Eine Hand hält eine Glühbirne vor bewölktem Himmel.
Die vielen Ideen Europas

Kein Kontinent oder Land kann der alleinige Motor der Weltgeschichte sein. Das Selbstbild Europas als Hort der Vernunft und Garant der Freiheit ist blutgetränkt, der Anspruch auf die moralische und politische Überlegenheit bestenfalls provinziell.

Mein Buch „Aus den Ruinen des Empires“ handelt von Indien, China, Ägypten, dem Iran, der Türkei und anderen Ländern, die im 19. Jahrhundert von europäischen Mächten unterjocht wurden. Die Hauptfiguren des Buchs sind asiatische Intellektuelle, Schriftsteller und Aktivisten. Man könnte daher die Frage stellen: Inwiefern sollte es das Selbstverständnis Europas befördern, wenn man etwas über diese Leute erfährt? Eine mögliche Antwort lautet, dass Europa immer schon in meinem Selbstverständnis – und in dem von hunderten Millionen Asiaten – präsent war.

Auch wenn ich in Indien geboren wurde und in meiner Familie kein Englisch gesprochen wurde, prägten doch europäische Bücher meinen Wunsch, Schriftsteller zu werden. Einige davon waren in englischer Sprache geschrieben, viele waren englische Übersetzungen deutscher Schriftsteller wie Thomas Mann und Hermann Hesse, später dann Robert Musil und Hermann Broch.

Die traumatischen Erfahrungen Deutschlands als später Modernisierer – und die soziologischen Erkenntnisse im Werk Max Webers, Georg Simmels und der Frankfurter Schule – waren und sind von wesentlicher Bedeutung für das Verständnis vieler sozialer und politischer Aspekte des indischen Nationalstaats: seiner zahlreichen Wirtschaftskrisen, der politischen Instabilität und der verbreiteten Sehnsucht des Bürgertums und der Wirtschaft nach einem autoritären Führer.

Vor einem Jahrzehnt begann ich die Arbeit an einem Buch über den Buddha. Die Erinnerung an den Mann und seine Ideen war in Indien geschwunden, obwohl die Empfänglichkeit für seine Lehren in anderen Teilen Asiens zugenommen hatte. Anfangs waren meine geistigen Führer Schopenhauer und Nietzsche, die viel und meist zustimmend über den Buddhismus geschrieben haben.

Ich wusste, dass diese Männer große europäische Philosophen waren. Ihr hohes Ansehen stärkte und vertiefte mein Interesse an einer indischen Philosophie, die in Indien selbst weitgehend in Vergessenheit geraten war. Von großem Nutzen war mir außerdem die wissenschaftliche Arbeit deutscher Indologen wie Max Müller, Hermann Oldenburg und Paul Deussen.

Viele der größten Denker (…) versuchten, eine von griechisch-römischen und christlich-jüdischen Traditionen unabhängige deutsche Identität zu begründen.

Es mag seltsam anmuten, dass im späten 20. Jahrhundert ein indischer Schriftsteller bei der Erkundung seiner eigenen historischen und geistigen Tradition auf die Hilfe deutscher Denker des 19. Jahrhunderts angewiesen sein sollte.

Aber bei meiner Arbeit an einem Buch über den Buddhismus stieß ich auf eine weitere Bemühung um ein besseres Selbstverständnis, das gleichfalls auf der Philosophie und Literatur in einem anderen Teil der Welt basierte. Ich meine natürlich die im frühen 19. Jahrhundert in Deutschland aufkommende Faszination für Indien, die in einem tiefen Zusammenhang mit dem Projekt nationaler deutscher Selbstbestimmung stand.

Viele der größten Denker dieser Zeit, von Herder bis Friedrich Schlegel, versuchten, eine von griechisch-römischen und christlich-jüdischen Traditionen unabhängige deutsche Identität zu begründen. Sie hofften, Deutschland werde sich selbst und das übrige Europa erneuern, und diese Bemühungen brachten zahlreiche Denkströmungen zusammen – Romantik, Nationalismus und Indologie. Die pantheistisch geprägten indischen Religionen wirkten anziehend auf Deutsche, die die spirituelle Einheit der Welt postulierten und die vorherrschende französische Kultur der Aufklärung zu kritisieren versuchten.

