu gestalten, das „richtig“ lebt. Diese Vorstellung von Kultur ist ein finales Argument, das unverrückbar, in der Wirkung monolithisch und außerdem sehr stark ausgrenzend, degradierend und abwertend ist.
Eine Kultur der Missverständnisse
Seit Samuel Huntingtons Thesen zum „Zusammenprall der Kulturen“ lässt sich in den internationalen Beziehungen eine zunehmende Hinwendung zu kulturellen Aspekten erkennen. Es ist ein bekanntes Beispiel dafür, wie sich die Sozialwissenschaften auf eine unabänderliche Kultur stürzen, die letztendlich dazu bestimmt ist, Individuen in ihrem verwirrenden und trügerischen Orbit in einen Kampf des Guten gegen das Böse zu ziehen.
Der ehemalige Bundesbanker Thilo Sarrazin hat in Deutschland eine ähnliche Debatte hervorgerufen. Er argumentiert, dass Deutschland aufgrund kultureller Unterschiede ein Integrationsproblem habe. Laut Sarrazin sind türkische und arabische Zuwanderer aus kulturellen Gründen nicht bereit, sich zu integrieren. Seine Standpunkte zur Integration offenbarten eine Kultur der Missverständnisse und förderten eine tieferliegende Behauptung zutage, dass Zuwanderer unbelehrbar und unveränderbar seien. Sarrazin reduzierte somit soziale, politische und wirtschaftliche Probleme und Defizite auf kulturelle Unterschiede.
Nicht zuletzt, weil diese Tendenz zur Vereinfachung, zum Reduktionismus und letztendlich zum „Kulturalismus“ beim Thema Kultur stets mitschwingt, haben die Sozialwissenschaften und die Konfliktforschung diese Ebene gesellschaftlicher Realität bisher einfach weggeleugnet oder sich einer Auseinandersetzung mit dieser Thematik entzogen. Es kann nicht genug betont werden, dass eine solche Vorstellung von unveränderlicher Kultur abzulehnen ist. Kultur ist nur eine Dimension sozialer Realität, die jedoch trotzdem für sich genommen ausgesprochen wertvoll ist. Beim Nachdenken über Kultur und Konflikt muss man sie in Beziehung zur Sozialstruktur setzen, die sich in der Gesellschaft und im individuellen Handeln zeigt.
Sarrazins Standpunkte zur Integration offenbarten eine Kultur der Missverständnisse und förderten eine tieferliegende Behauptung zutage, dass Zuwanderer unbelehrbar und unveränderbar seien.
In der Tat können diese Pole als Punkte eines Dreiecks gesehen werden:
- Der erste Punkt ist von Strukturen besetzt – jenen institutionalisierten Beziehungen innerhalb einer Gesellschaft und zwischen verschiedenen Gesellschaften, die den Akteuren ermöglichen zu handeln. Sie beeinflussen jedoch auch das Verhalten dieser Akteure – somit ist dies die „äußere“ Welt.
- Der zweite Punkt ist von der Kultur als einer gemeinsamen Welt der Gesellschaften und der Kollektivität besetzt. Hier geht es um die gemeinsamen Muster von Annahmen, Standpunkten und Bedeutungen sowie um die kollektive Psychologie von Gruppen. Dieser Punkt repräsentiert die gemeinsame „innere“ Welt.
- Der dritte Punkt ist mit menschlicher (Inter-)Aktion besetzt. Hier geht es in erster Linie um die Akteure als Individuen und in Gruppen, die in einer sozialen Welt Konflikte ausagieren und mit einer gewissen Handlungsmacht ausgestattet sind. Somit sind auch die Verhaltensweisen dieser Akteure hier angesiedelt. Hier treffen innere und äußere Welt aufeinander, formen und beeinflussen das Verhalten der Akteure – sowohl individuell als auch in der Gruppe.
An dieser Stelle sind bereits Auswirkungen für die Konflikttransformation zu erahnen. Wir machen geltend, dass Kultur nur als eine der Dimensionen gesellschaftlicher Realität zu verstehen ist. Somit fließt die uns umgebende Kultur in individuelle Verhaltensweisen ein, gestaltet und strukturiert sie. Diese Perspektive wird jedoch jedem Einzelnen und der gesellschaftlichen Struktur nicht gerecht. Menschen sind nicht einfach „Kulturtrottel“. Sie verfügen unabhängig von soziokulturellen Auswirkungen über kreatives Potenzial. Gesellschaftliche Interaktion kann somit bisweilen kreativ und transformativ sein. Gesellschaftliche Strukturen sind kulturbeladen und vermitteln uns einen Eindruck, wie sich Formen der Dominanz andeuten und symbolisiert werden. Dies greift jedoch zu kurz, wenn man strukturierter aufzeigen möchte, wie Macht oder Dominanz in der Regel (im Hinblick auf Besitz oder Exklusion) umgesetzt werden.
Somit müssen die gesellschaftliche Dimension und die soziale Struktur unbedingt einbezogen werden –, insbesondere bei der Konflikttransformation. Unverblümt gesagt: Es ist kontraproduktiv, Initiativen zur Einleitung eines kulturellen Wandels zu starten, ohne ein eventuell vorhandenes strukturelles Machtungleichgewicht zu bedenken oder anzugehen. Eine solche Transformation würde eine „Befriedung“ bestimmter Gruppen ohne soziale Gerechtigkeit zur Folge haben.
Kultur als „Missing Link“
In diesem Beziehungskontext hat die Kultur durch ihr Potenzial viel zu bieten. Diese Chance sollte nicht mit dem Bad des „Kulturalismus“ ausgekippt werden. Unser Verständnis von Kultur definiert sie als Summe aus allen internalisierten Normen und Werten, aus Wissen und Praktiken, die für eine sinnvolle Zugehörigkeit von Gruppen und intersubjektive Handlungen notwendig sind.
So kann Kultur „Missing Link“ sein –, das Bindeglied zwischen den Gegenspielern von Struktur und Handlungsmacht. Es ist eine Dimension unserer gesellschaftlichen Realität, die uns in die Lage versetzt, die Fragen nach dem „Warum“ und dem „Wie“ menschlichen Verhaltens zu verstehen. In diesem Sinne ist Kultur ein gewichtiger Teil gesellschaftlicher Praktiken, die letztendlich immer kulturell eingefärbt sind. Internalisierte gemeinsame Bedeutungen und Praktiken wirken sich auf unser Verhalten aus – sie inspirieren zu bestimmten Verhaltensformen und ermutigen uns dazu, halten uns aber genauso von anderen Verhaltensweisen ab und entmutigen uns. Die stillschweigende persönliche Kenntnis dieser normativen Strukturen bezieht uns in Gruppen und Communities ein und lässt uns dazugehören. Sie stehen für geografische und emotionale Grenzen. So schafft Kultur ein „Wir-Gefühl“, eine kulturelle und gesellschaftliche Identität, die uns mit unserer Community und deren Geschichte in Beziehung setzt. Kultur sorgt für eine „gelebte“ Internalisierung und die Identifizierung mit emotionsgeladenen geschichtlichen Ereignissen durch gemeinsame Symbole, Rituale oder andere kulturelle Merkmale.
Es ist kontraproduktiv, Initiativen zur Einleitung eines kulturellen Wandels zu starten, ohne ein eventuell vorhandenes strukturelles Machtungleichgewicht anzugehen.
Wir stellen nur höchst selten oder fast nie die Grundgedanken und Leitlinien unserer Kultur in Frage –, von ihren destruktiven, bösartigen oder sogar gewalttätigen Elementen gar nicht zu reden. Weil diese Grundsätze so tief in uns wurzeln und uns häufig gar nicht bewusst sind, werden diese sinnlich geprägten Richtlinien der Kultur hin und wieder angezapft oder instrumentalisiert. Aus diesen Elementen entsteht eine Dynamik, die zu einer Eskalation von Konflikten, zu Polarisierung und letztendlich zu einer Dehumanisierung des Anderen führt. Eine populistische und fundamentalistische Politik verschärft diese Tendenzen noch.