Diese Denker suchten in indischen Schriften nach Erklärungen für die Wanderungsbewegungen germanischer Stämme. Sie verknüpften den deutschen Idealismus mit der hinduistischen Philosophie und fanden in der Sanskritliteratur poetische Inspiration für ihre romantischen Ergüsse. Die Reaktion auf den französischen Klassizismus verleitete Friedrich Schlegel, den Vater der Indologie, sogar zu der Behauptung, alles, wirklich alles habe seinen Ursprung in Indien.

Die Idee Europas als Verkörperung von Vernunft und Freiheit (…) wurde von Asiaten niemals uneingeschränkt geteilt (…).

Trotz solcher Übertreibungen trugen deutsche Übersetzungen und Interpretationen indischer Philosophie dazu bei, dass diese Philosophie zum Bestandteil des umfassenden Wissensbestands der Menschheit im 19. Jahrhundert wurde. Sie hatten großen Einfluss auf die amerikanischen Transzendentalisten Ralph Waldo Emerson und Henry David Thoreau, die eine neue Sicht der Neuen Welt zu entwickeln versuchten.

 

Romantische Ergüsse

Nicht alle Versuche, über das Studium fremder Traditionen ein eigenes Selbstverständnis zu entwickeln, waren harmlos. Wie wir wissen, wurde die deutsche Indologie mit ihrer obsessiven Fixierung auf rassische Ursprünge zur Komplizin des verbrecherischen Projekts des Nationalsozialismus.

Kaum Aufmerksamkeit haben wir dagegen einem weitaus einflussreicheren Selbstverständnis geschenkt, in dem die Europäer als Herrenrasse erscheinen, deren Aufgabe es sei, den Rest der Welt zu zivilisieren – eine Sicht, die sich der Herabsetzung der übrigen Gesellschaften verdankte, aber bis heute ein erstaunliches Maß an Legitimation genießt. Ich meine natürlich das fortbestehende Bild von Ländern wie Indien und China, das Friedrich Hegel in seinem dialektischen System vorstellte, dem ersten ambitionierten Versuch einer Beschreibung der gesamten Weltgeschichte, in dem Asien rasch auf die Stellung des hoffnungslos Rückständigen verwiesen wurde.

Hegels Sicht, wonach die Europäer die moderne Welt schufen und die Modalitäten wie auch den Maßstab des Fortschritts bestimmten, machte Schule. Verachtung für Religion und Kultur Asiens wurden in der auf Globalisierung drängenden europäischen Elite zum Gemeinplatz und traten an die Stelle des früheren orientalistischen Interesses daran. Selbst für den namhaften Liberalen John Stuart Mill war Indien eine rückständige, zur Selbstregierung unfähige Gesellschaft, die eine Phase europäischer Herrschaft benötigte.

 

Schmeichelhafte Selbstbilder

Ein Mann betrachtet ein Gemälde, auf dem Kolonialherren zu sehen sind.
Wir erleben in den letzten Jahren ein neues populäres Selbstverständnis, in dem Europa und die Vereinigten Staaten als ständige Garanten der individuellen Freiheit erscheinen, Foto: Redcharlie via unsplash

Die rasche Ausdehnung der britischen, französischen und holländischen Kolonialreiche in Asien, Afrika und Lateinamerika schien europäische Ansprüche auf moralische, geistige und politische Überlegenheit zu bestätigen. Solche schmeichelhaften Selbstbilder hätten die blutigen brudermörderischen Konflikte des frühen 20. Jahrhunderts eigentlich nicht überleben sollen.

Dennoch erleben wir in den letzten Jahren ein neues populäres Selbstverständnis, in dem Europa und die Vereinigten Staaten als ständige Garanten der individuellen Freiheit und als Horte der Vernunft, der Freiheit und der Demokratie erscheinen. Viele dieser wirren Selbstbilder haben ihren Ursprung in dem uralten gefährlichen Verlangen, sich selbst zu definieren, indem man „den Anderen“ – Juden, Kommunisten oder Muslime – marginalisiert oder dämonisiert.