Insbesondere in Krisenzeiten, wenn sich eine Gruppe mit einer komplexen Situation konfrontiert sieht und gleichzeitig den Konsens wahren muss, um effektiv (re)agieren zu können, werden kulturelle Bedeutungen so gelenkt, dass ein emotionaler gesellschaftlicher Zusammenhalt entsteht, der pluralistische Anschauungen nicht mehr zulässt. Wer nicht zur Gruppe gehört, wird automatisch als Gegner dieser Gruppe und damit als Bedrohung empfunden. Kulturelle Bedeutungen werden zweckentfremdet, um Feindbilder entstehen zu lassen und den Anderen als nicht menschlich darzustellen. Dehumanisierung ist eigentlich ein soziokultureller Wahrnehmungsrahmen, der auf der einen Seite Bilder von Menschen entstehen lässt, die wir betrauern und auf der anderen Seite Menschen zeigt, die nicht zu betrauern sind, da ihnen ihre Existenz als menschliches Wesen von vornherein abgesprochen wird.
Wenn Individuen oder Gruppen durch eine persönliche oder situativ bedingte Dynamik in einen Teufelskreis des gewaltsamen Konflikts hineingezogen wurden, können sie an einen Punkt gelangen, wo der Andere nicht mehr als menschlich wahrgenommen wird. Gewalt wird in diesem Kontext zu einem legitimen Mittel und richtet sich unmittelbar gegen das Menschliche, indem sie soziale Bindungen zerstört, und Individuen und Gruppen ihrer Menschlichkeit beraubt. Dehumanisierung ist jedoch nur eine Form moralischer Exklusion. „Psychologische Distanz“ (die Wahrnehmung anderer als Objekte, als nicht existent), „Herablassung“ (Bevormundung anderer als minderwertig oder irrational) und andere Verhaltensweisen verhindern echte zwischenmenschliche Beziehungen.
Es ist schon fast zum Gemeinplatz geworden, dass sich Massengewalt auf das Kollektiv ebenso auswirkt wie auf den Einzelnen. Wir müssen uns jedoch trotz aller Ähnlichkeiten die Wirkungsweise sehr unterschiedlich vorstellen. Wir können das individuelle nicht mit dem kollektiven Trauma auf eine Ebene stellen. Das individuelle Trauma reagiert auf Therapien. Wir können jedoch Gruppen, Communities oder Gesellschaften nicht einfach auf die Couch legen und sie mit einer „Rede-Kur“ behandeln, weil dies für die kollektive Ebene nicht greift. Communities versuchen, mit kollektiven Traumata anders fertig zu werden, und Kultur ist hierbei einer der Bewältigungsmechanismen.
In verzweifelten Situationen ist es für den Menschen schwer, deren Sinn zu erkennen. Menschen wollen stets einen Sinn herstellen und brauchen diese Sinnhaftigkeit. Sinnlosigkeit ist der Erzfeind der menschlichen Natur. Es ist eine existentielle Angst, die eine panische Flucht in ein Sinnschema erzeugt, das uns mit einem Lebensentwurf und mit Werten versorgt. Werte vermitteln uns nicht nur, warum wir leben, sondern auch, wie wir leben sollen.
Anhaltende Gewalt erfordert ebenfalls einen Erzählrahmen und ein Sinnschema. Individuen und Gesellschaften müssen einen Sinn in der Gewalt erkennen, der sowohl die Frage nach dem Warum als auch danach beantwortet, wie sie sich mit der andauernden Gewalt und ihren Auswirkungen auseinandersetzen sollen. Im weiteren Verlauf entwickeln Gruppen und Communities bestimmte Überzeugungen, die ihnen ermöglichen, mit dieser Gewalt fertig zu werden und die sinnlosem Leiden einen scheinbaren Sinn geben.
Anhaltende Gewalt erfordert ebenfalls einen Erzählrahmen und ein Sinnschema. Individuen und Gesellschaften müssen einen Sinn in der Gewalt erkennen, der sowohl die Frage nach dem Warum als auch danach beantwortet, wie sie sich mit der andauernden Gewalt und ihren Auswirkungen auseinandersetzen sollen. Im weiteren Verlauf entwickeln Gruppen und Communities bestimmte Überzeugungen, die ihnen ermöglichen, mit dieser Gewalt fertig zu werden und die sinnlosem Leiden einen scheinbaren Sinn geben.