Im frühen 20. Jahrhundert tilgte ein Teil Europas, der entschlossen war, sich als christlich zu definieren, die langen Jahrhunderte des Islam aus seiner Geschichte. Die größten modernen Denker Spaniens, José Ortega y Gasset und Miguel de Unamuno, stellten den Islam als unglückseligen Einbruch in die Geschichte Europas dar und bestritten entschieden jeden arabischen Einfluss auf die europäische Kultur.

Dieser Drang hat sich im Zeitalter der Masseneinwanderung aus muslimischen Ländern noch verstärkt. In dem Wunsch, die Muslime als die nicht assimilierbaren „Anderen“ Europas abzustempeln, erklärte der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy, Frankreichs Wurzeln seien „im Wesen christlich“ – eine denkbar blasphemische These in einem Land, das von sich behauptet, das Produkt der säkularen Aufklärung zu sein.

Die Idee Europas als Verkörperung von Vernunft und Freiheit – ein ideologischer Gedanke, der sich während der langen Pattsituation zwischen der sogenannten „freien“ Welt und dem totalitären Kommunismus verfestigte – wurde von Asiaten niemals uneingeschränkt geteilt und kann auch nicht von ihnen geteilt werden.

Für sie gibt es keine „Idee“ Europas. Es gibt viele „Ideen Europas“, darunter zumindest in asiatischen Augen der Imperialismus ebenso wie die liberale Demokratie, rassische und religiöse Intoleranz ebenso wie individuelle Freiheit und den Kampf für Gerechtigkeit. In Süd- oder Ostasien, wo die hasserfüllten Gefühle des Zweiten Weltkriegs gefährlich zu neuem Leben erwacht sind, können viele nur staunen über den Frieden, den Deutschland und Frankreich nach Jahrhunderten blutiger Konflikte miteinander geschlossen haben.

Die Auswirkungen und Folgen der Globalisierung (…) [haben] eher zu intellektueller Verblüffung und Arroganz als zu Klarheit, Bescheidenheit und Einsicht geführt.

Aber wir können unsere Augen nicht vor der alten politischen und moralischen Herausforderung des Kontinents verschließen: dem Umgang mit sozialen und kulturellen Unterschieden. Schon vor den Grausamkeiten des frühen 20. Jahrhunderts war die Bilanz Europas auf diesem Gebiet entmutigend.

Wie mein Buch zeigt, sahen die eifrigsten Nachahmer in Asien – anglophile Inder und frankophile Vietnamesen – sich schon bald mit rassischen und religiösen Barrieren konfrontiert. Dauerhafte Unterlegenheit schien selbst das Schicksal der Japaner zu sein, die von allen Asiaten noch am schnellsten und eifrigsten die scheinbar überlegenen rationalen Rechtssysteme und Institutionen der europäischen Zivilisation übernahmen. Erst in jüngster Zeit haben die Türken die bittere Erfahrung eines gescheiterten Versuchs gemacht, in den rassisch-exklusiven Klub Europas aufgenommen zu werden.

Der gegenwärtige Aufstieg rechtsextremer Parteien zeigt, dass Europa heute erneut um den Umgang mit seinen Minderheiten kämpft, die vielfach als billige Arbeitskräfte aus ehemals beherrschten Ländern geholt wurden. Es ist nicht nur verblüffend, sondern auch entmutigend, wenn man sieht, dass nicht nur Rechtsextreme, sondern auch viele liberale Politiker und Intellektuelle in Europa mit einem Mehrheitsnationalismus flirten, als Reaktion auf eine zumindest nach asiatischen Maßstäben äußerst begrenzte Erfahrung mit sozialer Vielfalt und politischem Extremismus.

Wir beobachten heute eine seltsam paradoxe Entwicklung. Die Auswirkungen und Folgen der Globalisierung, der ökonomischen und geistigen Vereinigung der Welt, treten klarer zutage als jemals zuvor, aber das hat eher zu intellektueller Verblüffung und Arroganz als zu Klarheit, Bescheidenheit und Einsicht geführt.

Versuche, das europäische Selbst durch die gewaltsame Abgrenzung gegenüber dem Anderen und durch Gegensätze (…) zu definieren, können keinen Erfolg haben (…).

Großbritannien, das einen unwiderruflichen Niedergang erlebt und sich absondert, ist immer noch in steriler Weise besessen von seinen großen Siegen über Deutschland in den beiden Weltkriegen. Inzwischen bringt ein im Aufstieg begriffenes Asien seine eigenen Teilnarrative hervor. Die Führer des aufsteigenden China verweisen auf ein „Jahrhundert der Demütigung“ durch westliche Mächte und betonen zugleich ihre lokale und internationale Macht.

Die politische Selbstbehauptung der islamischen Länder und der Aufstieg des chinesischen Nationalismus führen uns die vernetzte, aber äußerst ungleiche Welt vor Augen, die der europäische Imperialismus geschaffen hat. Versuche, das europäische Selbst durch die gewaltsame Abgrenzung gegenüber dem Anderen und durch Gegensätze – zivilisiert und rückständig, Kolonisator und Kolonisierter – zu definieren, können keinen Erfolg haben in einem Zeitalter, in dem der Andere ebenfalls die Macht hat, Geschichte zu schreiben und zu machen. Der Boden ist bereitet für komplexere Formen des Selbstverständnisses, frei von Selbstgefälligkeit, nationalistischer Mythenbildung und Rassendünkel.

Ich möchte den großen europäischen Denker Paul Valéry zu Wort kommen lassen, der schon früh im 20. Jahrhundert spürte, dass anders, als Hegel glaubte, kein Kontinent oder Land der alleinige Motor der Weltgeschichte sein kann: „Da sich das Ursachensystem“, schrieb er, „das die Geschicke eines jeden von uns bestimmt, nunmehr über den gesamten Erdball erstreckt, wird dieser auch bei jeder Erschütterung als ganzer in Mitleidenschaft gezogen; Fragen, die umgrenzt blieben, weil sie auf einen Punkt begrenzt waren, gibt es nicht mehr.“ Wenn wir Valérys Erkenntnis akzeptieren, muss unser Selbstverständnis all jene Gesellschaften und Völker einbeziehen, die so fern und losgelöst von uns erscheinen: vormoderne ebenso wie moderne, asiatische und afrikanische ebenso wie europäische.

 

Drei Globusse vor grauer Wand.
Kein Kontinent oder Land kann der alleinige Motor der Weltgeschichte sein, Foto: Marina Leonova via pexels

Mit seiner Darstellung gemeinsamer Erfahrungen, Dilemmata und Gespräche über politische und geographische Grenzen hinweg soll mein Buch „Aus den Ruinen des Empires“ eine bescheidene Einladung an Asiaten wie Europäer sein, über die Gettos nationalistischer und imperialer Geschichte hinaus zu denken, in denen die meisten von uns gefangen sind.

Für mich ist es eine Tatsache, dass unser Selbstverständnis in einer so komplex vernetzten Welt – ob wir nun in Europa, Asien oder Lateinamerika leben – unbedingt weniger provinziell und viel kosmopolitischer werden muss. Es muss mit unseren Identitäten Schritt halten, die sich in einer ständigen Entwicklung mit unbestimmtem Ausgang befinden.

Aus dem Englischen übersetzt von Michael Bischoff.

Über den Autor
Foto von Pankaj Mishra auf einem Podium.
Pankaj Mishra
Schriftsteller, Literaturkritiker und Lektor

Pankaj Mishra ist ein indischer Schriftsteller, Literaturkritiker und Lektor. Er schreibt regelmäßig für die New York Review of Books, den New Yorker und den Guardian über den indischen Subkontinent, Afghanistan und China. Pankaj Mishra war unter anderem Gastprofessor am Wellesley College und am University College London.

Bücher (Auswahl):

  • Freundliche Fanatiker. Über das ideologische Nachleben des Imperialismus. S. Fischer, Frankfurt/M. 2021
  • Das Zeitalter des Zorns. Eine Geschichte der Gegenwart. S. Fischer, Frankfurt/M. 2017
  • Aus den Ruinen des Empires. Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens. S. Fischer, Frankfurt/M. 2013
  • Lockruf des Westens. Modernes Indien. Berenberg, Berlin 2011