Somit ist die Geschichte unserer Herkunft, unserer aktuellen und künftigen Situation dadurch beschädigt, dass Massengewalt und ein kollektives Trauma erfahren wurden. Diese beschädigte Geschichte wird durch Normen, Werte, Symbole, Mythen, Lieder, Gedichte, Denkmäler, Straßennamen, usw. von einer Generation an die nächste weitergegeben. Die Geschichte des Opfers ist durch die Sehnsucht nach Rache eingefärbt und die Geschichte des Täters von der Sucht nach Sieg und Ehre geprägt.
Die Geschichten werden von verschiedenen Akteuren hochgehalten –, beispielsweise durch die Medien oder andere Vertreter des Kollektivs, die diese Geschichten durch eine „Sinnspirale“ modifizieren. So legitimiert der Bewältigungsmechanismus für das kollektive Trauma der Vergangenheit Gewalt in der Gegenwart.
Wir können Gruppen, Communities oder Gesellschaften nicht einfach auf die Couch legen und sie mit einer ‚Redekur‘ behandeln.
Kultur kann Bemühungen um eine Konflikttransformation nicht nur erheblich behindern, sondern umgekehrt auch eine zentrale Ressource sein, wenn die Überzeugungen, Geschichten und Werte einer Gesellschaft hilfreiche Wegweiser zur Navigation im jeweiligen kulturellen Bereich sind. Somit müssen Normen und Werte gefördert werden, die ein reaktionsfähiges Umfeld bzw. eine reaktionsfähige Kultur möglich machen. Um dieses Ziel zu erreichen, muss man sich mit den „pathologischen“ kulturellen Anpassungen auseinandersetzen und sie umgestalten. Veränderung und Transformation müssen nicht ausschließlich extern angestoßen oder hinzugewählt werden. Man kann sagen, dass die lokale Kultur genauso viele Hindernisse in den Weg stellt wie sie Lösungen aufzeigt. Man muss daher gemeinsam friedensstiftende kulturelle Ressourcen ermitteln, fördern und stärken, die beharrliche Hindernisse wie beispielsweise die Dehumanisierung überwinden können.
Konflikttransformation kann im kulturellen Bereich somit etwa durch Herbeiführen einer Neuausrichtung und Neuverhandlung dieser Wahrnehmungsrahmen aktiv werden. Rehumanisierung bedeutet in diesem Zusammenhang die Umkehr der Auswirkungen einer destruktiven Konfliktdynamik und der Gewalt auf Werte und Einstellungen gegenüber anderen. Für die Konflikttransformation ist es somit von zentraler Bedeutung, eine Kultur der Rehumanisierung und der Reaktionsfähigkeit zu fördern. Neben diesem relationalen Gedanken von einer Neustrukturierung und dem Abbau von Feinbildern bezieht uns die Rehumanisierung auch im Hinblick auf unsere Rolle als Opfer oder Täter ein.
In gewaltsamen Konflikten können wir unsere innere Verbindung an das Menschsein verlieren. Insbesondere sexualisierte Gewalt bedeutet beispielsweise in patriarchalischen Gesellschaften einen tiefen Einschnitt in das soziale Gefüge und hinterlässt stigmatisierte Opfer. Diese Opfer und Opfer im Allgemeinen finden sich häufig geächtet, marginalisiert und ausgegrenzt, noch verstärkt durch den Verlust der Ehre, der Fruchtbarkeit und durch Ängste vor einer „Verunreinigung“.
Täter, die in langwierigen Konflikten allgegenwärtig sind, verlieren im Dunst der Grausamkeiten ebenfalls einen Teil ihrer menschlichen Natur. Somit entwickeln sie das psychische Bedürfnis, ihr Selbstbild als moralische Person wiederherzustellen. Schuldgefühle aufgrund der Verstöße gegen gemeinsame Werte und Normen stellt die Täter außerhalb der kulturellen Gemeinschaft und sie werden unter Umständen ebenfalls ausgegrenzt, marginalisiert oder unterdrückt.
In diesem Zusammenhang muss der Hintergrund der grundverschiedenen Erfahrungen von Opfern und Tätern in gewaltsamen Konflikten vorrangig integriert werden. Ganz gleich, was die Täter durchgemacht haben –, es ist aus den destruktiven Handlungen und Strategien entstanden, die sie gegenüber den Opfern angewandt haben. An und für sich sind vorschnelle Bemühungen, die Täter zu integrieren, zurückzuweisen. Sie entstehen vor allem dann, wenn gesellschaftliche Strukturen nicht transformiert wurden und nach wie vor asymmetrische Machtverhältnisse bestehen.
In diesem Zusammenhang hat in den letzten Jahrzehnten eine reaktionsfähige Kultur an Gewicht gewonnen, während die stärkende oder wahlweise schwächende Auswirkung des politischen und soziokulturellen Umfelds auf traumatisierte Opfer immer mehr in den Vordergrund rückte. Es steht mittlerweile fest, dass eine gesellschaftliche und kollektive Unterstützung dem Einzelnen dabei hilft, mit potenziell traumatisierenden Erlebnissen umzugehen.
Wissenschaftler und Fachleute der Übergangsjustiz heben in diesem Zusammenhang die positive Wirkung von Anerkennung, Reparationszahlungen, Wahrheitskommissionen und Kriegsverbrechertribunalen hervor. Eine reaktionsfähige Kultur zu fördern ist somit ein essenzieller Bestandteil der Konflikttransformation. Hierzu zählen auch die Neuverhandlung von Feindbildern, die den Weg für eine reaktionsfähige Kultur bereitet (durch Anerkennung des Leids, das den Opfern zugefügt wurde) und die Wiedereingliederung von Opfern und Tätern in die moralische Gemeinschaft durch Aufarbeitung der Vergangenheit.
Kulturelle Aktivitäten und Veranstaltungen können den notwendigen gesellschaftlichen Reflexionsraum bieten, der für die Transformation von Normen und Werten notwendig ist. Ein Beispiel ist in diesem Zusammenhang die Gründung des Kulturzentrums im palästinensischen Flüchtlingslager Talbiyeh in Jordanien, das von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) unterstützt wird.
Das Kulturzentrum organisiert Kunstworkshops über Fotografie, Film, Animation und soziale Medien, öffentliche Vorträge und Videovorführungen. Durch diese Kunstworkshops können die jungen Teilnehmer nicht nur ihre Kreativität ausdrücken, sondern auch auf konstruktive Weise Normen und Werte in Frage stellen, die in der Diaspora wie eingefroren sind und nicht in die heutige Gesellschaft passen. Öffentliche Installationen laden die Community im Talbiyeh-Camp ein, eine öffentliche Diskussion über ihre aktuelle Identität zu führen.
Indem die Jugendlichen Überlebende der Nakba – der Vertreibung der Palästinenser nach der israelischen Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1948 – im Talbiyeh-Camp interviewten und filmten, setzten sie sich mit dem kollektiven Trauma auseinander. Diese historischen Archive werden in Zukunft möglicherweise eine Quelle der Heilung für die „beschädigte“ palästinensische Geschichte. Gleichzeitig wird das kulturelle Leben im Flüchtlingslager, das bereits zu reiner Folklore verkümmert war, durch die Beschäftigung mit zeitgenössischer palästinensischer Kultur und Kunst neu belebt. Das Kulturzentrum unterstützt somit die Transformation von Normen, Werten und gesellschaftlichen Praktiken (Kultur). Es arbeitet jedoch auch an der Transformation institutionalisierter Beziehungen (Gesellschaftsstruktur). Das Zentrum wird von Frauen geleitet, und Mädchen und Jungen lernten zum ersten Mal gemeinsam.
Die Einrichtung des Kulturzentrums in Talbiyeh zeigt, dass Entwicklungszusammenarbeit nicht auf die Erfüllung von materiellen Grundbedürfnissen beschränkt sein muss, sondern sich auch immateriellen Grundbedürfnissen wie Identität widmen kann. Die Stärkung des soziokulturellen Umfelds ist kreativitätsfördernd und unterstützt das, was John Paul Lederach „moralische Fantasie“ nennt –, jenen entscheidenden Faktor für die Konflikttransformation.